Gedanken zum Freitag 06

Das Licht der Himmel und der Erde


Gott ist das Licht der Himmel und der Erde. Das Gleichnis seines Lichts ist das einer Nische, in der sich eine Lampe befindet. Die Lampe ist in einem Glas. Das Glas ist gleichsam ein glitzernder Stern, angezündet von einem gesegneten Ölbaum, weder vom Osten noch vom Westen, dessen Öl fast schon leuchtet, auch wenn kein Feuer es berührt. Licht über Licht! Gott leitet zu Seinem Licht, wen Er auswählt, und Gott prägt Gleichnisse für die Menschen, und Gott kennt alle Dinge. (Sura 24:35)

An den dunklen Wintertagen Nordeuropas ist Licht und die Wiederkehr des Lichts nach dem Mittwinter besonders willkommen. Gleichzeitig nehmen wir uns als Menschen, die an moderne Technologie gewöhnt sind, kaum jemals die Zeit, darüber Betrachtungen anzustellen. Schließlich drücken wir, wenn es dunkel ist, einfach nur einen Schalter. Na und?

Das Gleichnis von Gottes Licht im Qur'an stammt zugegebenermaßen aus der "Alten Zeit", als man noch Kerzen und Öllampen und dergleichen benutzte und es eine regelrechte Zeremonie war, diese anzuzünden und gegen Zugluft zu schützen. Jetzt nimm einmal in einem dunklen Zimmer eine Kerze oder eine Öllampe und stelle sie mitten auf den Tisch stellt. Dann kannst du womöglich bei ihrem Licht lesen, sofern du dich dicht danebensetzt und es direkt auf das Buch scheinen läßt. Es würde aber nicht viel Licht für den restlichen Raum abgeben, und hinter dir gäbe es einen großen dunklen Schatten. Um ein Zimmer zu beleuchten, stellte oder hängte man normalerweise die Lichtquelle in eine Nische in der Wand, die das Licht reflektierte. Dazu benutzt man heute Lampenschirme bei elektrischen Glühbirnen: sie dienen sowohl als Abschirmung als auch als Reflektor.

In diesem Vers wird Gottes Licht mit einer Lampe in einer Nische verglichen, die ihr Licht reflektiert. Sie ist von einem "Glas wie ein glitzernder Stern" umschlossen. Aber einen Moment 'mal: würde Gottes Licht nicht sich selbst genügen? Wozu dann also alle diese Dinge darumherum?

Eine Lichtquelle direkt anzuschauen ist eigentlich keine gute Idee. Je nachdem, wie stark sie ist, würde man aufgrund ihrer Helligkeit überhaupt nichts mehr sehen, und man könnte damit sogar den Augen Schaden zufügen. Deswegen benutzen wir ja solche Dinge wie Lampenschirme, die die Lichtquelle gleichzeitig verdecken und sichtbar machen und damit die Augen schützen. Normalerweise schauen wir ja auch nicht die Lichtquelle an, sondern die zahlreichen Dinge, die das Licht sichtbar macht, indem es sie "erleuchtet". Wenn dies nun auf physisches Licht zutrifft, dann gilt es um so mehr im übertragenen Sinne für spirituelles Licht. Es erleuchtet nicht physische Körper, sondern ermöglicht eine tiefere Wahrnehmung, indem es Einsicht und Verständnis gibt. Ein Versuch, es zu direkt anzuschauen, kann allerdings die Wahrnehmung beeinträchtigen und spirituelle Blindheit und Verblendung verursachen. Man nähert sich daher Gottes Licht am besten vorsichtig durch die Dinge, die es sichtbar macht.

In den Kommentaren zum Qur'an ist das Lichtgleichnis auf unterschiedliche Weise erklärt worden. Gottes Licht steht im Zentrum der Nische der Schöpfung. Jedes einzelne geschaffene Wesen reflektiert einen Strahl vom Licht des Schöpfers in verschiedenen Schattierungen, Formen und Farben. Der Qur'an hebt oft die Vielfalt der Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen hervor, die für den Einen Schöpfer Zeugnis ablegen. Gerade in der Vielfalt sollen wir ja nach dem Einen Ursprung alles Seienden Ausschau halten. Das Glas wäre dann der Mensch, der sozusagen alle Regenbogenfarben des göttlichen Lichts in sich umfaßt und sie gleichzeitig verdeckt und in unterschiedlichem Maße enthüllt.

