Gedanken zum Freitag 08

Ein Neues Jahr


Die Vodersten, die ersten von den Auswanderern und den Helfern und diejenigen, die ihnen in bester Weise folgen - Gott ist mit ihnen zufrieden, und sie sind mit Ihm zufrieden. Er hat ihnen Gärten verheißen, unter denen Ströme fließen, für immer darin zu bleiben. Das ist die große Glückseligkeit. (Surah 9:100)

Es sind nur noch ein paar Tage bis zum Beginn des neuen islamischen Mondjahres 1427. Traditionell ist dies eine Zeit zum Nachdenken und zur Erinnerung. Sich von einem Jahr zum anderen zu bewegen ist so wtwas wie eine Wanderung in der Zeit, aus einer vertrauten Vergangenheit in eine offene Zukunft. Die islamische Zeitrechnung beginnt mit der Hijra, der Auswanderung des Propheten Muhammad von Mekka nach Madina. Der Anfang eines neuen Jahres und die ersten zehn Tage des ersten Monats Muharram sind daher ein Anlaß, sich an Beispiele in der vergangenheit zu erinnern, in denen es um Ende und Neuanfang geht.

Eins davon ist die Landung der Arche Noah. Die Geschichte ist bekannt, und es gibt Versionen davon weit über den Bereich der Kulturen hinaus, die auf der Bibel und dem Qur'an begründet sind: Noah, diejenigen, die ihm als Angehörige und im Glauben nahestanden, und die Tiere wurden von der großen Flut gerettet, die Gott über die Erde schickte, um dem Unheil ein Ende zu bereiten, das Menschen dort angerichtet hatten. Der Neuanfang ist durch Gottes Bund mit Noah gekennzeichnet, der Gottes Versprechen einschließt, nie wieder die Menschen völliger Vernichtung auszusetzen, solange die Erde besteht, symbolisiert durch den Regenbogen. In der traditionellen Vorstellung sammelten Noah und seine Familie dann alle übriggebliebenen Vorräte auf der Arche, Getreide, Linsen, getrocknete Früchte und dergleichen, in einem großen Topf und kochten daraus eine Suppe oder einen Eintopf, der ihnen Kraft für den neuanfang geben sollte. So wird es jedenfalls erzählt, um zu erklären, warum es weithin üblich ist, eine lokale Abart dieses Gerichts zu essen, besonders nach den Fastentagen, die einige Muslime einhalten.

Ein anderes ist Abrahams Auswanderung, sowohl im spirituellen als auch im geographischen Sinne. Indem er die polytheistische Tradition seiner Umgebung hinterfrafte, machte er sich spirituell auf die Suche. Wie wir aus der Geschichte erfahren, beobachtete er die Himmelskörper, die verehrt wurden, bis er hinter ihnen den Einen Ursprung des Seins erkannte. Dieses Ergebnis brachte ihn bald in einen Konflikt, als er die Wächter der Tradition herausforderte. Infolgedessen verließ er seine angestammte Heimat, nahm eine ungewisse Zukunft in Kauf und verbrachte den Rest seines Lebens auf Reisen, allein im Vertrauen auf Gott, was Hilfe, Schutz und Leitung betraf. Aufgrund seiner Nähe zu Gott wird er als "Gottes Freund" bezeichnet. Drei religiöse Traditionen betrachten Abraham als ihren geistigen Vorfahren - ihn, der damit begann, die Tradition zu hinterfragen.

Ein weiteres Beispiel ist die Auswanderung der Kinder Israel aus Ägypten, ihre Befreiung aus der Sklaverei. Es gibt eine dramatische Erzählung davon, wie Pharaoh, um seine Machtposition zu bewahren, sie unterdrückte und dezimierte, bis Mose, selbst ein Überlebender von Pharaohs mörderischen Versuchen, von Gott beauftragt wurde, dem Tyrannen entgegenzutreten. Durch ein Wunder waren sie in der Lage, das Meer zu durchqueren, während Pharaoh und seine Truppen bei der Verfolgung ertranken. Nun waren sie frei für einen Neuanfang, der sich aber alles andere als leicht erwies: erst nach vielen verschiedenen Erfahrungen und vierzig Jahren in der Wildnis konnten sie wirklich die Verantwortung für ihre eigene Gesellschaft in Gottes Gegenwart übernehmen.

