Gedanken zum Freitag 07

Ein großes Opfer


(Abraham) sagte: "Ich gehe fort zu meinem Schöpfer und Erhalter, der mich führt und leitet. Mein Schöpfer und Erhalter, schenke mir (einen Sohn), einen derer, die auf Ordnung und Frieden hinarbeiten." Und Wir brachten ihm die gute Nachricht von einem langmütigen Knaben. Und als dieser alt genug war, mit ihm zu arbeiten, sagte (Abraham), "Mein lieber Sohn, Ich habe im Traum gesehen, daß ich dich opfere. Sie also, was deine Ansicht dazu ist." Er antwortete: "Mein Vater, tu, was dir aufgetragen wurde. Wenn Gott will, wirst du mich geduldig finden." Und als sich die beiden ergeben hatten und (Abraham) auf die Stirn niedergelegt hatte, riefen Wir ihm zu: "Abraham! Du hast den Traum schon erfüllt." So belohnen Wir diejenigen, die Gutes tun. Dies ist eine offenkundige Prüfung. Und Wir lösten ihn mit einem großen Opfer aus, und Wir hinterließen für ihn (als Vermächtnis) für spätere Generationen, "Friede sei mit Abraham." So belohnen Wir diejenigen, die Gutes tun. Er war einer Unserer gläubigen Diener." (Surah 37:99-111)

Die Geschichte ist bekannt. Sie ist immer wieder erzählt worden, Von Generationen von Predigern, Geschichtenerzählern und Großmüttern überall in der islamischen Welt, besonders in dieser Zeit des Jahres, am 'Îd al-Adha, dem Opferfest.

Die Geschichte ist bekannt, weit über die islamische Welt hinaus. Weit davon entfernt, eine neue Geschichte vorzustellen, erinnert der Qur'an an eine Geschichte, die den Menschen vertraut ist, sowohl aus älteren Offenbarungsschriften als auch aus mündlichen Überlieferungen der Kinder Ismail und der Kinder Israel. Die früheste schriftliche Aufzeichnung, sehr viel ausführlicher, finden wir in der Hebräischen Bibel, und die Geschichte selbst geht ganz bis zu Abraham zurück.

Die qur'anische Geschichte ist viel knapper gehalten und umreißt nur einige Hauptpunkte, die als wesentlich angesehen werden. Wenn wir uns in den Überlieferungen nach Einzelheiten umschauen, werden wir mit einer ganzen Anzahl unterschiedlicher Versionen konfrontiert. Am auffälligsten sind wahrscheinlich die widersprüchlichen Bezugnahmen auf die Identität des Sohnes Abrahams, der in der Geschichte vorkommt. Dies bezieht sich nicht nur auf die Bibel, die ihn mit Isaak identifiziert, während die meisten Muslime heute glauben, daß es Ismail war, wobei jede religiöse Tradition sozusagen versucht, seinen eigenen Vorfahren in dieser Rolle zu sehen. Aber s elbst in der muslimischen Überlieferung gibt es verschiedene Stränge, die Ismail erwähnen oder Isaak oder sogar beide. Äußerst verwirrend für alle, die diese Geschichte als einen Tatsachenbericht lesen, und noch um so mehr, da der Name in der Geschichte im Qur'an selbst überhaupt keine Rolle spielt: im Qur'an geht es nicht um historische Fakten, sondern um eine zentrale menschliche Erfahrung.

Wenn wir nun nach der Erfahrung selbst fragen, finden wir wiederum verschiedene Interpretationen, je nach dem Temperament des Kommentators.

Wenn sein oder ihr Ansatz auf Furcht oder Ehrfurcht begründet ist, dann liegt der Brennpunkt meist auf einer Gehorsamsprüfung. Während nun aber der Wert von Gehorsam gegenüber Gottes Geboten nicht geleugnet werden kann, sind sich die meisten Kommentatoren durchaus bewußt, daß dieser Begriff immer wieder bis zur Unkenntlichkeit idealisiert und von den Mächtigen mit gefährlichen Folgen für äußerst inhumane Zwecke mißbraucht worden ist. Deswegen verknüpfen sie ihn mit dem Gedanken und Abrahams bedingungslosem Vertrauen auf Gott und weisen darauf hin, daß kein Mensch solchen fraglosen Gehorsam verdient.

Wenn der Ansatz auf Hoffnung begründet ist, dann steht oft die Geduld im Mittelpunkt. Die Geschichte ist dann eine von vielen Veranschaulichungen dieser Tugend, zusammen mit den Geschichten von Jakob, Joseph, Hiob und vielen anderen. Geduld ist zweifellos eine weitere Tugend, die im Qur'an hervorgehoben wird, und eine wichtige Station auf dem mystischen Pfad. Geduld ist mit der Hoffnung auf etwas Besseres in der Zukunft verknüpft. Aber ist das der Grund dafür, daß diese Geschichte als zentral genug betrachtet wird, um in einem jährlichen Fest vergegenwärtigt zu werden?