Eine andere Erklärung liegt auf der Ebene des Mikrokosmos. Der Mensch ist die Nische, die im Idealfall Gottes Licht reflektiert, das in ihrer Mitte steht. Seine Strahlen sind die verschiedenen menschlichen Eigenschaften, entsprechend Gottes neunundneunzig Schönsten Namen, die auf eine Weise hervorscheinen, die andere erleben können, wenn sie sich in den Worten und Handlungen dieser betreffenden Person entfalten und offenbaren: Barmherzigkeit, Weisheit, Gerechtigkeit, Geduld und viele andere. Das Glas wäre dann das Herz als Zentrum des Verstehens und der Begegnung mit anderen, einschließlich der Begegnung mit dem Letztendlich Anderen.

Das Öl von dem "gesegneten Baum", die Essenz des Lichts, ist weder im Osten noch im Westen beheimatet. Wie ein uralter, tief verwurzelter Olivenbaum ist es jenseits der Zeit. Es ist in lâ makân, am Nicht-Ort, nicht in die Begrenzungen durch die Dimensionen eingesperrt, nicht im Raum festzuhalten, sondern überall gegenwärtig. Es leuchtet sozusagen ohne das Feuer der Leidenschaft, das eher verzehrt als erleuchtet.

Licht über Licht! Die Mystiker haben Gottes Licht überall um sich herum wahrgenommen und die Erfahrung, wie es sich ihnen allmählich enthüllte, in ihren Lehrschriften und Gedichten beschrieben. Durch prophetische Menschen wurde das Licht für andere sichtbar gemacht, indem es sich in ihrer Persönlichkeit wiederspiegelte und damit Führung und Leitung "aus den Finsternissen zum Licht" anbot. Es gibt viele unterschiedliche Wege zu dem Einen Licht. Der erste Schritt besteht jedoch in jedem Fall darin, zwischen Licht und Finsternis, Wissen und Unwissenheit, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zu unterscheiden und die innere Haltung und die Handlungen auf rechtes Verhalten, Freundlichkeit und Aufrichtigkeit auszurichten.

Gott führt und leitet diejenigen, die Er dazu bereit und würdig findet. Das geschieht nicht zufällig oder willkürlich. Diese Gleichnis soll solchen Menschen Orientierung anbieten, die offen für Einsicht sind. Eigennutz und Engstirnigkeit trüben allmählich das "Glas" des Herzens und hindern das Licht daran, durchzuscheinen. Solche Einstellungen werden manchmal mit schlechten Gefährten verglichen, die vom Licht weg in die Finsternisse der Unwissenheit und Ungerechtigkeit führen. Dabei wird unser Blick für andere Menschen und andere Lebewesen und deren Bedürfnisse verdunkelt. Zuwendung zu anderen, um ihre Freude und Trauer zu teilen, belebt dagegen das Herz und gibt dem Geist ein verfeinertes Verständnis.

Wir können unsere Reise antreten, indem wir die Augen öffnen und den Lichtfunken wahrnehmen, der in jedem einzelnen unserer Mitmenschen steckt.

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Alles Lob gebührt Gott, der die Himmel und die Erde erschaffen hat und Finsternisse und Licht ins Dasein gebracht hat. (Surah 6:1)

Ihr, die ihr glaubt, gedenkt Gottes in häufigem Gedenken und verherrlicht Ihn früh und spät. Er ist es, der euch segnet, und Seine Engel beten um Segen für euch, daß Er euch aus den Finsternissen ins Licht führe, und Er ist barmherzig zu den Gläubigen. (Surah 33:41-43)

Gott, setze Licht in mein Herz und Licht in meine Seele, Licht auf meine Zunge, Licht in meine Augen und Licht in meine Ohren. Setze Licht zu meiner Rechten, Licht zu meiner Linken, Licht hinter mir und Licht vor mir, Licht über mir und Licht unter mir. Setze Licht in meine Nerven und Licht in mein Fleisch, Licht in mein Blut, Licht in mein Haar und Licht in meine Haut. Gib mir Licht, stärke mein Licht, mache mich zu Licht.

Die Anrufung im letzten Abschnitt wurde vom Propheten Muhammad überliefert.

(c) Halima Krausen, 2005