

| Und als dein Herr zu den Engeln sagte: "Ich bin im Begriff, einen Statthalter auf der Erde einzusetzen," da sagten sie: "Willst Du dort einen einsetzen, der auf ihr Unheil stiftet und Blut vergießt, während wir Deine Herrlichkeit loben und Dich heiligen?" Er sprach: "Ich weiß, was ihr nicht wißt." (2:30) |
Der Freitag ist der Tag, der uns zu unseren Wurzeln zurückführt. Er ist der sechste Schöpfungstag, der Tag der Erschaffung des Menschen, Adam. Er ist Yawm al-Jumu'ah, der Tag der Versammlung, an dem sich Menschen versammeln, um sich in Dankbarkeit und Freude an die Wohltaten zu erinnern, die Gott ihnen erwiesen hat, an die Versorgung und Rechtleitung, die Er ihnen zukommen läßt, und an ihre Verantwortung vor Ihm für ihre Mitmenschen und die übrige Schöpfung.
Was bedeutet es, ein Mensch zu sein?
Der Qur'an führt uns zurück zu einer Szene vor der Erschaffung Adams. Gott stellt das neue Projekt den Engeln vor: "Ich bin im Begriff, einen khalîfah auf der Erde einzusetzen."
Hier wollen wir einen Augenblick innehalten und nachdenken. Von dem Wort khalîfah kommt das deutsche Work Kalif. Aber in dem Vers geht es sicherlich nicht um das Oberhaupt eines traditionellen muslimischen Staatsgebildes vor der Abschaffung des Kalifats. Es geht vielmehr um den Menschen als solchen, und das Wort ist auf verschiedene Weise übersetzt und erklärt worden: ein Nachfolger, Stellvertreter, Treuhänder oder Statthalter. Einige Kommentatoren verweisen auf den hohen ontologischen Status des Menschen und seine besondere Macht, die er, im Guten wie im Bösen, über andere Geschöpfe ausüben kann, oder auf seine Aufgabe, die Schöpfung zu bewahren und eine gerechte, friedliche Gesellschaft aufzubauen. Andere bestehen aus Furcht vor menschlichem Größenwahn darauf, daß der Mensch nicht mehr ist als ein Nachfolger anderer Arten von Geschöpfen, seien es die Tiere, die von Natur aus nicht in der Lage sind, komplexere Dienste zu leisten, seien es die Jinnen, geheimnisvolle unsichtbare Kräfte, die ihrer Rebellion wegen in die Wildnis verbannt wurden, so daß der Mensch die Gelegenheit bekommen hat, es besser zu machen.
All dies sind Aspekte desselben Begriffes und Facetten des qur'anischen Menschenbildes. Der Mensch, Mann und Frau, wurde mit einem weitreichenden Potential geschaffen, die übrige Schöpfung zu verstehen, zu nutzen und sogar zu verändern, und hat die Freiheit bekommen, davon Gebrauch zu machen. Gleichzeitig hebt ihn dies aber nicht aus dem Bereich der Geschöpfe hinaus, sondern ist vielmehr mit einer besonderen Verantwortung verbunden, von diesen mächtigen Werkzeugen in einer Art und Weise Gebrauch zu machen, die ihm selber und anderen Gutes bringt, mit Blick darauf, dem Schöpfer dafür Rechenschaft abzulegen.
Eine ähnliche Vorstellung ist in der biblischen Schöpfungserzählung umrissen. Der Mensch wurde "nach Gottes Bild" erschaffen, nännlich und weiblich. Offensichtlich wurde dies vor einer gewissen Erfahrung mit Bildern in einigen monotheistischen Traditionen geschrieben und soll keinesfalls andeuten, daß ein Mann oder eine Frau wie Gott aussieht, sondern spricht vielmehr auf das Potential an, das Menschen zu etwas Besonderem innerhalb der Schöpfung macht, woraufhin sie eingesetzt sind, "die Fische im Meer und die Vögel unter dem Himmel und alles Lebendige, das auf Erden kriecht" zu beherrschen und "den Garten zu bebauen und zu bewahren".
Wenn wir zu der Erzählung im Qur'an zurückkehren, finden wir, daß die Engel alles andere als begeistert von diesem Projekt sind und prompt ihrer Besorgnis Ausdruck geben, daß es auch schiefgehen kann, daß der Mensch, statt ein verantwortlicher khalîfah zu sein, sich selbst als Herrscher in eigener Regie betrachtet und sein Potential mißbraucht, so daß er auf er Erde "Unheil stiftet und Blut vergießt."
In unserer Zeit mögen wir dazu neigen, mit den Engeln zu sympathisieren, denn wir leben in einer Atmosphäre der Angst vor dem, was Menschenhände hervorgebracht haben, mit einem Rückblick auf die Erfahrungen von zwei Weltkriegen, zahllosen Fällen von Völkermord und der Vernichtung von Kulturen sowie furchtbaren Verbrechen sogar im Namen der Religion, und wir sind mit Massenvernichtungswaffen, Terror und Gegenterror, wirtschaftlicher Ungerechtigkeit und Unterdrückung, der Ausrottung vieler Tier- und Pflanzenarten und schweren Schäden an der natürliche Umwelt konfrontiert. Ist die Schöpfung also doch schiefgegangen? Hatten die Engel recht? Erscheint nicht das menschliche Verhalten insgesamt wie ein Schlag ins Gesicht des Schöpfers, eine Beleidigung für alles, was heilig ist?
Gottes Antwort ist erstaunlich. "Ich weiß, was ihr nicht wißt." Was weiß Gott?
Während es wahr ist, daß kein menschlicher Verstand jemals Gottes unermeßliches Wissen ergründen kann, können wir uns doch sehr wohl der Dinge sicher sein, deren Zeugen wir in der Vergangenheit waren und die wir in der Gegenwart weiterhin erleben. Nur einige wenige Punkte:
Insgesamt sagt Gott ja zu der Schöpfung Adams. Wir sind nicht bloße zufällige Nachfolger primitiverer Arten, sondern bewußt gewollte Wesen, die fähig sind, bewußte Entscheidungen zu treffen - einschließlich der bewußten Entscheidung, zu lieben und die Liebe unseres Schöpfers zu teilen.
Gott gibt uns einen Vertrauensvorschuß. Wir wollen uns also bemühen, uns dessen würdig zu erweisen.
Unser Schöpfer und Erhalter, hilf uns, uns an die Gaben, die Führung und die Würde zu erinnern, die Du uns gegeben hast. Stärke unseren Mut, unsere Anlagen zu entdecken und in Deinem Dienst zu nutzen, indem wir für uns selbst, unsere Familien, unsere Gemeinschaft und gemeinsam für die Welt, die Du geschaffen hast, Verantwortung übernehmen. Gib uns die Demut, gegenseitig unsere Fähigkeiten für einen nützlichen Austausch anzuerkennen und die Fehler und Schwächen zu verzeihen und die Würde zu respektieren. Leite diejenigen, die mit besonderen soziopolitischen Aufgaben betraut sind, zu Wegen der Gerechtigkeit, der Weisheit und des Friedens, und schütze uns vor Tyrannen, die auf Unrecht, Wahnsinn und Krieg bedacht sind.

(c) Halima Krausen, 2005