

| Es steht einem Menschen nicht zu, daß Gott zu ihm sprechen sollte, es sei denn durch Eingebung oder von hinter einem Schleier, oder indem Er einen Gesandten schickt, um mit Seiner Erlaubnis das einzugeben, was Er will. Er ist erhaben, weise. (Surah 42:52) |
Es scheint unter Muslimen zur Gewohnheit zu werden, an die Möglichkeit, das Gott zu Menschen spricht, ausschließlich in Begriffen von prophetischer Offenbarung zu denken. Darum wird dieser Vers oft in Bezug auf Prophetie verstanden: Eingebung (wahy) wird dann mit einer verbalen Inspiration der Botschaft Gottes in das Herz eines Propheten identifiziert, der Schleier (hijâb) umschreibt Phänomene wie den Brennenden Busch, durch den Gott Mose ansprach, und unter dem Gesandten (rasûl) versteht man den Engel, der damit beauftragt ist, Offenbarung zu vermitteln. Das ist sehr interessant für alle diejenigen, die sich fragen, wie prophetische Offenbarung zustandekommt.
Der Text spricht jedoch von Menschen im allgemeinen, und der Qur'an erwähnt sehr wohl einige Fälle, in denen Gott zu Männern und Frauen spricht, die keine offensichtliche prophetische Aufgabe haben. Ich möchte daher diesen Vers von diesem Gesichtspunkt her erkunden, und zwar in "umgekehrter" Reihenfolge, von vertrauteren Erfahrungen fortschreitend zu Erfahrungen, die eher Besonderheiten prophetischer Personen sind.
I Der Gesandte
Seit jeher haben Menschen Fragen gestellt und durch Beobachtung, Nachahmung und Erfahrung gelernt, aber auch von menschlichen Lehrern. Letzteres ist hier wichtig, denn die Reichhaltigkeit der Eindrücke und Informationen verlangt eine Perspektive. Im Laufe der Menschheitsgeschichte hat es wiederholt weise Lehrer gegeben, am bedeutendsten unter ihnen z.B. die Begründer der Weltreligionen. In der muslimischen Tradition werden sie als Gesandte Gottes bezeichnet, denn im islamischen Denken wird alles, was gut für die Schöpfung ist, auf den Schöpfer zurückgeführt. In der muslimischen Theologie ist ein Gesandter zuallererst ein Mensch, der in der Lage ist, ein Lehrer und Leitbild für andere zu sein, der sie verstehen und ermutigen kann. Der Qur'an umreißt ihre Aufgabe in dem folgenden Gebet, das Abraham zugeschrieben wird:
Unser Schöpfer und Erhalter, erwecke unter ihnen einen Gesandten von ihnen selbst, der ihnen Deine Zeichen vorstellt und sie die Schrift und die Weisheit lehrt und sie läutert. Du bist der Mächtige Freund, der Weise. (Surah 2:129)
"Gottes Zeichen (âyât) vorstellen" wird oft auf die Verse des Qur'an (oder anderer heiliger Schriften) verstanden. Aber Zeichen sind Mitteilungen in einem viel weiteren Sinne: Merkmale, die uns auf unserem Weg durch das Leben in dieser Welt leiten sollen. Die Beobachtung und Erforschung von Gottes Zeichen in der Natur, in der Geschichte und im menschlichen Inneren selbst führt zu wertvollen Einsichten sowohl für unser irdisches Leben als auch für das zukünftige Leben. Die Aufgabe eines Lehrers ist es darum hier, Menschen die Augen zu öffnen und zu helfen, die Zeichen im Zusammenhang mit der menschlichen Verantwortung zu verstehen.
In Religionen, die auf einer heiligen Schrift begründet sind, haben die "Zeichen" des Texts sehr wohl eine zentrale Bedeutung für die spirituelle und ethische Orientierung, aber sie existieren nicht in einem Vakuum. Sie sollen vielmehr Schlüssel für die anderen Zeichen in der Schöpfung sein. Abgesehen davon bedeutet Schrift (kitâb) mehr als ein geschriebenes oder gedrucktes Buch. Es bedeutet auch Vor-Schrift im Sinne von ethischen Prinzipien. "Sie die Schrift lehren" bedeutet daher ethische Leitung im Hinblick auf die Beziehungen innerhalb des Gewebes der Schöpfung, um ein Maß an Ausgewogenheit zu erlangen, das für alle nützlich ist. Darüber hinaus wird Weisheit (hikmah) gelehrt, die hilft, Proportionen und die Entwicklung von Dingen zu erkennen und Entscheidungen zu treffen, die zu wertvollen, dauerhaften Zielen führen.
Aber die Aufgabe eines Gesandten ist hier noch nicht zu Ende. Läuterung ist ein Erziehungsprozeß, der über kognitives Lernen hinausgeht. Tatsächlich ist es fast ein Schöpfungsakt, wenn ein prophetischer Lehrer mit Sympathie und liebevoller Anleitung das "Rohmaterial" eines Menschen formt. Eine prophetische Person hat dann schon selbst einen Zustand erreicht, wie er in den Geschichten von Männern und Frauen zum Ausdruck kommt, die rein genug waren, um Engel sehen zu können (arab. malâ'ika, Kräfte, die von Gott als Gesandte geschickt werden, um in der Schöpfung bestimmte Aufgaben zu erfüllen), wie z.B. Abraham und Sarah, als Engel als Gäste kamen, um die Geburt Isaacs anzukündigen, oder Hagar, als ein Engel ihr half, in der Wüste zu überleben.
