

| Und folge nicht dem, wovon du kein Wissen hast: das Auge, das Ohr und das Herz - sie alle werden zur Rechenschaft gezogen. (Surah 17:36) |
Dieser kurze Vers ist Teil eines Abschnittes, der grundlegende Gebote und ethische Prinzipien aufzählt. Auf den ersten Blick sieht er etwas unauffällig aus und bekommt manchmal nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie mehr emotional geladenen Themen, etwa Götzendienst, Töten oder Ehebruch, von denen ein paar Verse zuvor die Rede ist. Abgesehen davon ist seine außergewöhnliche Formulierung und sein weites Spektrum von Bedeutungen oft eine Herausforderung für Kommentatoren gewesen.
Ein Aspekt davon ist: verfolge nicht das, was dich nicht betrifft; mische dich nicht in Dinge ein, die dich nichts angehen. Das verknüpft sich mit den Anweisungen in Surah 49:12: "Ihr, die ihr glaubt, vermeidet viel Argwohn, denn mancher Argwohn ist ein Vergehen, und spioniert nicht gegenseitig und führt nicht üble Nachrede ...". Im Islam war der Respekt vor dem Privatleben und der Würde der Menschen seit jeher ein wichtiger Wert.
An diesem Punkt ist die erste Hälfte des einleitend zitierten Verses sozusagen ein zweischneidigs Schwert. Wwährend sie die Menschen lehrt, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern, kann sie auch dazu benutzt werden, andere zu entmutigen, legitime und notwendige Fragen zu stellen. Gibt es überhaupt klare Normen, um zwischen bloßer Neugier und der Pflicht, Dinge zu klären und Wissen zu erwerben, zu unterscheiden? Und was bedeutet es, daß "das Auge, das Ohr und das Herz alle zur Rechenschaft gezogen" werden?
Vielleicht ist es hilfreich, einen anderen Aspekt etwas näher anzuschauen. Einer Sache folgen bedeutet auch, sich davon leiten zu lassen: gründe deine Schlußfolgerungen und Handlungen nicht auf etwas, das du nicht weißt, auf Vermutungen, vorgefaßten Meinungen, Gerüchten, starken Emotionen oder irgendetwas anderem, das womöglich deine Wahrnehmung beeinflußt. So etwas wäre als voreiliges Urteil zu betrachten, als Vor-Urteil. Dies knüpft wiederung an das "führt nicht üble Nachrede" an: nimm Vermutungen und Gerüchte nicht auf und verbreite sie nicht weiter. Der Qur'an vergleicht üble Nachrede und Verleumdung mit Kannibalismus: "Würde einer von euch etwa das Fleisch seines toten Bruders/seiner Schwester essen wollen?"
Das klingt sehr ernst. Gleichzeitig ist da eine weitverbreitete Neigung, leichtsinnig damit umzugehen. Was denn, ein bißchen Klatsch und Tratsch zwischen Nachbarn und Kollegen scheint doch die ntürlichste Sache der Welt zu sein, oder nicht? Aber in dem scheinbar harmlosen sozialen Austausch kann es plötzlich einen Moment geben, wo, aus Achtlosigkeit oder persönlicher Böswilligkeit, dabei der Ruf eines anderen geschädigt wird. Ein völlig schuldloses Individuum verliert vielleicht Freunde, wird vielleicht von denen, die den Gerüchten Glauben schenken und dementsprechend handeln, abgelehnt oder verachtet, so daß das Leben für ihn oder sie schwierig wird. Deswegen wird dies auf Deutsch auch als Rufmord bezeichnet.
Es passiert immer wieder, absichtlich oder unabsichtlich, zwischen Individuen, aber auch zwischen Gruppen. Im letzteren Fall werden solche Vorurteile manchmal rationalisiert und nehmen ganz ausgefeilte Strukturen an und entwickeln sich in komplette Glaubenssysteme und Ideologien. Das ist nicht einmal übertrieben. Nationalismus, Sexismus und Rassismus sind Beispiele für Ideologien, die auf der Annahme begründet sind, die eigene Nation, das eigene Geschlecht beziehungsweise die eigene Rasse sei wertvoller als die der der "Anderen", die als mangelhaft und sogar als bedrohlich betrachtet wird. Die Welt wird dann durch die Brille dieser Ideologie wahrgenommen. Dabei geht sowohl das Gefühl für Proportionen und die Fähigkeit zur Selbstkritik verloren. Es ist nicht mehr eine Meinung, die für eine vernünftige Diskussion offensteht, sondern vielmehr eine pseudoreligiöse Glaubensanschauung, die Weltbild, Wertesystem und Handlungen ihrer Anhänger bestimmt. Deshalb wird an anderer Stelle im Qur'an "das, wovon du kein Wissen hast", als Umschreibung für Götzen benutzt, für jedes Ding, dem eine Autorität beigelegt wird, wie sie allein Gott zusteht.
