
| Beim Nachmittag, der Mensch ist im Verlust. Nicht aber diejenigen, die glauben und auf Frieden und Ordnung hin arbeiten und einander zur Wahrheit ermutigen und einander zur Geduld ermutigen. (Surah 103) |
Wal-'Asr, "beim Nachmittag","Bei der flüchtigen Zeit". Gewöhnlich ist ea am Nachmittag, daß Menschen sich dessen bewußt werden, wie die Zeit davonläuft, wie vom Arbeitstag nicht mehr viel übrig ist. Sie spüren den Druck, das fertigzustellen, was heute noch zu tun ist, bevor es zu spät wird.
Ein ähnliches Gefühl gibt es im Herbst, besonders im Norden wenn die Tage schnell kürzer und dunkler werden. Wenn der Herbststurm die goldenen und roten Blätter von den Bäumen weht und die Tiere sich auf den Winterschlaf vorbereiten, verspüren die Menschen wohl Freude und Dankbarkeit für die Ernte, bemerken aber auch, daß sich ein weiteres Jahr dem Ende zuneigt, und werden der Vergänglichkeit aller Dinge gewahr. Gedenktage, auch säkulare, wurden daher in diese Jahreszeit gelegt. Gleichzeitig is allerdings der Gedanke an die Vergänglichkeit in der modernen Zeit unbeliebt, denn er ist mit der Angst vor dem Unvermeidlichen verbunden, das kein menschlicher Scharfsinn bewältigen kann, und mit der Angst vor Verlust. Die Umwandlung des traditionellen katholischen Allerheiligen-Tages, beispielsweise, eines feierlichen Gedenktages, in das säkulare Halloween ist symptomatisch für den Versuch, diese Ängste in etwas Witziges umzuleiten und den Gendanken an die eigene Sterblichkeit zu verdrängen.
In Arabien, wo der Qur'an offenbart wurde, gibt es andere Jahreszeiten, die hauptsächlich aus trockenen und feuchten Phasen bestehen. In der dortigen Landwirtschaft wird die trockene Jahreszeit mit dem Tod assoziiert und Regen mit Leben. Der Qur'an weist wiederholt darauf hin, wie Gott "Regen vom Himmel niedersendet, um damit die Erde nach ihrem Tod wieder zu beleben". Aber in jedem Fall ruft der Nachmittag ein Gefühl der Dringlichkeit hervor, unabhängig davon, ob man in der Landwirtschaft, im Handwerk oder im Handel beschäftigt ist. Die Zeitgenossen des Propheten waren mit dieser Erfahrung wohl vertraut: schau auf den Nachmittag, die flüchtige Zeit, und du bemerkst Vergänglichkeit und Verlust. Zur Zeit dieser Offenbarung hatten die Menschen in Mekka gerade einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Während sie mit materiellem Gewinn befaßt waren, wollten sie sich sicherlich nicht gern an Verlust erinnert werden. Inzwischen verloren sie jedoch ihre Zeit, indem sie am Sinn ihres Lebens vorbeieilten, auf eine Weise, die unserem eigenen hektischen Zeitalter ziemllich ähnlich ist.
Da er selbst Geschäftsmann war, sah der Prophet sehr wohl den Sinn wirtschaftlicher Aktivitäten. Sie sind allerdings nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel, den Unterhalt zu erwerben, der für ein menschenwürdiges Leben erforderlich ist, in dem wir unsere menschlichen Qualitäten entfalten und das werden können, was wir sein sollten.
Laßt uns eine Weile innehalten und nachdenken.
Das irdische Leben eines Menschen dauert gewöhnlich etwa siebzig oder achtzig Jahre, und je älter wir werden, um so schneller scheint die Zeit zu vergehen, genau wie an einem fortschreitenden Nachmittag oder im Herbst. In jeder Minute wird die noch verbleibende Zeit weniger und wir fühlen, daß wir Augenblicke unserer kostbaren Zeit verlieren.
"Nicht aber diejenigen, die glauben und auf Frieden und Ordnung hin arbeiten ..," sagt der Qur'an. Ein erster frommer Impuls mag unsere Gedanken auf das Jenseits lenken, wo Zeit keine Rolle mehr spielt, wo das Ringen vorbei ist und Frieden herrscht. Aber ist es das, was der Qur'an hier versucht, uns hier zu lehren?
