

| Und auf der Erde gibt es nah beieinander Landschaften und Traubengärten und Getreidefelder und Dattelpalmen, aus einer Wurzel wachsend und nicht so wachsend, von ein und demselben Wasser getränkt, und Wir lassen sie einander an Frucht übertreffen. Hierin sind Zeichen für Leute, die begreifen. (Surah 13:4) |
Wenn der Wahnsinn regiert, erscheinen die Worte des Qur'an manchmal wie eine Botschaft von einem anderen Planeten. Seine Ideale, Prinzipien, Perspektiven und Visionen von Gerechtigkeit, Frieden und Schönheit stoßen auf Unterdrückung, Ausbeutung, Zerstörung, Gewalt und Krieg, wie sie Teil unserer Alltagswirklichkeit sind - als beängstigende Erfahrung, als besorgniserregende Nachrichten von Verwandten und Freunden, oder als beunruhigende Bilder auf dem Fernsehschirm.
Der Qur'an weist oft auf die Vielfalt innerhalb der Schöpfung hin, auf die Verschiedenheit der Farben bei Mineralien, Pflanzen, Tieren und Menschen, auf die Vielzahl der Sprachen, Nationen und Religionen, auf die Polarität des Männlichen und Weiblichen und sogar auf Gegensätze wie Tag und Nacht. Sie werden als "Zeichen Gottes" bezeichnet, mit demselben Ausdruck wie die Botschaften in den Offenbarungsschriften, und die Menschen werden ermutigt, sie auf verschiedenen Ebenen zu studieren, sowohl um des praktischen Nutzens willen wie etwa in der Medizin oder zur Verbesserung der Lebensqualität, als auch, um Einsicht in die Art und Weise zu gewinnen, wie die Schöpfung funktioniert, und zum spirituellen Wachstum.
In diesem Zusammenhang betont der Qur'an wiederholt, daß dies Zeichen sind "für Leute, die begreifen". Das arabische Wort 'aqala, wörtlich vernünftig sein, intelligent sein, verstehen, begreifen, bedeutet auf einer elementareren Ebene auch: (ein Tier) anbinden, zurückhalten. Der berühmte Ausspruch des Propheten Muhammad: "Binde zuerst (dein Kamel) an, dann verlasse dich auf Gott," spielt mit diesem Wort. Muslimische Gelehrte aller Zeitalter haben die Bedeutung von 'aql, Intellekt, Vernunft, betont als die menschliche Fähigkeit, das Zusammenwirken und die Beziehung zwischen Menschen in einer Gesellschaft und verschiedener Lebewesen innerhalb der Schöpfung zu verstehen sowie die Gesetzmäßigkeiten, die in der Natur wirksam sind, und die Verbindung zwischen allem diesem und dem Ursprung allen Seins, und zu Schlußfolgerungen zu gelangen, die ethische und spirituelle Orientierung bieten. Vernunft und Offenbarung wurden nicht als Gegensätze verstanden, sondern die Vernunft wurde als Voraussetzung dafür gesehen, die Offenbarung zu verstehen, Gottes Existenz und Einheit zu erkennen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, zu Gewißheit und Vertrauen zu gelangen und in einer zunehmend komplexen Welt Recht und Theologie zu entwickeln.
Starke eigennützige Impulse wie Haß, Gier oder Neid und sogar starke Angst mischen sich in Vernunft und Selbstbeherrschung ein wie Drogen. Ihre lautstarken Ansprüche versuchen, die leise Stimme der Vernunft zu übertönen, die beständig an Gerechtigkeit und Verantwortung erinnert. Sie können sogar das Gefühl für Proportionen stören und das Bild der Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit verzerren: ein anderer Lebensstil wird dann als Bedrohung wahrgenommen, ein Fremder als Feind, ein Mensch als ein Dämon. Gelegentlich verkleiden sie sich als rationale Argumente und komplette logische Systeme, um Menschen zu schädlichen Ideologien zu verleiten wie Rassismus, Sexismus und viele andere. Wenn Gott bei alledem überhaupt eine Rolle hat - wie es sicherlich beim religiösen Extremismus der Fall ist - dann sehr oft als ein Konzept, das gegen diejenigen verteidigt werden muß, die "unsere Religion vernichten wollen", nicht als die Letztendliche Realität, die unser Schöpfer, Erhalter, Beschützer und Richter ist und der wir für unsere Handlungen verantwortlich sind. Hat die Unvernunft erst einmal die Oberhand genommen, dann scheint es für Ungerechtigkeit, Zerstörung und sinnlose Grausamkeit keine Grenzen zu geben. Selbst die warnenden Lehren aus der Geschichte, ungeachtet dessen, wie hat sie zu lernen waren, geraten in Vergessenheit oder werden ignoriert.
