

| Ihr, die ihr glaubt, wenn am Tag der Versammlung der Ruf zum Gebet zu hören ist, dann eilt zum Gedenken Gottes und laßt den Handel ruhen. Das ist besser für euch, wenn ihr es nur wüßtet. Und wenn das Gebet beendet ist, dann verteilt euch im Land und strebt nach Gottes Gnadengaben und gedenkt Gottes oft, damit ihr erfolgreich seid. Doch wenn sie ein Geschäft oder ein Vergnügen sehen, dann brechen sie sogleich dorthin auf und lassen dich stehen. Sprich: Das, was bei Gott ist, ist besser als Vergnügen und Geschäft, und Gott ist der beste Versorger. (62:9-11) |
Der Freitagsgottestdienst ist eines der Merkmale des Islam. Wo ein Freitagsgottesdienst stattfindet, da gibt es eine ortsansässige muslimische Gemeinschaft. In islamischen Ländern gehört er zum selbstverständlichen Lebensrhythmus: die Vorbereitungen am Morgen wie das Bad und das Anziehen frischer Kleidung, der Gebetsruf, die Gelegenheit, sich in einer Moschee zu versammeln und einer Predigt zuzuhören und gemeinsam zu beten und sich danach zu erholen und beisammenzusein. Dies wird als normaler Lebensvollzug gesehen, sogar in Ländern wie der Türkei, die den Sonntag als wöchentlichen Feiertag eingeführt haben.
Der Freitagsgottesdienst wurde in Madinah nach der Hijra eingeführt, nachdem die erste Moschee gebaut worden und der Beschluß gefaßt worden war, die menschliche Stimme die Menschen zum Gebet rufen zu lassen. Er war ein Bezugspunkt im Raum und in der Zeit für die neue autonome muslimische Gemeinschaft. Seitdem hat er immer zu den selbstverständlichsten Praktiken in der islamischen Welt gehört.
Ich möchte nun 1400 Jahre überspringen, zu den 60er Jahren in Europa. Die meisten Muslime vor der Massenmigration waren Geschäftsleute und Studenten, die meisten von ihnen Männer, die von ihrer vertrauten Umgebung abgeschnitten waren in etwas, was man als zeitweilige Diaspora betrachtete - abgeschnitten auch voneinander, abgesehen von winzigen Gruppen, die sich in ihren jeweiligen Wohnungen trafen oder in Räumen der Universität oder des Studentenheims, die sie als Gäste benutzen durften. Die ersten aktiven Gemeinden waren Studentengemeinden, die auf bewundernswerte Weise Gebetsräume und Orte der Begegnung organisierten und selbst den Bau der einen oder anderen Moschee in die Wege leiteten. Aber o weh! Statt der ersehnten Harmonie gab es ständige Diskussionen. Da sie aus verschiedenen Ländern kamen, gab es viele Ansichten aus vielen verschiedenen, sogar widersprüchlichen Traditionen.
Als sich nämlich der Islam in verschiedenen Teilen der Welt ausbreitete, war es nur natürlich, daß verschiedene Traditionen entstanden, je nach dem Klima oder der kulturellen oder sozioökonomischen Umgebung oder der Entwicklung von Wissenschaft und Philosophie oder ausgelöst durch praktische Fragen. Zu den letzteren gehörte, ob, für wen und unter welchen Voraussetzungen der Freitagsgottesdienst eine Pflicht ist. Natürlich kamen die Gelehrten zu unterschiedlichen Schlußfolgerungen, je nachdem wo sie in dem jeweiligen Zusammenhang den Sinn sahen. Der Freitagsgottesdienst ist offensichtlich ein Anlaß, als Gemeinde zusammenzukommen, Aber woraus besteht eine Gemeinde? Drei, zehn, vierzig? Männer? Frauen? Ist eine Dorf oder eine Stadt erforderlich, eine örtliche oder eine Zentralmoschee? Wie weit sollen die Leute reisen müssen? Wer ist qualifiziert, den Gottesdienst zu leiten und zu predigen? Ist die Predigt in der Sprache der Umgebung zu halten, damit die Leute sie verstehen und darüber nachdenken können, oder ist sie eine formale Handlung auf Arabisch oder irgendeine Art von Verbindung von beidem? Wo sonst wäre die Zeit und der Ort, Denkanstöße zu bekommen? Sind Denkanstöße immer das, was Führer oder Herrscher den Leuten geben möchten? Oder geht es vielmehr darum, Anweisungen zu bekommen und Ermahnungen zu hören? Oder gar darum, die Leute davon abzuschrecken, kreativ zu werden und zu viele Fragen zu stellen? Wenn der Prediger voreingenommen ist oder von einem Regime bevormundet wird, ist es dann immer noch eine Pflicht, die Predigt anzuhören? Die Freitagspredigt ist ein mächtiges Werkzeug - sowohl im guten als auch um schlechten Sinne.
