Gedanken zum Freitag 20

Umkehr


Und wenn diejenigen, die an Unsere Zeichen glauben, zu dir kommen, dann sage: "Friede sei mit euch. Euer Schöpfer und Erhalter hat sich selbst Barmherzigkeit vorgeschrieben. Wenn einer von euch in seiner Unwissenheit Böses tut und danach umkehrt und auf Ordnung und Frieden hin arbeitet, dann ist Er vergebend, barmherzig." (Surah 6:54)

Der Sha'bân ist ein Monat der Vorbereitung auf den Ramadan. Nein, ich meine nicht Einkauf und Planung für die Speisefolge zum Iftar. Es geht vielmehr darum, eine Zwischenbilanz des eigenen Lebens zu ziehen. Dies gilt besonders für die fünfzehnte Nacht, Laylatul-Barâ'ah, die Nacht der Befreiung von Sünde, deren Bedeutung heute leider oft zwischen Folklore und dem warnenden Zeigefinger von Puritanern verlorengeht, die ihren Wert überhaupt bezweifeln. Die traditionelle Praxis ist, diese Nacht im Gebet zu verbringen und am fünfzehnten Tag zu fasten.

Befreiung von Sünde bedeutet, daß dies eine Zeit für Tawba ist. Tawba wird oft mit Reue übersetzt, bedeutet aber eigentlich Umkehr. Wie wir aus Begriffen wie Sharî'ah, der "Weg zur Wasserstelle", oder der Bitte: "Führe uns auf den rechten Weg" in Surat al-Fâtiha, und anderen Bildern im Qur'an, die mit Reisen verbunden sind, sehen, kann man Religion als einen Weg betrachten, der uns näher zu Gott führt.

Wie auf jeder anderen Reise kann es vorkommen, daß wir einen falschen Weg einschlagen, indem wir etwas Falsches tun. Vielleicht probieren wir etwas Neues aus, ohne vorher angemessene Informationen eingeholt zu haben. Vielleicht haben wir mit guter Absicht etwas getan, aber die Situation falsch eingeschätzt. Vielleicht haben wir uns von einer Emotion oder einem Impuls wie Zorn, Gier, Eifersucht oder extremer Begeisterung für eine Sache antreiben lassen. Es mag sich um einen unbedeutenden Fehler aufgrund von Vergeßlichkeit handeln. Es mag um das Ergebnis von schlechten Gewohnheiten, Achtlosigkeit oder Trägheit gehen. In jedem Fall entsteht dadurch ein Ungleichgewicht in der empfindlichen Beziehung zu sich selbst, der Gesellschaft, der Schöpfung und last, but not least, zu Gott. Eine Sünde ist jede Handlung, die das Gleichgewicht der Gerechtigkeit stört. Sie ist eine Ungerechtigkeit gegen sich selbst und andere, die Schaden verursachen kann.

Laylatul-Barâ'ah ist ein Anlaß, sich an Gottes Barmherzigkeit und Vergebungsbereitschaft zu erinnern. Sie ist ein guter Zeitpunkt, innezuhalten und umzukehren und auf den rechten Weg zurückzufinden.

Zu diesem Zweck haben unsere Gelehrten verschiedene Methoden der selbstkritischen Reflexion entworfen. Ein sehr früher, al-Muhâsibi, bekam seinen Beinamen (der Abrechnende) von seiner Gewohnheit, täglich seine Handlungen zu überprüfen. Al-Ghazzâli entwickelte eine komplexe Methode, die eigenen Handlungen und die ihnen zugrundeliegenden Beweggründe zu analysieren. Bei Umkehr geht es nicht um Selbstmitleid und übertriebenes Bedauern, sondern um Einsicht und die Absicht, seinen Weg zu ändern.

Im Allgemeinen werden Sünden in zwei Kategorien unterteilt, solche gegen Gott und solche gegen Mitmenschen. Sünden gegen Gott werden vergeben, wenn man sie sich selbst eingestehen, die Absicht faßt, sie nicht zu wiederholen oder sich zu bemühen, die Gewohnheit aufzugeben (z.B. Trägheit oder Respektlosigkeit), sie möglicherweise ausgleicht (indem man z.B. versäumte Fastentage nachholt oder überfällige Zakât zahlt), und um Vergebung betet.