Wir sollen einmal den Qur'anvers etwas näher betrachten. Auf einer Ebene scheint er Tatsachen zu beschreiben, die man leicht beobachten kann. Wenn wir reisen, sind wir oft erstaunt über die Schönheit von Gebirgen, Seen, Ebenen, Gärten, Wäldern, Wüsten, Feldern, Obstplantagen, Flüssen, Meeren. Ein umweltbewußter Mitmensch mag vielleicht auf die gegenseitige Abhängigkeit aller dieser Dinge hinweisen und auf das feine Gleichgewicht hinter ihrem Zusammenwirken. So mancher Muslim wird von Ehrfurcht ergriffen, wenn er dies beobachtet und erkundet, und wird bald zustimmen, daß ihre Vielfalt auf die grenzenlose Weisheit und Sorgfalt des Schöpfers hinweist.
Aber der Qur'an stellt nicht einfach nur das Offensichtliche fest. Auf einer anderen Ebene ist der Vers ein Gleichnis, das menschliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede beschreibt. Menschen sind Angehörige verschiedener Familien, Nationen und Kulturen (das Wort Kultur selbst kommt aus dem Lateinischen und bezeichnet etwas, das wächst, das angebaut, also "kultiviert" wird). Einige davon sind verwandt, sozusagen von derselben Wurzel - ein sehr bekanntes Beispiel ist die Beziehung religiöser Gemeinschaften in der Tradition, die auf Abraham zurückgeführt wird - während andere völlig andere Wurzeln haben und infolgedessen Begriffe und Bilder zu haben scheinen, die schwieriger zu verstehen sind. Es scheint leichter zu sein, sich mit "Verwandten" in vertrauten Begriffen zu verständigen und mit ihnen auf der Grundlage von Gemeinsamkeiten zusammenzuarbeiten, aber dann sind auch Konflikte viel schmerzhafter, selbst dann, wenn der "Andere" dämonisiert wird. Die Vielzahl der kulturellen Früchte, die von allen diesen Gruppen hervorgebracht werden, von jeder einzelnen für sich und durch ihren gegenseitigen Austausch, bildet den erstaunlichen Reichtum menschlicher Zivilisation.
Ob wir nun aber unser Hauptaugenmerk auf Gemeinsamkeiten legen oder auf Unterschiede, auf Koexistenz oder auf Rivalität, wir müssen im Bewußtsein behalten, daß wir von dem selben lebenspendenden Wasser durchdrungen sind. Wir wurden alle als Menschen vom selben Schöpfer ins Dasein gebracht. Wir leben alle auf diesem einen Planeten und teilen die Verantwortung für seine Bewahrung. Wir alle wollen Leben, Sicherheit, Freiheit, Würde und Glück für uns selbst und für unsere Kinder. Wir sollten inzwischen gelernt haben, durch bittere Erfahrungen in der Vergangenheit oder vom sorgfältigen Studium unserer Schriften, daß dies nicht erreicht werden kann, indem wir einander vernichten, unterdrücken, ausbeuten und versklaven. Tatsächlich hat Religion fortschreitend gelehrt, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, die Bedürfnisse des Nächsten wahrzunehmen, und eine weitere Perspektive von Gerechtigkeit und Frieden zu entwickeln.
Wir wollen daher daran denken, daß wir in Gottes Gegenwart sind, die Stampede der Unvernunft unserer innerlichen "Tiere" zurückhalten und zu vernünftigen Bemühungen um Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden zurückkehren, und dann dürfen wir uns auf Gott verlassen, uns mit Erfolg zu segnen.
Gott, Schöpfer der Himmel und der Erde, der Du das Verborgene und das Sichtbare
kennst, Erbarmer, Barmherziger, Lebendiger, Beständiger, Richter, Mitleidiger,
Erwecker, Vollender, Eigner von Majestät und Gnade - die Herzen der Geschöpfe
sind in Deinen Händen, und ihre Stirnen sind Dir zugewandt, denn Du pflanzt Gutes
in ihre Herzen und entfernst ihr Böses mit Deiner Zustimmung.
Ich bitte Dich, Gott, daß Du aus meinem Herzen alles entfernst, das Du verabscheust,
und daß Du mein Herz mit Ehrfurcht for Dir und mit Deiner Erkenntnis füllst
und mit dem Bewußtsein Deiner Gegenwart und mit der Sehnsucht nach dem, was bei
Dir ist, und mit Sicherheit und Gewißheit. Zeige uns Deine Freundlichkeit und
Güte mit Deiner Barmherzigkeit und Deinem Segen und gib uns ein, das zu tun, was
recht und weise ist.
Wir bitten Dich, Gott, um die Erkenntnis derer, die im Bewußtsein Deiner Gegenwart
leben, um die Hinwendung derer, die vor Dir demütig sind, um die Treue derer, die
Gewißheit erlangt haben, um die Dankbarkeit derer, die geduldig sind, und um die
Umkehr derer, die aufrichtig sind. Und wir bitten Dich, Gott, beim Licht Deines
Angesichts, das die Stützen Deines Throns erleuchtet, daß Du Deine
Erkenntnis in unsere Herzen einpflanzt, so daß wir Dich so erkennen, wie es
Deiner würdig ist.
Die Anrufung wurde von dem Mystiker Abu Abdullah al-Jazuli überliefert.

(c) Halima Krausen, 2006