Gedanken zum Freitag 03

Das eigene Pferd zähmen


Ihr, die ihr glaubt, Fasten ist euch vorgeschrieben, wie es denen vorgeschrieben war, die vor euch waren, damit ihr euch (der Gegenwart Gottes) bewußt seid - eine bestimmte Anzahl von Tagen. Wer aber von euch krank ist oder auf Reisen, (er soll) eine gleiche Anzahl von anderen Tagen (fasten), und für diejenigen, die es nur schwer leisten können, gibt es eine Ablösung: eine bedürftige Person zu speisen. Doch wenn jemand bereitwillig etwas Gutes tut, ist es gut für ihn, und Fasten ist gut für euch, wenn ihr es nur wüßtet. Der Monat Ramadan ist (die Zeit,) als der Qur'an niedergesandt wurde als Leitung für die Menschen und Verdeutlichung der Leitung und der Unterscheidung. Wer also von euch den Monat erlebt, soll darin fasten, und wer krank ist oder auf Reisen (soll) eine gleiche Anzahl von anderen Tagen (fasten). Gott will Gott will Leichtes für euch, und Er will nicht Schweres für euch, und daß ihr die Anzahl der Tage erfüllen und Ihn verherrlichen möget dafür, daß Er euch geleitet hat, und daß ihr dankbar werdet. (2:183-185)

Was hat Fasten mit Pferden zu tun?

Nun, das arabische Wort sawm oder siyâm für Fasten stammt von der Wurzel sâma, sich enthalten, fasten, trainieren - ein Begriff, der in der Zeit des Propheten im Zusammenhang mit der Abrichtung von Pferden benutzt wurde. Ein schönes, gut trainiertes arabisches Pferd wurde damals als sâ'im bezeichnet, mit einem Wort also, das heute eine Person bezeichnet, die fastet. In der damaligen Zeit war ein Aspekt bei der Abrichtung eines Pferdes der, das Tier an seinen Reiter zu binden, indem man es eine zeitlang ohne Futter ließ und es dann selbst fütterte und mit ihm sprach, so daß ein Band der Bekanntheit und des Vertrauens zwischen Tier und Reiter aufgebaut wurde, das alle Herausforderungen des Reisens und sogar des Kampfes überdauerte. Die Araber waren und sind immer noch stolz auf ihre gut trainierten Pferde. Soll das heißen, daß Fasten mehr beinhaltet als nur den Verzicht auf Speise und Trank und das Warten auf den Sonnenuntergang?

Wir wollen das Bild eine Weile betrachten. Die Mystiker haben oft das ungezügelte menschliche Selbst mit einem störrischen Esel oder einem wilden Pferd verglichen, einem Tier, das von seinen Instinkten getrieben wird und dementsprechend unzuverlässig ist, denn es könnte vor einem Hindernis scheuen oder vor Herausforderungen davonlaufen oder sogar seinen Reiter abwerfen. Folglich haben sie aufgrund ihrer Erfahrung mit dem menschlichen Selbst (einschließlich ihres eigenen) systematisch Schritte entwickelt, dieses innere Pferd zu trainieren, um sein Potential zu entwickeln und es einer Disziplin auszusetzen, die es auf den Hindernislauf des Lebens vorbereitet, vor allem auf den des spirituellen Lebens. Im Idealfall ist dieses Pferd ein Buraq, das seinen Reiter zu verschiedenen Punkten der spirituellen Begegnung bringen kann, fast bis in die göttliche Gegenwart selbst.

Fasten ist daher ein Element jeder Religion. Es gibt nichts neues oder außerordentliches daran. Fasten ist euch vorgeschrieben, wie es denen vor euch vorgeschrieben war. Christen sind mit dem Fasten in der Zeit vor Ostern vertraut: in den Ostkirchen wird es ziemlich streng praktiziert, und obwohl der Brauch, auf Essen und Trinken zu verzichten, im westlichen Christentum weitgehend nicht mehr gehalten wird, gibt es Projekte zur Wiederbelebung des Fastens auf einer mehr metaphorischen Ebene durch den Verzicht auf Fernsehen, alkoholische Getränke, Süßigkeiten und dergleichen für sieben Wochen. Der wichtigste jüdische Fastentag ist Yom Kippur, der Versöhnungstag, der in diesem und den nächsten beiden Jahren in den Ramadan fällt. Es gibt verschiedene Fastenzeiten im Zusammenhang mit der spirituellen Entwicklung in den östlichen Religionen. Aber das Fasten ist noch älter als dies. Schon in den alten vorschriftlichen Traditionen wurde Fasten im Zusammenhang mit Trauer, Reue oder auf der Suche nach einer Vision praktiziert. Es ist auch bekannt, daß Propheten in Vorbereitung auf ihre Aufgabe fasteten.

