Gedanken zum Freitag 09

Steht ein für Gerechtigkeit


Ihr, die ihr glaubt, steht ein für Gerechtigkeit als Zeugen für Gott, und sei es auch gegen euch selbst oder gegen Eltern oder Verwandte. Ob Reicher oder Armer, Gott steht beiden näher. Darum folgt nicht eurem eigenen Wunschdenken, so daß ihr gerecht handeln könnt. Wenn ihr auch etwas verhehlt oder ausweicht, so nimmt Gott doch euer Handeln sehr wohl wahr. (Surah 4:136)

Dieser Vers stammt aus der Surat an-Nisâ' (wörtl. "die Frauen"), in der es schwerpunktmäßig um die Rechte von Menschen geht, deren gesellschaftliche Stellung als schwach betrachtet wird, je nachdem wie eine spezifische Gesellschaft funktioniert, in diesem Fall um die Rechte von Frauen, Kindern, Waisen und Sklaven. Er wird traditionell oft als allgemeine Ermahnung im zweiten Teil der Freitagspredigt vorgetragen. Ich möchte ihn heute zur Grundlage nehmen, über Gerechtigkeit nachzudenken.

Zunächst einmal: was für ein Gerechtigkeitsbegriff steckt in diesem Text? Ich möchte hier jetzt keinen Vortrag über arabische Etymologie halten, aber wir sollten bedenken, daß die beiden Begriffen Qist und Adl, die hier eine Rolle spielen, eine Vorstellung von Ausgewogenheit wiedergeben. Deswegen wird das Symbol der Waage zur Veranschaulichung benutzt: wenn in der einen Waagschale etwas fehlt, muß man es auffüllen oder auf der anderen Seite etwas wegnehmen, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Im Idealfall besteht die Aufgabe eines Richters darin, das Verhältnis zwischen Konfliktparteien wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Deswegen muß ein Richter frei sein von Eigeninteressen und darf sich nicht von emotionalen Regungen wie Zorn, Mitleid und dergleichen beeinflussen lassen. Der Prophet verbot ausdrücklich, ein Urteil zu sprechen, wenn man zornig ist.

Das Bild von der Waage veranschaulicht in angemessener Weise, wie empfindlich das Gleichgewicht ist. Gerechtigkeit ist mehr als bloße Gleichheit: meistens geht es um verschiedene, aber gleichwertige Dinge. Aber es ist auch stark vereinfacht und kann irreführend sein, wenn es zu buchstäblich verstanden wird. Die alltägliche Realität von Gerechtigkeit betrifft im allgemeinen mehr als zwei Seiten. Eltern von zwei oder mehr Kindern verstehen wahrscheinlich sofort, was ich meine, wenn sie an alle jene Versuche denken, das Familienleben zu koordinieren, einschließlich scheinbar unbedeutender Kleinigkeiten wie der Diskussion darüber, was es zu Mittag gibt oder wie die Familie die Sommerferien verbringen soll, ohne daß eins der Kinder sich einem anderen gegenüber zurückgesetzt fühlt. Aufgrund der Liebe der Eltern zu ihren Kindern ist damit eine große emotionale Herausforderung verbunden. Manchmal bedarf es einer enormen Selbstbeherrschung, um einen ungerechten Schlag zu vermeiden, der nicht etwa durch die Notwendigkeit ausgelöst wird, ein Kind für ein Vergehen zu bestrafen, sondern durch Frustration und Ärger.

Man sagt daher, daß das Familienleben ein Übungsfeld für soziales Verhalten ist, denn in einem Netzwerk aus vielschichtigen Beziehungen das Gleichgewicht zu erhalten und wieder herzustellen kann man nicht allein durch theoretisches Studium lernen. Politische Entscheidungsfindung erfordert eine ständige Aufmerksamkeit gegenüber den Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen mit ihren verschiedenen Interessen sowie der natürlichen Umwelt. Als "Gottes Statthalter auf Erden" sollen wir das Gleichgewicht mir uns selbst, zwischen Menschen und zwischen verschiedenen Aspekten der Schöpfung wahren. Das erfordert Selbstbeherrschung und Weisheit.

Noch komplizierter werden die Dinge, wenn wir selbst Partei in einem Konflikt sind und es niemanden gibt, auf den man sich als neutralen Vermittler verlassen könnte. Selbst die achtlosesten und unwissendsten Individuen werden es bemerken, wenn sie ungerecht behandelt werden, und Schritte unternehmen, um ihre Ansprüche einzufordern oder den Gegner spüren zu lassen, wie verletzt sie sind. Rache beruht auf der Idee, eine Verletzung mit gleichen Mitteln zurückzuzahlen. Die Erfahrung zeigt allerdings, daß dadurch nicht das Gleichgewicht wiederhergestellt wird, das durch das anfängliche Unrecht gestört wurde, sondern mit größerer Wahrscheinlichkeit dadurch eine Eskalation oder eine endlose Fehde ausgelöst wird, in der der Gerechtigkeitsbegriff insgesamt bald in einem sinnlosen Austausch von Reaktionen verlorengeht.