Sünden gegen Mitmenschen erfordern allerdings eine zusätzliche Bemühung. Da eine andere Person infolge unserer Handlung zu leiden hatte, leuchtet es ein, daß wir uns bemühen, die Vergebung dieser Person zu erlangen, bevor wir Gott um Vergebung bitten. In einigen Fällen kann man dies tun, indem man sich aufrichtig dafür entschuldigt, daß man z.B. jemandes Gefühle verletzt hat oder seine oder ihre Bedürfnissen nicht angemessen wahrgenommen hat oder es versäumt hat, ein Versprechen einzulösen, oder indem man etwas ausgleicht, das man jemandem unerlaubterweise oder ohne seine oder ihre Zustimmung weggenommen hat. Die Versöhnung mit anderen ist sicherlich ein Schlüsselelement in der Arbeit für Ordnung und Frieden. Dies schließt auch ein, daß wir bereit sind, anderen zu vergeben, die einsehen, daß sie uns Schaden zugefügt haben, und sich um Versöhnung bemühen. Der Prophet hat immer wieder darauf hingewiesen, daß "Gott dem Barmherzigkeit erweist, der anderen Barmherzigkeit erweist."

Dies ist vielleicht nicht immer so einfach, wie es klingt. Zu echter Versöhnung gehören zwei, derjenige, der die Rechte oder die Würde des anderen verletzt hat und dies nun bereut, und der andere, der bereit ist, aufrichtige Umkehr anzunehmen und eine harmonische und friedliche Beziehung wieder herzustellen. Es kann jedoch sein, daß der Letztere nicht mehr am Leben ist oder an einen unbekannten Ort verzogen ist oder nicht bereit ist, eine angemessene Wiedergutmachung zu akzeptieren und zu vergeben. In jedem Fall ist es aber notwendig, sich ernsthaft zu bemühen, indem man die feste Absicht faßt, dasselbe nicht anderen anzutun, an der persönliche Schwäche zu arbeiten, die dem falschen Verhalten zugrundeliegt (z.B. Gier, Neid, Haß usw.), sich für Frieden und Versöhnung im allgemeinen einzusetzen und nie die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit aufzugeben. Dies wurde sehr schön von Mawlana Rumi zum Ausdruck gebracht: "Selbst wenn du dein Umkehrgelöbnis tausendmal gebrochen hast, komm wieder."

Umkehr und Vergebung ist Befreiung von der Last der Sünde. In dem Begriff Barâ'ah steckt allerdings noch mehr: er ist nicht nur mit Befreiung verbunden, sondern auch mit Schöpfung. Gott ist al-Bâri, der Schöpfer, der sozusagen Seine Geschöpfe zur Existenz, zum Leben befreit. Umkehr ist daher der Schlüssel für ein neues Leben, sowohl jetzt als auch in der Zukunft.