Es ist "euch vorgeschrieben, wie es denen vorgeschrieben war, die vor euch waren," bedeutet nicht notwendigerweise, daß es auf dieselbe Weise und zur selben Zeit zu praktizieren ist. Aufgrund des islamischen Mondkalenders nimmt der Ramadan seinen Lauf durch das Sonnenjahr und fällt im Laufe von jeweils dreißig Jahren mit den Fastenzeiten aller religiösen Traditionen zusammen. Dieses Jahr ist es Yom Kippur, vor etwa fünfzehn Jahren war es die Vorosterzeit, und so weiter. Aber wie die Fastenzeiten jeder anderen Tradition, so hat auch der Ramadan seine eigenen besonderen Ziele und Eigenarten.

Fasten ist nicht eine bloße physische Übung, obwohl sein Nutzen für unsere physische Gesundheit nicht zu leugnen ist. Es ist eine ganzheitliche Erfahrung, die verschiedene Ebenen unseres Seins betrifft. Offensichtlich lernen wir, unsere Reflexe und Impulse zu kontrollieren und uns mehr bewußt zu werden, was und wann wir essen und trinken. Das kann eine Wirkung auf unser Konsumverhalten im allgemeinen haben. Was brauchen wir wirklich? Wie verhält es sich mit der Qualität? Vielleicht werden wir uns dessen bewußt, daß die Dinge, die wir uns leisten können, keine Selbstverständlichkeit sind: sie sind gewöhnlich das Ergebnis geschaffener Ressourcen, menschlicher Arbeit und Zusammenarbeit und göttlichen Segens. Vielleicht erkennen wir dieses große Wunder und werden dankbar und sind bereit, mit anderen zu teilen.

Miteinander Teilen, Solidarität und Zusammenarbeit sind wesentliche Aspekte des Gemeinschaftslebens. Menschen sind Individuen, aber sie sind nicht dazu da, allein zu existieren. Schon das Wort insan im Arabischen weist auf die Tatsache hin, daß Menschen dazu da sind, sich zueinander zu gesellen, einander auf vielerlei Weise zu ergänzen, indem jeder und jede ihre besonderen Fähigkeiten einbringt, so daß Strukturen der gegenseitigen Unterstützung und des kulturellen Reichtums aufgebaut werden. Die Erfahrung, gemeinsam zu fasten und in Gemeinschaft das Fasten zu brechen, kann das Gefühl der Zusammengehörigkeit stärken - in der Familie, in der Gemeinschaft und in der Menschheit.

Der Ramadan ist der Monat, in dem der Qur'an offenbart wurde. Eine der bekanntesten Geschichten in der islamischen Welt ist die des Propheten Muhammad, wie er sich in eine Höhle in der Wüste zurückzog, um zu fasten und zu meditieren, bis er schließlich aufgefordert wurde, die Offenbarung zu "lesen". In der Erinnerung daran verbringen Muslime in jedem Ramadan besonders Zeit, um den Qur'an zu lesen und zu studieren, wobei sie oft einen neuen Zugang zu dem heiligen Text gewinnen. Gebet, Lesen und Studieren kann dazu beitragen, die Vorstellung von Offenbarung als etwas, das in der Vergangenheit geschehen ist, zu transzendieren, und uns bewußt zu machen, daß der Qur'an sich dem Leser in seiner aufrichtigen Auseinandersetzung damit offenbaren kann, indem er hier und jetzt auf eine Weise spricht, die unserem Leben Sinn gibt. Hier soll jedoch auch eine Warnung ausgesprochen werden. Dieses Training ist nicht das eigentliche Pferderennen. Wir sollen nicht ins Extreme gehen. Islam ist als "Mittlerer Weg" gedacht. Es hat keinen Sinn, in der Selbstverleugnung zu übertreiben und damit ausgleichen zu wollen, was man in anderen Monaten in Achtlosigkeit und Leichtsinn übertrieben hat. Das Fasten im Ramadan ist vielmehr eine Disziplin, die, auf den Rest des Jahres übertragen, uns in unserem Alltagsleben hilft, unseren Mitmenschen gegenüber, wo es letztendlich darauf ankommt, achtsamer, rücksichtsvoller und verantwortungsbewußter zu sein.

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Hoher, Erhabener, Vergebender, Barmherziger, Du bist der erhabene Schöpfer und Erhalter, dem nichts gleicht, der der Hörende und Sehende ist. Und dies ist der Monat, dem Du Erhabenheit, Großzügigkeit und Würde gegeben und mit Vorzügen gegenüber andren Monaten ausgestattet hast. Es ist der Monat, in dem Du uns das Fasten vorgeschrieben hast. Es ist der Monat, in dem Du den Qur'an niedergesandt hast, als Leitung für die Menschen und Verdeutlichung der Leitung und der Unterscheidung. Und Du hast die Nacht der Bestimmung in ihn gesetzt und hast sie besser gemacht als tausend Monate. Darum, du Gütiger, der niemandes Güte braucht, sei gütig gegen mich und befreie meinen Nacken vom Feuer wie den aller derer, die Du befreit hast, und führe mich in den Garten, bei Deiner Barmherzigkeit, Barmherzigster aller Barmherzigen.

Die Anrufung wurde von Ali Zaynul-'Abidin überliefert.

(c) Halima Krausen, 2005