In einem Vers, der dem anfangs zitierten ziemlich ähnlich klingt, sagt der Qur'an:

Ihr, die ihr glaubt, steht ein für Gott als Zeugen der Gerechtigkeit. Und die Feindseligkeit einer Gruppe von Menschen soll euch nicht reizen, anders als gerecht zu handeln. Seid gerecht, das ist der Achtsamkeit näher, und seid achtsam in Gottes Gegenwart. Gott nimmt sehr wohl wahr, was ihr tut. (Surah 5:9)

Der gegenwärtige Konflikt um die Karikaturen des Propheten Muhammad hat ein Stadium erreicht, wo er von einigen als Symptom des vor einigen Jahren von Samuel Huntington beschworenen "Kampfes der Kulturen" konstruiert wird. In ihrer Liebe zum Propheten Muhammad, verspüren Muslime Zorn und Schmerz über jede Respektlosigkeit ihm gegenüber. Die Situation wurde noch komplizierter durch gewissenlose Versuche, diese Emotionen für destruktive Überreaktionen auszubeuten, die einige Muslime dazu bringen, ihre Selbstbeherrschung, ihre Würde und ihre Werte zu vergessen und mit physischer Gewalt zu reagierten oder mit Versuchen, durch allgemeine aggressive Äußerungen Vergeltung zu üben sowie mit Karikaturen, die ebenso geschmacklos und beleidigend sind.

Ich sage nicht, daß wir unsere Gefühle verleugnen sollen. Wir sind schließlich Menschen, und es ist nur natürlich, Schmerz und Zorn und Sorge zu empfinden. Wir sollten uns vielmehr dieser Gefühle bewußt sein und ihre Energie kontrollieren und in vernünftiger, verantwortlicher und konstruktiver Weise nutzen. Al-Ghazzali schildert sehr ausführlich, wie unkontrollierter Zorn wie eine Droge wirkt, die den Geist benebelt und die Fähigkeit vermindert, vernünftig zu reden und zu handeln. Zu den Techniken, die er empfiehlt, um dies zu meistern, gehört die Vergegenwärtigung des eigenen Gesichts, wenn man zornig ist: es ist ein Zerrbild unseres wirklichen Gesichts, eine Karikatur unseres wahren, würdevollen Selbst. Weiterhin empfiehlt er dann Methoden, sich zu entspannen, sich abzukühlen, notfalls durch eine neue rituelle Waschung, und sich an Gottes Gegenwart zu erinnern.

Im Laufe der letzten paar Tage haben mehrere muslimische Denker eine sehr angemessene Frage gestellt: was hätte der Prophet selbst getan? Sollen wir als Muslime nicht seinem Beispiel folgen? Schließlich ist das der Grund dafür, daß Propheten Menschen sind. Auch er war ein Mensch. Er fühlte sicherlich Zorn und Schmerz, besonders wenn er mit Ungerechtigkeiten gegenüber Armen und Schwachen konfrontiert war. Er wußte eindeutig, wovon er sprach, als er sagte: "Ein Starker ist nicht jemand der physisch stark ist, sondern jemand, der sich am besten beherrscht, wenn er zornig ist." Wenn wir seine Lebensgeschichte lesen, finden wir wiederholt Beispiele, wo er nach Versöhnung strebte, nicht nach Vergeltung, und das bekannteste davon ist wohl seine Rückkehr nach Mekka, wo er denen verzieh, die gegen ihn und die muslimische Gemeinschaft Verbrechen begangen hatten.

Wenn wir unsere Loyalität dem Propheten gegenüber demonstrieren, indem wir schreien und versuchen, mit Gewalt den Zerrspiegel zu zerschlagen, in dem er dieser Tage dargestellt wird, wäre das nur eine Karikatur dessen, wofür er steht. Weniger einfach, dafür aber eher im Einklang mit unserer aufrichtigen Liebe zu ihm ist es, seinen Beispielen der Selbstbeherrschung und Großzügigkeit zu folgen und unsere Kraft für konstruktive Ziele zu nutzen. Möge uns Gott dabei helfen.

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Der Gesandte glaubt an das, was ihm von seinem Schöpfer und Erhalter niedergesandt wurde, und ebenso die Gläubigen. Sie alle glauben an Gott und an Seine Engel und an Seine Schriften und an Seine Gesandten - wir machen keinen Unteschied zwischen Seinen Gesandten - und sie sagen: "Wir hören und wir gehorchen. Schenke uns Deine Vergebung, unser Schöpfer und Erhalter, und zu Dir ist die Heimkehr. Gott fordert von keiner Seele mehr als sie leisten kann. Sie bekommt, was sie verdient, und sie ist für das verantwortlich, was sie sich einhandelt. Unser Schöpfer und Erhalter, ziehe uns nicht zur Rechenschaft, wenn wir uns vergessen oder vergangen haben. Unser Schöpfer und Erhalter, und lege uns nicht eine Last auf wie die, die Du denen auferlegt hast, die vor uns waren. Unser Schöpfer und Erhalter, und lege uns nicht etwas auf, das wir nicht tragen können, und lösche unsere Fehler aus und vergib uns und erweise uns Barmherzigkeit. Du bist unser Meister, darum hilf uns gegen die Kräfte der Verleugnung. (2:285-286)

(c) Halima Krausen, 2006