Gedanken zum Freitag 13

Lies!


Lies im Namen deines Schöpfers und Erhalters, der erschafft, der den Menschen aus einem Embryo erschafft. Lies, denn dein Schöpfer und Erhalter ist sehr großmütig, der durch die Schreibfeder lehrt, den Menschen lehrt, was er nicht wußte. (Sura 96:1-5)

In der Vorstellung zahlreicher Muslime lassen diese Worte unmittelbar ein Bild des Propheten Muhammad entstehen, wie er in der Höhle sitzt. Eine in Licht gehüllte Gestalt reicht ihm ein Schriftstück: "Lies!" Tief erschüttert erwidert der Prophet: "Ich bin kein Leser."

Seitdem wird in der islamischen Welt immer großer Wert auf die Fähigkeit zu lesen gelegt. Der Prophet selbst unternahm Schritte, das Lesen und Schreiben bei den Männern und Frauen von Madinah zu fördern, noch zu einer Zeit, wo es wenig mehr zu lesen gab als den Qur'an. Heute sehen wir es als selbstverständlich an, Zeitungen, Briefe, Notizen, Ankündigungen, Romane, Lehrbücher, Enzyklopädien lesen zu können; wir lesen um der Information willen, um Denkanstöße zu bekommen, um Herausforderungen zu analysieren, oder einfach nur zum Spaß.

Um so peinlicher ist es uns, von der Analphabetenrate in muslimischen Ländern zu hören, und wir fühlen uns versucht, eine neue Form des Analphabetismus nicht wahrnehmen zu wollen, wo wir unseren Verstand von modernen Massenmedien, besonders vom Fernsehen, auf eine Art und Weise gefangennehmen lassen, die davon ablenkt, geduldig die Einzelheiten von aufgenommenen Informationen zu sammeln und zu differenzieren, sie kritisch auszuwerten und ihre verschiedenen Aspekte in ihrem Zusammenhang zu betrachten. Wir finden es schockierend, wenn wir uns des Ausmaßes bewußt werden, in dem Ideen, Fragen und Einsichten, die im Laufe unserer 1400-jährigen Geschichte zum Ausdruck gebracht wurden, an den Rand gedrängt wurden und sogar in Vergessenheit gerieten: ein Gelehrter schilderte neulich eine Vision von diesen Büchern, wie sie, von ihrer menschlichen Leserschaft vernachlässigt und ignoriert, in ihrer Bibliothek unter sich eine Konferenz zu brennenden Gegenwartsfragen abhalten - die natürlich allen denjenigen offensteht, deren Interesse noch nicht völlig verlorengegangen ist.

"Lies!," wurde mir vor einiger Zeit gesagt, "bezieht sich auf den Qur'an." Nun, Qur'an bedeutet wörtlich "das, was zu lesen ist". Er ist höchstwahrscheinlich das am häufigsten gelesene Buch der Welt - obwohl ich mir durchaus dessen bewußt bin, daß es viele Muslime gibt, die ihn auf dem obersten Bord des Bücherregals aufbewahren, in sieben Schichten von Seide gehüllt, und ihn nur dann herunterholen, wenn ein Familienangehöriger gestorben ist oder eine Tochter heiratet. Die meisten muslimischen Kinder lernen ihn lesen, im allerbuchstäblichsten Sinne. Viele lesen ihn ohne intellektuelles Verstehen, um des Segens teilhaftig zu werden, der damit verbunden ist. Bedeutet dies, daß die Pflicht erfüllt ist, daß man jetzt wieder zur Tagesordnung übergehen kann?

"Iqra'!" kann auch übersetzt werden als: "Verkünde!" Indem sie diesen Aspekt wortwörtlich und ausschließlich verstehen, nehmen einige eifrige Muslime gewisse Aussagen aus dem Qur'an und gehen dann daran, andere dazu einzuladen, dementsprechend zu handeln, und zwar gleichermaßen wortwörtlich und ausschließlich. Mir sind einige Extremfälle begegnet, wo der Qur'an wie ein Kochbuch behandelt wurde oder wie die Betriebsanleitung für irgendein Elektrogerät, ohne die Zusammenhänge oder eine mögliche tiefere Bedeutung des Textes in Betracht zu ziehen, ganz zu schweigen von einem Verständnis der Probleme, die durch das Handeln gelöst werden sollten, oder der Umgebung, in der die Aktivitäten stattfinden sollten. Vorschläge, einmal innezuhalten und nachzudenken, wurden beiseitegeschoben in der Besorgnis darüber, daß Denken zu Zweifeln und Irrtümern führen könnte. Nun, Wissen ohne Handlungen ist nichts weiter als trockene Theorie. Aber dann kann wiederum Aktivismus ohne Wissen ganz schlimm das Ziel verfehlen.