Dies klingt ziemlich haarspalterisch, aber dies waren die Streitfragen, die in jeder Tradition die vertrauten Gewohnheiten prägten und nun eine bedrohliche Herausforderung darstellten: wenn wir etwas anders machen, als wir es gewohnt sind, ist es dann noch dasselbe? Für einige löste die Situation einen Prozeß des Überdenkens aus, und zwar auf einer Ebene, von der viele Gelehrte in der islamischen Welt kaum jemals träumen würden. Andere fragten die Gelehrten "in der Heimat" um Rat. Die Antworten reichten von der "leichten" Feststellung, der Freitagsgottesdienst sei nicht verpflichtend, wenn er mit Schwierigkeiten verbunden ist, bis zu strengen Anweisungen, ihn unter allen Umständen durchzuführen oder aber aus der "unislamischen" Diaspora wieder nach Hause zu kommen, sowie alle Schattierungen dazwischen. In diesen Tagen lernte man eine Menge, sowohl über den Islam als auch über Gemeindedynamik. Aus der Perspektive des Gemeindeaufbaus gab es eine Tendenz, mit der absoluten Mindestzahl von Teilnehmenden anzufangen und das zu tun, was am sinnvollsten erschien.
In der Zwischenzeit hat die Anzahl der Muslime enorm zugenommen. Zumindest in den größeren Städten gibt es jetzt Moscheen und Freitagsgottesdienste sowie eine Anzahl von Organisationen, die qualitativ hochwertige Gemeindearbeit anbieten. Es gibt Männer und Frauen, die sich gewissenhaft bemühen, den Stand von Wissen, Selbstvertrauen und ethischem Pflichtgefühl anzuheben. Aber die Probleme sind noch nicht gelöst. Es gibt viele andere, die das Stadium des Improvisierens noch nicht überwinden konnten, die immer noch Angst haben, die notwendigen neuen Fragen zu stellen und an dem sich entwickelnden Diskurs teilzunehmen, und die ein Spiegelbild der Lage an vielen Orten der islamischen Welt wiedergeben, die sich sowohl von den spirituellen als auch von den sozioökonomischen Idealen weit entfernt hat. Dennoch gibt es für viele Muslime in westlichen Ländern jetzt eine Auswahl, für die wir dankbar sind.
"Gedanken zum Freitag" sollen ein Beitrag zum Gedenken Gottes sein. Sie können vielleicht denen, die durch andere Pflichten verhindert sind, am Freitagsgottesdienst teilzunehmen, etwas geistige Nahrung geben. Denen, die daran teilnehmen, können sie vielleicht einige zusätzliche Denkanstöße geben. Und schließlich können sie für die nützlich sein, die gern informell etwas studieren, oder für jede und jeden, der sich einfach nur für islamisches Denken interessiert. Hoffentlich trägt es etwas zur Wiederbelebung von Denken, Wissen und Hoffnung bei.
In der Schöpfung der Himmel und der Erde und dem Wechsel von Nacht und Tag sind doch Zeichen für die Verständigen, die im Stehen, Sitzen und wenn sie auf der Seite (liegen) Gottes gedenken und über die Schöpfung der Himmel und der Erde nachdenken: "Unser Herr, Du hast dies nicht sinnlos erschaffen. Erhaben bist Du! Rette uns also von dem Leid des Feuers. Unser Herr, jeden, den Du ins Feuer gelangen läßt, setzt Du der Schande aus, und für die Ungerechten gibt es keinen Helfer. Unser Herr, wir haben den Ruf eines Rufers gehört, der zum Glauben einlädt: "Glaubt an euren Herrn!" und wir glauben. Unser Herr, vergib uns darum unsere Sünden und gleiche unsere schlechten Handlungen aus und laß uns mit den Rechtschaffenen zurückkehren. Unser Herr, und gib uns, was Du uns durch Deine Gesandten verheißen hast, und laß uns am Tag der Auferstehung nicht in Schande geraten. Du brichst doch Dein Versprechen nicht." Ihr Herr antwortet ihnen: "Ich lasse das Werk des Wirkenden unter euch nicht verloren gehen, sei es Mann oder Frau. Ihr gehört zueinander. Diejenigen also, die ausgewandert sind und aus ihrem Heim vertrieben wurden und in Meinem Weg verfolgt wurden und gekämpft haben und getötet wurden, deren schlechte Handlungen gleiche Ich aus und bringe sie in Gärten, durch die Ströme fließen - ein Lohn von Gottes Gegenwart, und bei Gott ist der beste Lohn. (3:190-195)

(c) Halima Krausen, 2005