Gedanken zum Freitag 14

Eine "Gemeinschaft der Mitte"


So haben Wir euch zu einer Gemeinschaft der Mitte gemacht, daß ihr Zeugen seid für die Menschen und daß der Gesandte ein Zeuge ist für euch, und Wir haben die Qiblah, die du gewohnt warst, nur eingerichtet, um diejenigen, die dem Gesandten folgen, von denen zu unterscheiden, die auf ihren Fersen umkehren. Dies war schwerwiegend, außer für diejenigen, die Gott geleitet hat. Gott würde niemals euren Glauben vergeblich sein lassen. Gott ist freundlich und barmherzig zu den Menschen. (Surah 2:143)

Eine "Gemeinschaft der Mitte" - was soll das heißen? Soll die muslimische Gemeinschaft eine neue Version des alten chinesischen "Reiches der Mitte" sein, bei dem man sich vorgestellt hat, daß sich das Universum darum dreht? Soll sie eine Gemeinschaft der Mittelmäßigkeit sein, etwas ohne Profil, von der Art, die von Friedrich Nietzsche in seinem Streben nach dem "Übermenschen" so verachtet wird?

Die Kommentatoren erklären diesen Begriff oft in Bezug auf den Mittelweg, dem Muslime folgen sollen. Tatsächlich spricht der Qur'an hiervon oft im Zusammenhang mit Regeln und Prinzipien. Ein bekanntes Beispiel ist der Abschnitt in Surah 17:26-29: "Gib den Verwandten, was ihnen zusteht, sowie auch dem Bedürftigen und dem Fremden, aber verschwende nicht ... laß deine Hand nicht (geizig) an deinen Nacken gefesselt sein, aber strecke sie auch nicht zu weit geöffnet aus (in übergroßer Freigebigkeit) ..." Das ist vernünftig, nicht wahr? Es erfordert sicherlich etwas Weisheit, diese Gebote zu verstehen, das feine Gleichgewicht zu wahren zwischen eigennütziger gier und dem Antrieb, zu viel wegzugeben, bis der Geber selbst von der Not überholt wird. Der Qur'an ermahnt seine Leser wiederholt, nicht "die von Gott gesetzten Grenzen zu überschreiten", ist aber gleichzeitig kritisch gegen diejenigen, die willkürlich verbieten, was Gott nicht verboten hat, und den Menschen das Leben schwierig machen. Das Fasten im Ramadan ist eine religiöse Pflicht, und an etwas zusätzlichem Fasten ist nichts auszusetzen, aber Askese an sich ist kein islamischer Wert - vielmehr wird uns ausdrücklich nahegelegt: "Genießt die guten Dinge, die Wir euch gegeben haben, und seid dankbar ..." (Surah 2:173). Der Prophet Muhammad und einige seiner Gefährten verbrachten manchmal einen Teil der Nacht im Gebet, aber sie werden aufgefordert, nicht zu übertreiben, denn "unter euch sind solche, die krank sind, und andere, die im Land umherreisen im Bestreben nach Unterhalt von Gott, und wieder andere, die in Gottes Weg kämpfen", sondern lieber das vorzutragen, was allen leichtfällt. Der qur'anische Gerechtigkeitsbegriff ist mit dem Bild von der Waage verbunden, die ein Gleichgewicht darstellt zwischen verschiedenen Individuen, in der Beziehung zur Schöpfung, und zwischen Menschen und Gott. In seiner Anleitung zum Aufbau des Charakters weist al-Ghazzâli darauf hin, daß Regungen wie Gier oder Zorn ihre legitime Rolle bei der Selbsterhaltung des Menschen spielen, aber Schaden verursachen, wenn sie diese Grenzen überschreiten, und daher unter Kontrolle gehalten werden müssen. Er erläutert ausführlich, wie wichtig es ist, das rechte Gleichgewicht zu halten zwischen Furcht und Hoffnung als den motivierenden Kräften hinter den Bemühungen, um sich vom Bösen fernzuhalten und im Ringen um das Gute ausdauernd zu sein. Immer wieder werden wir auf verschiedene Weise daran erinnert, in der Religion nicht zu übertreiben, dem geraden Weg zu folgen und krumme Extreme zu meiden. In Anbetracht alles dessen sollte jeglicher Extremismus mit dem Islam unvereinbar sein, nicht wahr?

Aber das ist noch nicht alles. Der Abschnitt wurde in Madinah im Zusammenhang mit dem Wechsel der Qiblah, der Gebetsrichtung, offenbart. Das war für die junge Gemeinschaft eine schwerwiegende Erfahrung. Wenn wir an die Auswanderung und die ersten Jahre in Madinah denken, neigen wir dazu, das Ende der langen Stammesfehden zu betonen, die Verfassung des autonomen Stadtstaates mit ihrem Ausblick auf Frieden zwischen Gruppen aus verschiedenen Kulturen und Religionen, oder die Integration der Muhâjirûn (Auswanderer) und der Ansâr (ihrer ortsansässigen Helfer), oder den Bau der ersten Moschee. Indem wir die Absichten und Möglichkeiten idealisieren, vergessen wir manchmal, daß der Friede nicht "ausbricht", daß eine Vereinbarung nichts weiter sein kann als ein Anfangspunkt für die Beziehungsarbeit. Die Wirklichkeit war eine Herausforderung, an der zu arbeiten war. Die Wirtschaft von Yathrib, auf Landwirtschaft und Handwerk begründet, hatte unter dem Krieg schwer gelitten, und viele Einwanderer waren praktisch mit leeren Händen angekommen. Es herrschte große Erleichterung darüber, daß die Gefahren vorüber waren, aber diese beendete nicht automatisch alte Ressentiments, Gruppeninteressen und auf Prestige ausgerichteten Ehrgeiz einiger Stammesführer. Auch der äußere Krieg mit den mekkanischen Quraish war intensiven Schritten zur Entwicklung von gegenseitigem Vertrauen und Verständnis nicht förderlich. Um so notwendiger war es für die Muslime, mit ihrem ethischen und spirituellen Mittelpunkt in Verbindung zu bleiben.

