Gedanken zum Freitag 11

Eine neue Schöpfung


Er ist Gott, der Schöpfer, der Bildner, der Gestalter. Sein sind die schönsten Namen. Ihn verherrlicht, was in den Himmeln und was auf Erden ist, und Er ist der Mächtige Freund, der Weise. (59:25)

In diesen Tagen feiern Menschen in verschiedenen Regionen der islamischen Welt Nawruz, das Frühlingsfest, das gleichzeitig den Beginn eines neuen Jahres im lokalen Sonnenkalender kennzeichnet. Die Natur erwacht nach dem langen kalten Winter zu neuem Leben. Wenn man beobachtet, wie täglich neue Blüten und Blumen erscheinen, und das Zwitschern der wiederkehrenden Vögel hört, dann hat man fast das Gefühl, Zeuge einer neuen Schöpfung zu sein.

Als wenn er dieses Wunder noch besonders hervorheben wollte, erwähnt der Vers drei von Gottes schönsten Names, die Gott als den Schöpfer bezeichnen. Sie zeigen verschiedene Aspekte von Schöpfung und Kreativität auf.

Der erste Name, al-Khâliq, "der Schöpfer", ist derjenige, der im Qur'an am häufigsten gebraucht wird. Der theologische Sprachgebrauch verbindet ihn mit creatio ex nihilo ("Schöpfung aus dem Nichts"). Nach al-Ghazzâli weist er auf den Aspekt des Erfindens und Planens von Dingen hin, die nie zuvor existiert hatten - und tatsächlich ist er auch mit dem Wort mukhtaliq verwandt, das Erfinder bedeutet. Der Qur'an lehrt, daß God die Himmel und die Erde "in Wahrheit" erschaffen hat. Sie enthalten "Gottes Zeichen", sozusagen die eigene Handschrift des Schöpfers, die wir wiederholt ermutigt werden zu studieren, um daraus Nutzen zu ziehen, sowohl für unser Leben in der Welt als auch für unser tieferes Verständnis des Daseins. Forschung, Wissen und Glaube sind eng miteinander verknüpft.

Wenn wir sorgfältiger hinschauen, über Wissenschaft und Philosophie hinaus, entdecken wir, daß alle diese Millionen von Knospen und Blüten und Blättern nicht einfach nur Kopien voneinander sind, daß sie nicht einfach nur einem vorprogrammierten Mechanismus folgen. Nicht einmal zwei von ihnen sind genau gleich oder entwickeln sich auf dieselbe Weise. Das Geheimnis aller Lebewesen, angefangen von den Pflanzen und in zunehmendem Maße Tiere und Menschen, ist dies, daß jedes Individuum einzigartig ist, als wäre es um seiner selbst willen erfunden worden in dem Augenblick, als es ins Dasein kam. Dies beschränkt sich nicht nur auf die äußere Erscheinungsform, sondern, besonders im Falle von Menschen, auch auf den inneren Charakter. Das Gebet, das der Prophet uns sagen lehrte, wenn wir in den Spiegel schauen, ist ein feines Spiel mit Worten, die von derselben Wurzel hergeleitet sind: "Gott, Du hast meine äußere Gestalt (khalqi) schön gemacht, also mache auch meinen Charakter (khulqi) schön." Den eigenen Character zu verschönern ist die Zielsetzung der Ethik (ilm al-akhlâq), wo sich menschliche Bemühungen, die guten Anlagen zu entfalten, in einem feinen Zusammenwirken mit den Handlungen des Schöpfers befinden.

Der zweite Name ist al-Bâri, der Dinge aus etwas anderem hervorbringt, hier aus Mangel an einem besseren Wort mit "der Bildner" übersetzt. Schon die Ikhwân as-Safa im dritten Jahrhundert nach der Hijra beschrieben die Schöpfung als eine allmähliche Entwicklung der Arten unter der Anleitung und Fürsorge des Schöpfers. Wenn wir im Qur'an die zahlreichen Schilderungen davon lesen, wie Gott die Vielfalt der Arten aus derselben Erde hervorbringt, alle die verschiedenen Pflanzen und Tiere vom selben Wasser nährt und auf die Verschiedenheiten der menschlichen Farben, Sprachen und sogar Gottesdienstformen hinweist, dann können wir fast die Freude des Schöpfers an Seinem Werk fühlen.

Das Wort al-Bâri ist von einer Wurzel abgeleitet, die hervorbringen, herausbringen, befreien bedeutet. Indem es aus der Erde, aus der Knospe, aus dem Ei, aus dem Mutterleib hervorgebradht wird, wird jedes Lebewesen sozusagen zum Dasein befreit, innerhalb seiner Rahmenbedingungen zu eigenen Entscheidungen und Aktivitäten sowie zum Zusammenwirken mit anderen Lebewesen ermächtigt.