Eine völlige Weltfremdheit wäre nur das Gegenstück zum Materialismus und nur ein weiteres Extrem, das dem Ziel unseres Lebens widerspricht. Nicht zufällig bitten wir in unseren Gebeten um "das Gute in dieser Welt und das Gute im zukünftigen Leben", ist das Leitprinzip im islamischen Recht Sa'âdah fid-Dârayn, "Glück in beiden Bereichen", nämlich sowohl in unserem irdischen Leben als auch im Jenseits, und nicht zufällig geht es in unserem zentralsten Gebet um Leitung "auf dem rechten Weg" auf unserer Reise in Zeit und Raum. Während diese Sura also keineswegs das zukünftige Leben leugnet, betont sie aber besonders die Gegenmittel für den Verlust in diesem Leben: Glauben, gute Handlngen und gegenseitige Unterstützung. Es ist gerade unser Ringen um Ordnung und Frieden, unser Glaube, daß Gott eine sinnvolle Welt geschaffen hat und unsere Aufgabe darin besteht, sie zu bewahren und zu pflegen, und unsere gegenseitige Ermutigung auf diesem Weg, was selbst den flüchtigen Erdentagen eine zusätzliche Qualität gibt. Weit über den physischen Unterhalt hinaus ist es die Vision der Hoffnung, die uns die Kraft gibt, mit den Kräften der Zerstörung umzugehen, die uns ermöglicht, trotz aller Unglücksfälle und Rückschläge ein volleres Leben zu führen, die uns in die Lage versetzt, in Dankbarkeit jede Minute zu schmecken, indem wir die Farben der herabfallenden Blätter und die wechselnden Schattierungen des Nachmittagshimmels genießen, wohl wissend, daß wir schließlich zu unserem Schöpfer zurückkehren.
Wir wollen darum einander erinnern und ermutigen.
Haqq ist Wahrheit und Gerechtigkeit. Wir wollen mit uns selbst wahrhaftig umgehen. Mit den wunderbaren Anlagen, die uns gegeben wurden, sind wir ein Teil des Gefüges, das uns sowohl Möglichkeiten gibt als auch Grenzen setzt, sowohl Versorgung als auch Herausforderungen, die das Wachstum unserer Menschlichkeit fördern. Gerechtigkeit bedeutet, jedem geschaffenen Wesen seinen rechtmäßigen Anteil zu geben, indem wir unsere Augen offenhalten für die Bedürfnisse anderer Menschen, der Tiere und der Pflanzen, aber auch die unseres eigenen Körpers, unseres Geistes und unserer Seele.
Sabr ist Geduld und Beständigkeit. Wir wollen uns gegenseitig stärken, indem wir einander trösten und Hoffnung geben, indem wir Freude und Trauer miteinander teilen, indem wir vertrauenswürdige Freunde und zuverlässige Partner sind, indem wir einander helfen, Enttäuschungen zu überwinden und geduldig und unablässig auf Versöhnung und Heilung hinzuwirken.
Gott, wie einsam ist der Weg, wenn mein Reisegefährte nicht die Hoffnung
auf Dich ist, und wie weit ist die Reise, wenn ich nicht von der Hoffnung auf Dich
geführt werde! Wer sich auf einen anderen als Dich stützt, wird
enttäuscht, und wer sich an einen anderen Pfeiler als den Deinen anlehnt,
bleibt schwach.
Mein Gott, ich bitte Dich als einer, der von der tiefsten Tiefe Deines Wissens
weiß und von all dem Guten, das ein gläubiger Mensch ausführen
soll, und ich suche Schutz bei Dir vor allem Bösen und allen Versuchungen,
vor denen Du Deine Freunde schützt, denn Du bist der Mächtige Freund.
Unser Schöpfer und Erhalter, gib uns das Gute in dieser Welt und das Gute
im zukünftigen Leben.
Unser Schöpfer und Erhalter, vergib den Männern und Frauen, die Dir
ergeben sind,
und den gläubigen Männern und Frauen, sowohl den Lebenden unter ihnen
als auch denen, die schon verstorben sind.
Unser Schöpfer und Erhalter, mache unsere Ehepartner und Kinder eine Quelle des
Trostes für uns und lasse und ein Beispiel sein für diejenigen, die
ehrfürchtig und achtsam sind.
Die Anrufung (erster Abschnitt) wurde von Ali b. Abī Tâlib überliefert.

(c) Halima Krausen, 2005