

| Wer auf Ordnung und Frieden hin arbeitet, sei es Mann oder Frau, und gläubig ist, den werden Wir zu einem guten Leben erwecken, und Wir werden ihnen ihnen Lohn bemessen nach den besten ihrer Handlungen. Und wenn du den Qur'an liest, dann suche Gottes Schutz vor der verworfenen Macht des Bösen. Es hat keine Macht über diejenigen, die glauben und auf ihren Schöpfer und Erhalter vertrauen. Seine Macht erstreckt sich nur über diejenigen, die sich mit ihm anfreunden und die (Gott andere Wesen) beigesellen. (Surah 16:97-100) |
Vor einiger Zeit fand ich eine wissenschaftliche Abhandlung über Glaubensvorstellungen bei Muslimen, die auf Interviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen beruhte. Die Ergebnisse waren besorgniserregend: für die große Mehrheit waren die Vorstellungen von Gott und der Welt sehr stark von der Angst for dem Bösen und vor Strafe bestimmt, und zwar in einem solchen Ausmaß, daß ich anfing, mich zu fragen, wieviel Platzt da noch für ihre intellektuelle und spirituelle oder auch ihre moralische Entwicklung übrigblieb. Ich hatte gehört, wie solche Ängste in Seelsorgegesprächen zum Ausdruck kamen, und einige meiner Studenten hatten damit zu kämpfen, bevor sie sich zuversichtlich genug fühlten, alle die Fragen zu stellen, die ihnen in den Sinn kamen. Aber allem Anschein nach waren sie weiter verbreitet, als ich gedacht hatte. Nachdem ich hinsichtlich dieses Problems hellhöriger geworden war, fiel mir bald auf, wie oft Eltern das Wort "harâm", religiös verboten, für alles das benutzen, was ihre Kinder ihrer Ansicht nach nicht tun sollten, und sich auf "Gottes Strafe" beriefen, wenn sie versuchten, sie innerhalb des Rahmens der Disziplin zu halten, besonders dann, wenn sie sich aufgrund mangelnder eigener Bildung nicht in der Lage fühlten, ihnen die Dinge mit vernünftigen Argumenten und etwas Geduld nahezubringen.
Aber Eltern scheinen nicht die einzigen zu sein, die auf diese Art zurückgreifen, sich für ihre Autorität Rückendeckung zu verschaffen. Nachdem ich einmal empfindsamer geworden war, bemerkte ich, wie Menschen, von denen man eigentlich erwartet, daß sie einen besseren Bildungshintergrund haben sollten, doch ein unverhältnismäßig großes Gewicht auf Shaytân, Höllenfeuer und den Einfluß des Bösen legten. Ein Extrem, dem ich erst neulich begegnet bin, war eine Predigt in einer Moschee, die fast dualistisch klang, als ob die Weltanschauung des Predigers auf der Vorstellung eines Kampfes zwischen Gott als der Kraft des Guten und Shaytân als der Kraft des Bösen begründet wäre statt auf dem Monotheismus, wo das Böse ein Element innerhalb der Schöpfung ist und alles schließlich zu Gott zurückgebracht wird, um vor Seinem Gericht zu stehen. Ich wies ihn anschließend darauf hin sowie auch auf den möglichen Eindruck, den seine Predigt auf seine Zuhörer machen könnte, und wir hatten ein langes, ergiebiges Gespräch über seine eigenen Bedenken und Sorgen, die seiner Perspektive hier zugrundelagen.
Das ist natürlich um Welten von der Geschichte entfernt, die al-Ghazzâli von einem Prediger erzählt, der sich ständig fast ausschließlich auf die Verdienste guter Handlungen sowie auf Gottes Barmherzigkeit, Großzügigkeit und Vergebungsbereitschaft konzentrierte. Als er vor dem Letztendliche Richter stand, wurde er gefragt, warum er denn nut diesen Aspekt der Theologie vorgestellt habe, obwohl er als der große Gelehrte, der er war, doch auch auf Gottes Gerechtigkeit und Seine Strenge in seinem Umgang mit Ungerechtigkeit und Bösem hätte hinweisen können. Er antwortete: "Ich wollte, daß die Menschen Gutes von Dir erwarten, daß sie nicht die Hoffnung auf Deine Vergebung aufgeben, und daß sie Liebe zu Dir in ihren Herzen fühlen." Daraufhin erwiderte Gott: "Ich will niemanden enttäuschen, der Gutes von Mir erwartet. Ich will denen vergeben, die die Hoffnung auf Meine Vergebung nicht aufgeben. Und Ich will diejenigen lieben, die Mich lieben."