Mit Blick auf das Selbstverständnis des Propheten, der sich als ein Glied einer langen Kette von Gesandten Gottes sah, wandten sich die Muslime von Madinah ebenso wie die ortsansässigen Juden beim Gebet nach Jerusalem. Dies erschien als die größte Selbstverständlichkeit. Aber es führte bald zu Mißverständnissen. Versuchten die Muslime, sich in diesem komplexen Gewebe von Stammesinteressen auf eine bestimmte Seite zu stellen? Selbst einige moderne Orientalisten spekulieren immer noch, ob diese Gebetsrichtung als ein Kompromiß mit den jüdischen Stämmen gewählt worden war oder als ein Versuch, sie zu "gewinnen". Allem Anschein nach sind Gemeinsamkeiten zwischen den Glaubensrichtungen nicht immer hilfreich für ein besseres Verstehen. Jedenfalls erforderte die Atmosphäre etwas, um die Verwirrung zu klären, eine deutliche Aussage dazu, "was die Muslime wollten", einen klaren Ausdruck "muslimischer Identität". Infolgedessen wurde die Gebetsrichtung nach Makkah geändert, in der Erinnerung an Abraham, der, während er der Ahnherr von drei Religionsgemeinschaften wurde, doch eine Person war, die ihren eigenen Weg ging, immer in seiner eigenen Mitte ruhend in Gottes Gegenwart. "So," wird den Muslimen gesagt, "haben Wir euch zu einer Gemeinschaft der Mitte gemacht," zu einer Gemeinschaft, die in ihrer eigenen Mitte ruht und damit in der Lage ist, für ihre Werte und Ziele Zeugnis abzulegen, nicht durch ständige Erklärungen und Diskussionen und sicherlich nicht durch spektakuläre Handlungen, sondern indem sie beständig inmitten von allem anderen ihren Weg geht, ohne sich herausfordern zu lassen, auf extreme Weise zu reagieren.

Hier gibt es noch andere Aspekte. Als Muslime heute, die mit ihren alltäglichen Herausforderungen umgehen müssen, fühlen wir uns oft in Versuchung, in eine idealisierte Vergangenheit zu starren oder hochfliegenden Zukunftsträumen nachzuhängen. Tatsache ist, daß wir sozusagen in der Mitte zwischen der Vergangenheit und der Zukunft stehen und die Füße auf dem Boden unserer eignen Zeit und unseres eigenen Ortes haben müssen. Wir können aus der Vergangenheit lernen und Pläne für die Zukunft machen, aber der Erfolg liegt bei dem, was wir hier und jetzt tun, auf eine Art und Weise, die das Gleichgewicht wahrt zwischen individuellem und gesellschaftlichem Handeln, zwischen materiellen und spirituellen Angelegenheiten, zwischen "uns" und "den anderen".

Und schließlich ist der Gedanke, in der "Mitte" zu sein, im Konzept der Vermittlung oder Mediation enthalten. Aus dieser Position heraus sind wir in der Lage, beide Seiten eines Konflikts zu sehen, Wege zum "&UUml;bersetzen" und zur Hilfe in Richtung auf ein besseres Verständnis zu finden. Wenn wir dem Mittelweg folgen und genügend Disziplin üben, können wir vielleicht auch selbst etwas Abstand von einem Problem halten, selbst wenn wir darin verwickelt sind, um dadurch Wege zu finden, Feindseligkeit zu überwinden und zu einer echten Versöhnung beizutragen.

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In meinem Herzen kreisen alle Gedanken um Dich.
Anderes spricht nicht die Zunge als meine Liebe zu Dir.
Wenn ich nach Osten mich wende, scheinst Du im Osten mir auf,
Wenn ich nach Westen mich wende, stehst vor den Augen Du mir.
Wenn ich nach oben mich wende, bist Du noch höher als dies.
Wenn ich nach unten mich wende, bist Du das Überall hier.
Du bist, der allem den Ort gibt, aber Du bist nicht sein Ort.
Du bist in allem das Ganze, doch nicht vergänglich wie wir.
Du bist mein Herz, mein Gewissen, bist mein Gedanke, mein Geist,
Du bist der Rhythmus des Atmens, Du bist der Herzensgrund mir.

Die Anrufung ist ein Gedicht des Mystikers Mansûr al-Hallâj.

(c) Halima Krausen, 2006