Gedanken zum Freitag 04

Fastenbrechen


Ihr, die ihr glaubt, eßt von den guten Dingen, die Wir euch gegeben haben, und seid Gott dankbar, wenn Er es ist, dem ihr dient. (Sura 2:172)

Wir haben im Laufe des Monats Ramadan viel über Sinn und Zweck des Fastens nachgedacht: über seine Vorteile für die Gesundheit; über die Selbstdisziplin, die man dabei übt; über die Abkehr von den eigenen Begierden, um sich Höherem zuwenden zu können; über das Bewußtsein, daß unsere tägliche Nahrung und unser Wohlstand keine Selbstverständlichkeit sind; über das Mitgefühl und die Solidarität mit den Armen. Und wir haben uns wohl auch mehr Zeit als sonst genommen, den Qur'an zu lesen, zu beten und unser spirituelles Leben zu erfrischen.

Ich möchte jetzt aber nicht schon wieder vom Fasten sprechen, sondern vom Essen. Der Islam ist ja keine asketische Religion. Zwar ist das Fasten zu bestimmten Zeiten eine religiöse Pflicht und ein wichtiger Teil unserer Selbsterziehung und Charakterbildung, aber es ist weder Selbstzweck noch eine Tugend an sich. Dementsprechend sind auch Extreme wie ununterbrochenes Fasten oder tägliches Fasten das ganze Jahr hindurch nicht erlaubt. Wie wir in dem einleitenden Qur'anvers gesehen haben, werden wir stellenweise sogar ausdrücklich aufgefordert, zu essen.

Wir dürfen also Gutes gern genießen und dankbar sein. Dankbarkeit erscheint übrigens im Qur'an oft als motivierende Kraft für gutes Handeln. Furcht ist ja eher ein Beweggrund, Böses zu vermeiden, um dessen schlimme Folgen zu verhindern. Dankbarkeit hat dagegen etwas mit Freude zu tun und ist eine Triebkraft, die Freude mit anderen zu teilen und Gutes anzustreben und zu verwirklichen. So gibt uns das Essen nicht nur physisch die Kraft, zu leben und Gott zu dienen, sondern auch die Stärke der Dankbarkeit, mit der wir Gott nicht nur in unseren Gebeten lobpreisen, sondern auch mit unseren Handlungen verherrlichen. Mit der rechten Absicht ist das Essen nicht nur materielle Nahrung, sondern kann zu einem Teil unserer geistigen Nahrung werden.

An einer anderen Stelle lesen wir:

Ihr Menschen, eßt von dem, was erlaubt und gut ist auf Erden, und folgt nicht den Fußstapfen des Bösen; er ist euch doch ein offenkundiger Feind. (Sura 2:168)

Den Fußstapfen des Bösen zu folgen würde beispielsweise bedeuten, daß man übertreibt oder verschwendet, daß man gegen Mitmenschen und Mitgeschöpfen achtlos, ungerecht oder verantwortungslos handelt, daß man sich selbst und anderen gegenüber geizig ist oder sich an Unvernunft oder Aberglauben orientiert. Offensichtlich sind wir unser eigener schlimmster Feind, wenn wir uns von niederen Instinkten wie Gier, Geiz oder Verschwendungssucht leiten lassen oder die natürliche Lebensfreude verschmähen.

Und eßt von dem, was Gott euch gegeben hat, Erlaubtes, Reines, und seid achtsam vor Gott, an den ihr glaubt. (Sura 5:88)