II Der Schleier
Je nachdem wie dicht ein Schleier ist, kann er das, was hinter ihm liegt, verhüllen der offenbaren. Al-Ghazzali (gest. 1111 n.C.) beschreibt "siebzigtausend Schleier aus Licht und Finsternis", hinter denen Gott verborgen ist und die, je nach dem Läuterungszustand eines Menschen, schrittweise gelüftet werden - ein Bild, das in der Mystik immer wieder zu finden ist.
Der dichteste Schleier besteht aus den Phänomenen der Schöpfung, wenn sie nur in ihrem oberflächlichen, materiellen Sinne verstanden werden. Dann ist alles, was im Qur'an mit "Gottes Zeichen" bezeichnet wird, einfach nur "Welt", und ihre spirituelle Dimension wird nicht wahrgenommen. Der Materialist wird in der Lage sein, sie für irgendwelche Technologie zu nutzen, aber es wird ihm kaum möglich sein, sie in Verbindung mit moralischer Verantwortung zu sehen, ganz zu schweigen von Gottes Stimme, die durch sie spricht. Aber so mancher Wissenschaftler, der seine Laufbahn als materialistischer Atheist begann, entdeckte allmählich, daß es in der Schöpfung um mehr ging als um bloße Naturwissenschaft, Geschichte usw.: eine Einsicht in den Hintergrund des Daseins. Das ist der Sinn der Geschichten von Weisen, die die Sprache von Tieren und Pflanzen verstehen konnten. Und schließlich gibt es Mystiker, die, nachdem sie eine Disziplin der inneren Läuterung geübt haben, Gottes Handeln und Seine Gegenwart überall wahrnehmen, wobei sie nur noch ein dünner Schleier vom Letztendlichen Licht trennt.
III Eingebung
In der qur'anischen Sprache ist das Wort wahy noch nicht der Fachausdruck, der heute für prophetische Offenbarung benutzt wird, sondern bezeichnet verschiedene Arten von Eingebung. Göttliche Eingebung (wahy), so erfahren wir in Surah 16:68-69, ist sogar der Impuls, der die Biene veranlaßt, Honig zu produzieren; oder der die Erde selbst veranlaßt, am Tag des Gerichts ihre Geschichte zu erzählen (Surah 99:1-5). Andererseits kann Eingebung von verschiedenen Quellen kommen, darunter auch negativen, z.B. "... Die bösen Mächte geben ihren Freunden ein, mit euch zu streiten ..." (Surah 6:121). Abgesehen davon haben Versuche verschiedener Menschen, ihre Autorität zu verstärken, indem sie den Anspruch erhoben, göttliche Eingebung empfangen zu haben, oft zu Fanatismus und Extremismus geführt.
So kam es, daß das Wort wahy allmählich ausschließlich als Fachausdruck für prophetische Offenbarung benutzt wurde, während andere Erfahrungen z.B. als ilham (Eingebung, die Gott Menschen zukommen läßt, die Ihm nahestehen, ohne Propheten zu sein), oder kashf (die Entschleierung verborgener Wahrheiten für Mystiker) bezeichnet werden. Eingebungen seitens der bösen Mächte wurden waswâs, Einflüsterung, genannt. Die Quelle einer Eingebung zu kennen und zu wissen, ob es sich um Licht oder Verblendung handelt, ist eine Sache der Selbsterkenntnis und Aufrichtigkeit. Sehr oft ist es eine sehr leise Stimme, die uns anregt, einem Mitmenschen in Not zu helfen, uns um ein Tier oder eine Pflanze zu kümmern, oder mit einer scheinbar unbedeutenden Handlung Hoffnung und Glück zu verbreiten, wo wir in unserer Zeit Gottes Stimme hören können.
Und wenn dich Meine Diener nach Mir fragen: Ich bin nahe. Ich antworte dem Ruf des Rufenden, wenn er Mich anruft. Darum sollten sie auch Mir antworten und an Mich glauben, damit sie geleitet werden. (Surah 2:186)
Gott, ich habe nie der Stimme eines Tieres zugehört oder dem Rauschen eines Baumes oder dem Murmeln von Wasser oder dem Zwitschern eines Vogels oder dem Brausen des Windes oder dem Poltern des Donners, ohne zu entdecken, daß sie Zeugnis für Deine Einheit ablegen und aufzeigen, daß es niemanden gibt wie Dich, daß Du der König bist, der nicht beherrscht wird, der Weise, der weit von Unwissenheit entfernt ist, der Sanfte, der nicht beschämt, der Gerechte, der nicht ungerecht ist, der Wahre, der nicht täuscht.
Die Anrufung wurde von dem Mystiker Dhun-Nûn Misri überliefert.

(c) Halima Krausen, 2006