Aber laßt uns wenigstens den übrigen Teil des Abschnittes lesen. Wir sind aufgefordert zu lesen, und zwar im Namen unseres Rabb. Rabb, meistens übersetzt als "Herr", bezeichnet eigentlich jemanden, der schafft, erhält, erzieht. Gott wird hier also als jemand beschrieben, der Menschen aus Embryonen erschafft, formlosen Klumpen von Keimzellen, die sich allmählich zu etwas entwickeln, das eine menschliche Gestalt hat und das dann geboren wird und aufwächst. Wir erfahren auch, daß Gott "durch die Schreibfeder" lehrt, durch intellektuelle Prozesse, und das Wissen wird nicht in Einzelheiten beschrieben, sondern nur als das, "was er nicht wußte."

In wessen Namen wir etwas tun, sollte sich in den Handlungen selbst wiederspiegeln und einiges Licht auf den Sinn dessen werfen, was wir tun sollen. Und in der Tat enthält das Wort iqra' einen Aspekt des Lernens, Erkennens und Identifizierens. "Gott nannte (qara) das Licht Tag, und die Finsternis nannte Er Nacht," sagt die Hebräische Bibel. Lesen ist ein Prozess, bei dem man etwas in zunehmendem Maße versteht und schließlich in der Lage ist, es in Worten und Taten auf sinnvolle Weise zum Ausdruck zu bringen. Es ist die Bemühung unsererseits, die dem entspricht, daß Gott unser Schöpfer und Lehrer ist, der uns er-zieht, das heißt, der uns herauszieht, aus einem embryonischen Zustand, in dem es einfach nur um den Kampf ums Überleben und die Selbsterhaltung geht wie bei jedem anderen Lebewesen, zu wahrer Menschlichkeit, die eine aktive und verantwortliche Rolle in der Welt hat.

Der Qur'an selbst treibt uns an, indem er die Notwendigkeit betont, zu denken, sich zu erinnern, zu überlegen, zu forschen und zu verstehen, wobei er unseren Verstand nicht nur auf die tieferen Schichten seiner eigenen Bedeutung lenkt, sondern auch auf Gottes Zeichen in älteren Offenbarungen, in der Natur, in der Geschichte, sogar in uns selbst, die wir lesen können. Im Klassischen Zeitalter haben Muslime nicht gezögert, von den Griechen, den Persern, den Indern und sogar den Chinesen zu lernen, auf die Herausforderungen einzugehen, die in ihrer Wissenschaft und Philosophie enthalten waren, verschiedene Wissensbereiche miteinander zu integrieren und sie zum Nutzen der Menschheit weiterzuentwickeln.

Lesen und Lernen wird dann zu einem verändernden Prozeß, wo wir geformt werden als Teil von Gottes schöpferischem und lebenspendendem Handeln, und wo wir unsererseits wiederum ermächtigt werden, an der Gestaltung unseres Lebens, der Gesellschaft und der Welt teilzunehmen, zur Vielfalt und Schönheit der Schöpfung beizutragen.

Erhaben ist also Gott, der König, die Wahrheit. Und sei nicht in Eile mit dem Qur'an, bevor seine Offenbarung vervollständigt wird, sondern sprich: Mein Schöpfer und Erhalter, mehre mein Wissen. (20:114)

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Gott, reinige mein Herz von Heuchelei und meine Handlungen von Augendienerei und meine Zunge von Unwahrhaftigkeit und meine Augen von Unaufrichtigkeit, denn Du kennst die Unaufrichtigkeit der Augen und das, was in den Herzen verborgen ist.
Gott, ich bitte Dich um nützliches Wissen, um großzügige Versorgung, um Handlungen, die angenommen werden, und um Heilung von allem Leiden.
Gott, ich suche Schutz bei Dir vor Wissen, das nichts nützt, vor einem Herzen, das keine Ehrfurcht hat, vor Gebeten, die nicht erhört werden, und vor einem Selbst, das unersättlich ist.

Die Anrufungen wurden vom Propheten Muhammad überliefert.

(c) Halima Krausen, 2006