Taqwa ist Achtsamkeit vor Gott, verbunden mit verantwortungsbewußtem Handeln. Wir Menschen haben in dieser Hinsicht eine besondere Stellung, denn unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten reichen, im Guten wie im Bösen, viel weiter als die anderer Lebewesen. Dementsprechend tragen wir eine wichtige Verantwortung sowohl für uns selbst, auch was den Umgang mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen angeht, als auch für unsere Gesellschaft und Umwelt. Wenn wir also die Aufgabe haben, wirtschaftliche Gerechtigkeit zu verwirklichen, dann bedeutet das nicht nur, Nahrungsmittel, Kleidung, Wohnraum usw. so zu verteilen, daß jeder Mensch ein menschenwürdiges Leben führen kann, sondern es bedeutet auch, daß wir unsere wirtschaftlichen Aktivitäten so gestalten sollen, daß kein zu starkes Ungleichgewicht entsteht und nicht andere Lebewesen dadurch zerstört und Rohstoffe sinnlos vernichtet werden. Wasser ist beispielsweise die Grundlage alles Lebendigen, und und wir sollten damit auf solche Weise umgehen, daß nicht nur wir selbst davon trinken und uns damit waschen können, sondern daß alle Lebewesen Zugang zu reinem Wasser haben und weder durch Verunreinigungen Giftstoffe getötet werden noch zugrunde gehen, weil wir durch unseren Verbrauch eine Landschaft in eine Wüste verwandelt haben.

Er ist es, der Gärten wachsen läßt mit Rebenspalieren und ohne Rebenspaliere sowie Dattelpalmen und Getreidefelder mit mancherlei Frucht, und Oliven und Granatäpfel, einander ähnlich und unähnlich. Eßt von ihren Früchten, wenn sie Frucht tragen, aber gebt den rechtmäßigen Anteil davon am Tag der Ernte ab und verschwendet nicht. Er liebt die Verschwender nicht. Und unter dem Vieh gibt es Lasttiere und Schlachttiere. Eßt von dem, was Gott euch gegeben hat, und folgt nicht den Fußstapfen des Bösen. Er ist euch doch ein offenkundiger Feind. (Sura 6:141-142)

Wir können von den Pflanzen essen, die wir anbauen, und von den eßbaren Tieren. Alles ist reichlich vorhanden. Allerdings sind wir gehalten, den rechtmäßigen Anteil davon abzugeben, nämlich denen, die etwas brauchen und damit ein Anrecht darauf haben. Auch an vielen anderen Stellen im Qur'an werden wir immer wieder aufgefordert zu "geben von dem, was Gott gegeben hat". Leben bedeutet nicht starres Festhalten, sondern Weitergeben, Austausch, Kommunikation. Was wir weitergeben, bringt Freude und vermehrt sich; was wir mit anderen teilen, verbindet uns.

Ihr Kinder Adams, legt euren Schmuck an bei jeder Gebetsstätte und eßt und trinkt, aber verschwendet nicht. Er liebt die Verschwender nicht. (Sura 7:31)

Lebensfreude beschränkt sich nicht auf Essen und Trinken, sondern erstreckt sich auch auf Kleidung und Schmuck, auf unseren freundlichen und liebevollen Umgang miteinander, und auf unsere Art und Weise, unseren Schöpfer zu lobpreisen. Diese Lebensbereiche sind nicht voneinander getrennt.

Freude finden wir auch an geistiger Nahrung. In diesem Sinne wird im Qur'an berichtet, wie die Jünger Jesus drängen, Gott zu bitten, einen Tisch mit Speise vom Himmel zu senden, "damit es ein Festtag wird für den ersten von uns und für den letzten von uns ..." Wie an einer physischen Mahlzeit, die Menschen in Gemeinschaft verbindet, so kann man auch an geistiger Nahrung gemeinsam teilhaben und dies miteinander als Festtag erleben, so daß die Zeichen der Gnade Gottes sichtbar werden. Dies gilt weit über das irdische Leben hinaus. Deswegen wird in diesen Bildern auch das Paradies beschrieben.

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Was aber Gottes erwählte Diener betrifft, sie erhalten eine schon bekannte Versorgung - Früchte - und sie werden geehrt in den Gärten der Glückseligkeit, auf erhöhten Sitzen einander gegenübersitzend. Ein Becher von einer fließenden Quelle soll unter ihnen kreisen, weiß, wohlschmeckend den Trinkenden, ohne Rausch darin und ohne daß sie dadurch, erschöpft werden. (Sura 37:38-47)

Möge Gott unsere Fehler vergeben und unsere Bemühungen segnen, damit wir gemeinsam die Früchte des Guten ernten können, um das wie uns hier bemüht haben, und die Trennungen überwinden, die uns hindern, in unserer Vielfalt gemeinsam Gottes Einheit zu verherrlichen.

(c) Halima Krausen, 2005