Für Mystiker liegt der Ansatz in der Liebe. Ibn Arabi gibt eine ausführliche Erklärung, wie die Prüfung der Feststellung dienen soll. ob Abraham Gott mehr liebt als sich selbst, repräsentiert in seinem Sohn. Dies leuchtet jedem völlig ein, der mit Liebesgeschichten vertraut ist - mit dem Bestreben, den Wunsch des Geliebten zu erfüllen, selbst wenn es gegen eigene Interessen geht, mit dem grausamen Spiel, das manchmal mit einem Liebenden gespielt wird, um zu testen, ob er oder sie wirklich bereit ist, alles aufzugeben. Da Abraham Khalîl Allah ist, Gottes Freund, könnte man vielleicht Fragen nach der anderen Seite der Beziehung stellen.

Statt voreilige Schlußfolgerungen zu ziehen, sollten wir uns die Geschichte selbst noch einmal näher ansehen und dabei den historischen Hintergrund im Auge behalten, auf den sie sich bezieht. Träume haben manchmal eine prophetische Qualität, deswegen wird automatisch angenommen, sowohl von Abraham und seinem Sohn als auch vom Leser, daß dies ein göttliches Gebot ist, den Jungen zu opfern. In jenen Tagen gehörten Menschenopfer zu gewissen lokalen Fruchtbarkeitskulten und erschienen deswegen nicht so seltsam und unmenschlich wie heute. Trotzdem schweigt der Qur'an (und übrigens auch die Bibel) über den inneren emotionalen Kampf, den Abraham ausgestanden haben muß, gleichgültig ob die Triebkraft dahinter der Wunsch war, vertrauensvoll zu gehorchen, geduldig zu sein und trotz allem die Hoffnung auf die Zukunft beizubehalten, oder das Feuer der Liebe zu Gott. Wir lesen auch nichts über die Gedanken und Gefühle seines Sohnes, abgesehen davon, daß er hofft, geduldig genug zu sein. Der Qur'an schildert nicht einmal, was dann passiert: Und als sich die beiden ergeben hatten und (Abraham) auf die Stirn niedergelegt hatte, riefen Wir ihm zu: "Abraham! Du hast den Traum schon erfüllt." Der Wortlaut erinnert eher an die Haltung Islâm, Hingabe, und und das rituelle Gebet, wo wir uns mit der Stirn auf den Boden niederwerfen als Ausdruck unserer Bereitschaft, Gott in Vertrauen, Geduld und Hoffnung zu dienen, aber auch unserer Liebe. In jener Zeit in ferner Vergangenheit war die Erfahrung ein Meilenstein der spirituellen Entwicklung, indem sie mehr als jede theoretische Erläuterung demonstriert, daß Gott keine Menschenopfer will. "Und Wir lösten ihn mit einem großen Opfer aus." Wir erfahren, daß dies ein Widder war, und deswegen läßt jemand, der es sich leisten kann, am Opferfest ein Schaf oder eine Ziege schlachten.

Aber hoppla - was ist denn so groß an einem Widder? In Anbetracht der Tatsache, daß in der Zeit des Qur'an die Ausgleichszahlung bei unabsichtlicher Tötung eines Menschen hundert Kamele betrug, klingt das eher wie "Kleingeld". Das Fleisch wird dann zwischen den Armen, den Nachbarn und Freunden und der eigenen Familie verteilt. Es ist ein Beitrag zur Speisung der Armen, zur Verbreitung von Festfreude und zum Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gemeinschaft, die sich mit diesem Ritual an die Erfahrung ihrer Vorfahren erinnert. Was das Opfer "groß" macht, ist nicht sein materieller Wert, sondern sein Sinn.

Anders als gewisse Götzen, selbst moderne, will Gott keine Menschenopfer. Er will nicht, daß irgendjemand in sinnloser Weise stirbt, nicht einmal, daß das Leben eines Tieres sinnlos vergeudet wird. Ob aus einem Gefühl für Gehorsam heraus oder in der Hoffnung auf zukünftige Glückseligkeit oder aus der Leidenschaft der Liebe heraus, Gott will nicht, daß wir uns in die Flammen der Zerstörung werfen, sondern daß wir leben und das Licht des Lebens, der Liebe und der Freude weiterverbreiten, als wahre Erben Abrahams, des Gottesfreundes.

-------------

Mein Gebet und mein Opfer und mein Leben und mein Tod sind für Gott, den Schöpfer und Erhalter der Welten, der niemanden neben sich hat. Dies ist, was mir aufgetragen wurde, und ich bin der erste der Gottergebenen. (6:162-163)

Unser Schöpfer und Erhalter, nimm (unsere Gebete und Handlungen) von uns an. Du bist doch der Hörende, der Wissende. Unser Schöpfer und Erhalter, mache uns zu Menschen, die sich Dir hingeben, und lasse unter unseren zukünftigen Generationen Menschen entstehen, die sich Dir hingeben, und zeige uns unsere gottesdienstlichen Handlungen und wende Dich zu uns. Du bist doch der, Der Sich Zuwendet und Umkehr Annimmt, der Barmherzige. (2:127-128)

(c) Halima Krausen, 2005