Verglichen mit al-Khâliq wird der Name al-Bâri im the Qur'an weniger häufig benutzt. Tatsächlich ersheint er hauptsächlich im Zusammenhang mit Umkehr, z.B. in Surah 2:54, wo Mose nach dem Zwischenfall mit dem Goldenen Kalb zu seinem Volk sagt: "Kehrt zu eurem Schöpfer (li-Bâri'ikum) zurück." Umkehr ist im Grunde die Einsicht, sich auf dem falschen Weg zu befinden, und die Rückkehr auf den Weg der Quelle allen Seins, die heilt, Auswege aus dem Gefängnis der Vergangenheit und der Sklaverei gegenüber der eigenen Selbstsucht zeigt und einen Neuanfang möglich macht.

Der dritte Name, al-Musawwir, der Gestalter, ist mit der Idee des Formens, Abbildens, Darstellens verbunden. Lebewesen werden nicht einfach nur als funktional und ihrer Umwelt angemessen erschaffen, sondern mit liebevoller Fürsorge und auf schöne Weise ausgestaltet. Mißtrauisch gegenüber den Gefahren des Anthropomorphismus vermeidet die islamische Theologie gewöhnlich, vom Menschen als "in Gottes Bild geschaffen", obwohl der Prophet diesen Ausdruck durchaus benutzte. Autoren wie al-Ghazzâli ziehen es stattdessen vor zu erörtern, wie das Potential von "Gottes Namen" in jeden Menschen eingepflanzt ist und darauf wartet, in Raum und Zeit entfaltet und auf sinnvolle Weise sichtbar gemacht zu werden.

In diesem Zusammenhang hat es ausführliche Debatten darüber gegeben, inwieweit "Gottes Statthalter auf Erden" möglicherweise ein "Schöpfer" sein kann. Eifrig darauf bedacht, alle Fallstricke des Götzendienstes zu vermeiden, hatten die Gelehrten eine Neigung dazu, Skulpturen und bildlichen Darstellungen über die klassischen Buchmalereien hinaus kritisch gegenüberzustehen. Eine Sorge war die, daß die Bilder und Statuen selbst zu Verehrungsobjekten werden könnten - eine Gefahr, die im Zusammenhang mit Personenkult womöglich immer noch eine Rolle spielt. Das andere Argument, daß lebensnahe Darstellungen von Menschen und Tieren den Künstler in Versuchung bringen könnten, sich als Konkurrent des Schöpfers zu fühlen, ist überraschenderweise nicht in den Debatten über Gentechnologie und künstliche Intelligenz angeführt worden. Vielleicht ist die Angst, die heute ganz allgemein in der menschlichen Gesellschaft so weit verbreitet ist, nicht so sehr auf einer wirklichen Angst voreinander begründet, sondern, vor dem Hintergrund der atomaren Bedrohung und der Schöden an der natürlichen Uwelt, eine verborgene Angst vor unserem eigenen Potential, die wir, statt daran zu arbeiten, auf den "Anderen" projizieren. Ja, wir haben alle diese Fähigkeiten und sollen sie entfalten und in einer Weise nutzen, die des "Statthalters Gottes auf Erden" würdig ist, indem wir die Schöpfung bewahren und pflegen. Es ist an der Zeit, die islamische Ethik von diesem Gesichtspunkt her neu zu überdenken.

Uns selbst in unserer Beziehung zu unserem Schöpfer zu kennen und uns unserer Fähigkeiten, Möglichkeiten, Grenzen und der Verantwortung bewußt zu werden, die damit einhergehen, gibt uns neue Impulse für unser Verständnis von Ethik und Recht. Es würde unsere Gemeinschaft neu beleben wie ein Frühling und Hoffnung auf gute Früchte in der Zukunft geben.

Ihr, die ihr glaubt, antwortet Gott und Seinem Gesandten, wenn sie euch zu dem einladen, was euch Leben gibt ... (8:24)

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Mit Bergen, mit Steinen Dich ruf' ich, mein Gott.
Mit Vögeln im Frühlicht Dich ruf' ich, mein Gott.
Mit Fischen am Bachgrund, Gazellen der Steppe,
Wortlos vor Erstaunen Dich ruf' ich, mein Gott.
Mit Jesus in den Sphären und Mose am Berg,
Den Stab in den Händen Dich ruf' ich, mein Gott.
Mit Hiobs Leiden, mit Jacobs Tränen,
Mit Muhammads Liebe Dich ruf' ich, mein Gott.
Die Welt liegt in Scherben. Ich lasse sie liegen.
Barfüßig, barhäuptig Dich ruf' ich, mein Gott.
Mit Yunus' Stimme, mit Nachtigallzungen,
Mit allen Liebenden Dich ruf' ich, mein Gott.

Die Anrufung ist ein Gedicht von Yunus Emre.

(c) Halima Krausen, 2006