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Gott, ich bitte Dich um Vergebung für jede Sünde, die mich von dem Weg abgebracht hat, den Du mich geleitet hast, oder davon, das zu tun, wozu Du mich angeleitet hast, und das zu meiden, was Du mir verboten hast, oder davon, etwas zu tun, was Du mir angewiesen hast, das für mich Wohlergehen bedeutet hätte und einen Weg, Dein Wohlgefallen, Deine Liebe und Deine Nähe zu erlangen.
Gott, ich bitte Dich um Vergebung für jede Sünde, die ich irgendeinem Deiner Geschöpfe vorgeworfen oder derentwegen ich es verurteilt habe, in die ich mich dann aber selbst hineingestürzt und sie schamlos vor Dir begangen habe.
Gott, ich bitte Dich um Vergebung für jede Sünde, die mich eingeholt und in ihrem Griff gehalten hat, wenn ich einen Bund mit Dir geschlossen oder Dir ein Versprechen gegeben oder vor Dir ein Gelübde abgelegt hatte hinsichtlich einer Verantwortung für eins Deiner Geschöpfe und diese dann ohne jede Rechtfertigung gebrochen habe; es war tatsächlich mein Hochmut, der mich veranlaßt hat, sie nicht zu erfüllen, und meine Unverschämtheit, die mich bewogen hat, diese Pflicht zurückzuweisen.
Gott, ich bitte Dich um Vergebung für jede Sünde, die ich mit meiner Zunge gelobt oder die ich in meinem Herzen beabsichtigt habe oder an der ich Gefallen gefunden habe oder die von meiner Zunge befürwortet wurde oder die ich mit meinen Handlungen zustandegebracht oder mit meiner Hand geschrieben habe oder die ich auf irgendeine Weise begangen habe oder die ich einen Deiner Diener veranlaßt habe zu begehen.
Gott, ich bitte Dich um Vergebung für jede Sünde, die ich als geringfügig eingeschätzt habe, während Du sie als schwerwiegend einschätzt, die ich für klein eingeschätzt habe, während sie vor Dir entsetzlich ist, und in die mich meine eigene Unvernunft verstrickt hat.
Gott, ich bitte Dich um Vergebung für jede Sünde, durch die ich eins Deiner Geschöpfe verleitet oder mit der ich eins von ihnen mißhandelt habe, oder die mein niederes Selbst mir als attraktiv vorgegaukelt hat, oder auf die ich eine andere Person hingewiesen habe, oder zu der ich jemanden außer mir selbst angestiftet habe, oder auf der ich absichtlich beharrt habe, oder an der ich aus Unvernunft starrsinnig festgehalten habe.
Gott, ich bitte Dich um Vergebung für jede Sünde, die Du gegen mich registriert hast, sei es aufgrund meiner Verblendung oder meiner Unbescheidenheit oder meiner Begierde, mir Gehör zu verschaffen, oder meiner Boshaftigkeit oder meines Grolls oder meiner Treulosigkeit oder meines Stolzes oder meines Übermutes oder meiner übermäßigen Albernheit oder meines Starrsinns oder meines Neides oder meiner Unverschämtheit der meiner Undankbarkeit oder meines Eifers für andere Sachen als die Deinige oder meiner Parteilichkeit oder meines Einverständnisses mit Sünde oder meiner blinden Hoffnung oder meines extremen Geizes oder meiner freizügigen Ausgaben für Sünde oder meiner Machtgier oder meiner ungerechtfertigten List oder aufgrund von Diebstahl, Lüge, übler Nachrede, sinnlosen Vergnügens, unsinnigen Redens, Verleumdung, nutzlosen Getändels oder irgend solcher Handlungen, die Sünde zur Folge haben und deren Ausführung Zerstörung und Trauer bewirkt.
Gott, ich bitte Dich um Vergebung für jede Sünde, zu der ich mit meinen Füßen hingegangen bin oder nach denen ich meine Hände ausgestreckt habe oder die ich mit meinen Augen genau beobachtet habe oder denen ich mit meinen Ohren sorgfältig zugehört habe der die ich mit meiner Zunge ausgesprochen habe oder für die ich den Unterhalt, mit dem Du mich versorgte hast, verschwendet habe. Dann, trotz meines Ungehorsams, habe ich Dich um mehr Unterhalt gebeten, und Du hast mich damit versorgt. Dann habe ich wiederum Deinen Unterhalt dazu benutzt, Dir ungehorsam zu sein, aber Du hast mich vor Bloßstellung geschützt. Und wiederum habe ich Dich um mehr gebeten, und Du hast es mir dennoch nicht vorenthalten. Dann, nachdem Du mir mehr gegeben hast, habe ich mich offen gegen Dich vergangen, aber Du hast mich nicht gedemütigt. Ich bin Dir so ständig ungehorsam gewesen, aber Du bist ständig gnädig und wohltätig mit mir umgegangen - Du Barmherzigster der Barmherzigen!
Gott, ich bitte Dich um Vergebung für jede Sünde, die das Herz tötet und Sorge einflößt und die Gedanken vereinnahmt und dem Bösen gefällt und den Allbarmherzigen erzürnt.

Die Anrufungen wurden von dem Gelehrten und Mystiker al-Hasan al-Basri überliefert.

(c) Halima Krausen, 2006