Dies kann sicherlich nicht bedeuten, daß wir das Böse leichtnehmen oder völlig ignorieren könnten. Zumindest für diejenigen, die unter den bösen Handlungen anderer leiden, ist es eine stets gegenwärtige Realität. Zumindest in Zeiten von Krieg und Unterdrückung mögen wir das Gefühl haben, daß es uns überschwemmt. Aber selbst unter normalen Umständen ist sich jeder Mensch, dessen Gewissen lebendig ist, des ständigen Ringens mit seinen oder ihren eigennützigen und bösen Regungen bewußt, der Notwendigkeit, im Alltagsleben zwischen guten und bösen Handlungen zu wählen - Entscheidungen, die ein völlig selbstverständlicher Bestandteil unserer Freiheit sind.
Es würde auch keinen Sinn machen, die bösen Folgen des Bösen und die guten Früchte des Guten zu leugnen. Selbst jemandem, der die traditionellen Bilder vom Feuer und vom Garten nicht teilt, leuchtet ein, daß schlechte und egoistische Handlungen schließlich Konflikt und Unruhe verursachen und in Extremfällen Situationen entstehen lassen, die jede Vorstellung von Hölle übertreffen, die man haben mag, und daß Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Freundlichkeit und gegenseitige Hilfsbereitschaft zu Ordnung und Frieden führt und denen, die sich dafür einsetzen, Befriedigung vermittelt. Es hat daher immer zur Aufgabe der Propheten gehört, vor Bösem und Ungerechtigkeit zu warnen und die Menschen anzuregen, umzukehren und dem Weg des Guten zu folgen.
Furcht und Hoffnung sind oft als zwei moralische motivierende Kräfte beschrieben worden: auf der einen Seite die Furcht vor den bösen Folgen, die einen Menschen daran hindert, Böses zu tun, auf der anderen Seite die Hoffnung auf die Früchte guter Handlungen, die dazu ermutigen, Gutes zu tun. Al-Ghazzâli vergleicht sie mit den beiden Flügeln, mit denen ein Vogel fliegt, und betont, daß sie ausgewogen sein müssen. Ein Übergewicht auf Furcht über ein gesundes Gefühl der Ehrfurcht hinaus kann einen Menschen lähmen und deprimieren, und zwar so weit, daß Handlungen überhaupt, auch gute, schwierig oder unmöglich erscheinen. Da nach dem Qur'an, der "Kampf zwischen Gut und Böse" nicht irgendwo im Weltall von anonymen Kräften ausgefochten wird sondern auf der menschlichen Ebene stattfindet, wäre das sicher nicht der Sinn der Sache. Ein Übergewicht auf Hoffnung kann zu unrealistischen Erwartungen und zu Achtlosigkeit führen. Eltern und andere Autoritätspersonen können den feinen Gleichgewichtspunkt falsch einschätzen, wenn sie selbst unter dem Einfluß starker Angst oder übermäßiger Erwartungen stehen und damit unbeabsichtigt denen, für die sie Verantwortung tragen, eine Last auferlegen.
Idealisten mögen nun sagen, daß sowohl Furcht als auch Hoffnung als motivierende Kräfte immer noch sehr stark mit den eigennützigen Interessen einer Person verbunden sind, mit dem Wunsch, Leiden zu vermeiden, das durch die bösen Folgen böser Handlungen zustandekommt, und die Früchte guter Handlungen zu genießen. Aber dann ist dies auch kein Selbstzweck, sondern nur ein Abschnitt unserer Reise. Zu den nächsten Abschnitten gehören Vertrauen, Einsicht und Liebe.
Die Notwendigkeit, unsere Reise fortzusetzen, uns zu weiteren Abschnitten hinzubewegen, wurde von der Mystikerin Râbi'ah dramatisch veranschaulicht, als sie sagte: "Ich möchte gern die Hölle auslöschen und das Paradies in Brand stecken, so daß die Menschen Gott nicht aus Furcht vor Strafe oder in Hoffnung auf eine Belohnung dienen, sondern aus Liebe zu Seiner Schönheit."
Gott, leite mich mit denen, die Du leitest,
und bewahre mich mit denen, die Du bewahrst,
und sei mir nahe mit denen, denen Du nahe bist,
und segne mich in dem, was Du mir gegeben hast,
und schütze mich vor dem Übel dessen, was Du beschlossen hast, denn Du bestimmst,
aber wirst nicht bestimmt.
Wessen Beschützer Du bist, der wird nicht erniedrigt, und wer Dich zum Feind hat,
erlangt keine Ehre.
Du bist segensreich und erhaben, darum gebührt Dir das Lob für das, was Du
beschließt.
Ich bitte Dich um Vergebung, Gott, und kehre zu Dir um.
Und Gott segne unseren Meister Muhammad und seine Angehörigen und Gefährten
und schenke ihnen Frieden.
Unser Herr, vergib uns und erbarme Dich unser.
Du bist doch der beste Erbarmer.
Die Anrufung wurde vom Propheten Muhammad überliefert und wird im schafi'itischen Qunût Du'â benutzt.

(c) Halima Krausen, 2006