Diese Art der Wahrnehmung spielt eine besondere Rolle in der Situation der Rivalität und des Konflikts. Sie verstärkt eine feindselige Haltung gegenüber dem "Anderen", der als Bedrohung empfunden oder dargestellt wird - zwischen beidem kann man kaum klar unterscheiden, und manchmal gibt es einen Teufelskreis von Angst und Aufhetzung, der die Situation zuspitzt und die "Anderen" als weniger menschlich erscheinen läßt. Na, Menschen machen Fehler, sie sind manchmal unzuverlässig, ungerecht, überheblich - aber jene "Anderen" sind einfach "böse". So funktioniert Dämonisierung. Sie ist sozusagen ein vollständiges System von "virtual reality", das dann benutzt werden kann, um Gewalttaten gegen "die Anderen" zu rechtfertigen. Krieg, Verfolgung und Völkermord wären ohne dies nicht möglich.
Um den Teufelskreis von Gewalt und Dämonisierung zu unterbrechen, lehrt der Qur'an nicht nur allgemeine Gebote und ethische Prinzipien wie die, die wir hier gerade erörtern, sondern gibt auch praktische Hinweise, um voreiligen Entscheidungen und Eskalation vorzubeugen: "... wenn ihr auf Gottes Weg unterwegs seid, dann forscht nach und sagt nicht zu jemandem, der euch mit einem Friedensgruß begegnet: 'Du bist kein Gläubiger,' im verlangen nach den Vorteilen des weltlichen Lebens ...," (Surah 4:94) oder "wenn ein unzuverlässiger Mensch mit einer Nachricht zu euch kommt, dann forscht nach, danmit ihr nicht unbeabsichtigt Menschen Schaden zufügt und später bereuen müßt, was ihr getan habt" (Surah 49:6). Der Qur'an geht sogat so weit, dem Propheten Muhammad nahezulegen, "Und wenn (die Feinde) zum Frieden neigen, dann neige auch du ihm zu und vertraue auf Gott. Er ist der Hörende, der Wissende. Und wenn sie dich hintergehen wollen, dann ist Gott deine Genüge. Er stärkt dich mit Seiner Hilfe und mit den Gläubigen" (Surah 8:61-62). Offensichtlich ist die Stärke, auf die es von der Sicht des Qur'an her ankommt, moralische Stärke.
Sehr oft gerät allerdings alles dies in der Hitze der Auseinandersetzung in Vergessenheit, bis es zu spät ist und etwas Schreckliches geschehen ist. Dann ist jeder erschrocken. Wie konnte das geschehen? Was ist mit unserer Wahrnehmung passiert? Hatten wir nicht Augen, um über die dargestellten Dämonen hinauszuschauen und unsere Gegner als menschlich zu sehen, als von Gott geschaffen wie wir selbst mit denselben Wünschen und Sorgen, Möglichkeiten und Einschränkungen? Hatten wir nicht Ohren, um "ihren" Standpunkt anzuhören und die Nebentöne herauszuhören, die auf Öffnungen zu einer gegenseitigen Verständigung hingewiesen haben, statt ausschließlich den Stimmen zuzuhören, die mit unseren Ängsten gespielt haben, um uns in etwas hineinzuziehen, mit dem unser Gewissen normalerweise nicht einverstanden wäre? Hatten wir nicht ein Herz, um zu verstehen, daß, was auch immer unsere Differenzen sein mögen, wir alle Menschen sind, in Befürchtungen und Erwartungen gefangen, und daß es gerade deswegen notwendig ist, nach anderen Lösungen Ausschau zu halten als sinnlose Gewalt und Zerstörung?
Es ist sehr wohl möglich, daß wir, wenn wir von unseren Augen, Ohren und Herzen Gebrauch machen, die Barriere aus Selbsttäuschung und verzerrten Bildern vom "Anderen" durchbrechen und unsere Wahrnehmung klären können. Ein einfacher erster Schritt ist, daß wir damit aufhören, übereinander zu reden, und damit anfangen oder wieder anfangen, miteinnander zu reden. Um zu Gerechtigkeit und Frieden zu gelangen, ist es wesentlich, daß wir unsere Augen öffnen, um jeweils die Perspktive des anderen zu sehen, daß wir unsere Ohren öffnen und gegenseitig unseren Schmerz anhören, daß wir unsere Herzen wiederbeleben, um einander besser zu verstehen und auch die Verantwortung, die wir miteinander teilen.
Gott, lasse uns zu denen gehören, die den Bereich der Tyrannen hinter sich lassen und die sich dem Einfluß der Unvernünftigen fernhalten und die die Früchte ihrer Handlungen im Sonnenlicht der Aufrichtigkeit wachsen lassen und die danach streben, aus der Quelle der Weisheit zu trinken und die das Schiff der Einsicht besteigen, um an der Küste der Wahrhaftigkeit vor Anker zu gehen.
Die Anrufung wurde von dem Mystiker Dhun-Nun Misri überliefert.

(c) Halima Krausen, 2006