Der anfangs zitierte Vers aus dem Qur'an bezieht sich auf die Hijra, die Auswanderung des Propheten Muhammad von Mekka nach Medina. Das Wort "Flucht", das bisweilen immer noch in Geschichtsbüchern benutzt wird, ist völlig unzutreffend. Sicherlich war ein Aspekt der Auswanderung das Schutzversprechen der Bewohner von Yathrib, das den Muslimen nach jahrelanger Verfolgung etwas Sicherheit anbot. Aber ihre Einladung selbst war in der Hoffnung begründet, daß der Prophet in der Lage sein würde, nach einem generationenlangen Krieg in der Stadt Frieden zu schaffen. Im Vertrauen auf Gottes Hilfe nahm er die Aufgabe in Angriff, die Menschen miteinander zu integrieren, sowohl diejenigen, die mit ihm ausgewandert waren, mit den einheimischen Helfern, als auch eine Anzahl ehemals verfeindeter Gruppen mit unterschiedlichem religiösem und kulturellem Hintergrund. wobei er die Vision der Einheit in der Vielfalt im Auge behielt. Dies war die Wurzel für die spätere muslimische Zivilisation.

Ein weiteres Ereignis, an das man sich zu Beginn des islamischen Jahres erinnert, zu Ashura, dem zehnten Tag, ist der Märtyrertod des Prophetenenkels Husayn. Um der Werte und Visionen willen, die sein Großvater glehrt und vorgelebt hatte, verweigerte er der Ungerechtigkeit im Namen seiner eigenen Religion und ihrer neuen Institutionen die Gefolgschaft und wurde deshalb von den Truppen des Herrschers in einem Hinterhalt getötet. Wieder stehen wir an einem entscheidenenden Punkt zwischen der Möglichkeit, uns im Schatten des "Laufes dieser Welt" niederzulassen, und bequem menschlichen Gewohnheiten zu folgen und für diejenigen Partei zu ergreifen, die zufällig an der Macht sind, oder aufzubrechen auf dem Weg des Engagements für etwas, das gerechter und humaner ist.

Besonders die letztere Erfahrung zeigt, daß es kein "Happy End" gibt. Das Leben ist kein Roman, der damit beginnt, daß die handelnden Personen vorgestellt werden, und mit der Auflösung des Geheimnisses endet. Im wirklichen Leben gibt es immer etwas vor dem "Anfang" und nach dem "Ende". Ws läuft wie ein ständig fließender Fluß aus Höhen und Tiefen, Sieg und Niederlage, von denen keins das "letzte Wort" ist. Man kann den Anfang jedes neuen Jahres kann als Übergangspunkt verstehen, eine Gelegenheit, vergangene Erfahrungen aufzuarbeiten, Visionen für etwas Besseres und Pläne für ihre Verwirklichung zu entwickeln. Wir haben gelernt, daß "unsere Handlungen von unseren Absichten abhängen und wir zu dem hin auswandern, wesewgen wir auswandern." "Hijra," so erläuterte der Prophet, "bedeutet, Schlechtes zu verlassen und weiterzugehen zu etwas, das moralisch besser ist," zu etwas, das eher dazu geeignet ist, Gerechtigkeit und Frieden zu fördern.

-------------

Gott, Du bist Gott seit vor undenklichen Zeiten, und dies ist ein neues Jahr. Ich bitte Dich daher um Schutz vor allem Übel in diesem Jahr und um Kraft gegen mein Ich, das zu schlechten Handlungen anregt, und um eine Beschäftigung, die mich Dir näherbringt, Großmütiger, Eigner von Majestät und Ehre, Stütze, die keine Stütze braucht, Erhalter, der keinen Erhalter braucht, Zuflucht, die keine Zuflucht braucht, Helfer, der keine Hilfe braucht, Sachwalter, der keinen Sachwalter braucht, Schatz, der keine Schätze braucht, Schutzburg gegen Heimsuchungen, Große Hoffnung, Kraft der Schwachen, Erlöser der Untergehenden, Retter der Verlorenen, Spender von Freundlichkeit, Schönheit, Gnadengagen und Gutem.
Du bist der Eine, den die Schwärze der Nacht verehrt und das Licht des Tages, der Schimmer des Mondes und das Strahlen der Sonne, das Rauschen des Wassers und die Lebhaftigkeit der Bäume. Gott, es gibt niemanden neben Dir.
Gott, mache uns besser als das, was andere von uns erwarten, vergib uns selbst das, wovon niemand etwas weiß, und ziehe uns nicht zur Rechenschaft für das, was andere sagen.
Gott ist meine Genüge. Es gibt keinen Got außer Ihm. Auf Ihn vertraue ich, und Er ist der Herr des großartigen Throns. An Ihn glauben wir. Alles liegt bei unserem Schöpfer und Erhalter. Nur die Verständigen beherzigen es.
Unser Schöpfer und Erhalter, lasse unsere Herzen nicht mehr abweichen, nachdem Du uns geleitet hast, und schenke uns Barmherzigkeit von Deiner Gegenwart. Du bist doch der Schenkende.

Die Anrufung im letzten Abschnitt wurde vom Muhammad Rida überliefert.

(c) Halima Krausen, 2006