

| Der Monat Ramadan (ist der Monat), in dem der Qur'an niedergesandt wurde, als Leitung für die Menschen und deutliche Zeichen der Leitung und Unterscheidung. Wer von euch also diesen Monat erlebt, soll in ihm fasten, aber wer von euch krank ist oder auf Reisen, (der soll) ebensoviele andere Tage (fasten). Gott will es euch leicht machen, und Er will es euch nicht schwer machen, so daß ihr die Anzahl (der Tage) erfüllt und Seine Größe lobpreist, weil Er euch geleitet hat, und daß ihr dankbar werdet. |
Der Ramadan ist der Monat des Qur'an. Viele Muslime nehmen ihn daher zum Anlaß, den Qur'an zu lesen. Einige lesen nach dem Morgengebet, statt nach dem Beginn des Fastentages noch einmal schlafenzugehen. Einige nutzen die Zeit, die sonst ihre Mittagspause wäre. Einige rezitieren oder hören ihn beim Tarawihgebet nach dem Fastenbrechen am Abend und nach dem letzten der fünf regulären Gebete. Schließlich entspricht dies der Bedeutung des Wortes Qur'an: Lesung, Rezitation, Vortrag.
Es gibt verschiedene Weisen, den Qur'an zu lesen. Einige öffnen das Buch nach Zufall und lesen, was sie vorfinden und solange sie mögen. Einige folgen einer regelmäßigen Leseroutine. Abgesehen von der Anordnung in Suren ist der Qur'an in dreißig gleichlange Teile eingeteilt: wenn man jeden Tag einen Teil liest - das dauert etwas zwischen einer und anderthalb Stunden, wenn man es ohne Eile tut - dann kann man ihn in einem Monat durchlesen. Viele Muslime tun dies besonders im Ramadan, aber auch zu anderen Zeiten und dann oft in kleineren Portionen. Im Allgemeinen geschieht dieses Lesen ähnlich wie ein Gebet, im Arabischen Original, mit der Absicht, eine gottesdienstliche Handlung durchzuführen. Muslime, die kein Arabisch verstehen, hören womöglich einer Tonaufnahme zu, vielleicht von einem professionellen Rezitator, und genießen die Schönheit seines Klanges, die das Herz berührt, oder sie buchstabieren sich durch die schöne Kalligraphie des Texts, vielleicht zusammen mit einer Übersetzung, oder sie lesen stattdessen eine Übersetzung.
Lesen als gottesdienstliche Handlung ist manchmal mit reflektierendem Lesen verbunden: wenn du dir Zeit läßt und dem Eindruck dessen nachspürst, was du liest, und darüber im Licht deiner persönlichen Erfahrung nachdenkst. Dies kann auch geschehen, wenn du eine Übersetzung liest, sofern du bedenkst, daß das, was du liest, eigentlich schon eine Interpretation des Übersetzers ist. Ich höre immer wieder kritische Bemerkungen und weiß, daß da etwas Wahres daran ist: eine Übersetzung kann nie in die vollständige Tiefe des Originaltexts gehen, besonders dann nicht, wenn es sich um einen konzentrierten Text handelt wie den einer heiligen Schrift. Aber während der Pessimist über das klagt, was fehlt, ziehe ich es vor, optimistisch genug zu sein um darauf hinzuweisen, daß dies wenigstens eine Möglichkeit ist, überhaupt etwas davon mitzubekommen. Abgesehen davon, seien wir doch ehrlich. Selbst wenn wir das Original lesen und verstehen, ist doch das, was wir davon jedesmal dann mitbekommen, wenn wir es lesen, doch "nur" der Teil, den unser selektives Bewußtsein oder der gegenwärtige Stand unseres Verständnisses zuläßt. Eine heilige Schrift ist nicht wie ein Roman oder ein Zeitungsartikel, den wir lesen und dann wissen, was darinsteht. Sie offenbart sich selbst, während wir uns mit ihr beschäftigen.
Tatsächlich gibt es da auch noch eine weitere Ebene, die Ebene des Studierens. Nein, das ist keineswegs den "Experten" überlassen. Das Wort qara'a bezeichnet schon nicht nur das Lesen oder Rezitieren, sondern auch das Verstehen - das Wort enthält auch ein Element von Benennen oder Definieren. Und überhaupt, wie kann man etwas vortragen, was man nicht versteht? Das wäre doch eine bloße Wiedergabe von Wörtern. Der Qur'an selbst ermutigt uns immer wieder, zu reflektieren und über seine Botschaft nachzudenken und ihre Bedeutung zu ergründen. Und er spricht sicherlich nicht nur zu "Experten" - bei allem angemessenen Respekt vor ihnen und ihrem nützliche Wissen - sondern zu jedem einzelnen Individuum in der muslimischen Gemeinschaft und darüber hinaus.
Und es ist nicht einmal notwendig, ein Experte zu werden, um dies zu tun. Schließlich studieren wir den Qur'an ja nicht, um "Autoritäten" zu werden, oder als ein Instrument für ehrgeizige Ziele, sondern um seiner selbst willen und für unser spirituelles Wachstum.
Wenn du dazu in der Lage bist, selbst mit ziemlich einfachen Grundkenntnissen, kannst du auf eine Entdeckungsreise in der Sprache gehen. Ob du dich mit Hilfe eines Wörterbuches durcharbeitest oder Arabisch deine Muttersprache ist, du wirst immer Bedeutungsschattierungen in Wörtern und Aussagen finden, die du nie zuvor bemerkt hast.
Du kannst Nachforschungen in der Geschichte anstellen, sowohl in der Offenbarungsgeschichte als auch in der Geschichte, die in Erzählungen und Andeutungen im Qur'an aufgezeigt wird. Nein, das ist keine "Neuerung" - die frühesten Kommentatoren haben hier geforscht und eine ganze Disziplin entwickelt, die die Hintergründe und Anlässe der Offenbarung erkundet. Dies hilft offensichtlich, Mißverständnisse zu vermeiden, die notwendigerweise dann auftreten, wenn etwas, das auf eine spezielle Situation Bezug nimmt, als allgemeingültige Aussage verstanden wird. Aber es bringt uns auch näher an die Erfahrung des Propheten und der frühen Muslime und eröffnet neue Möglichkeiten, die Dinge im Zusammenhang zu sehen und neue Schlußfolgerungen daraus zu ziehen. Viele Kommentatoren legten auch ein besonderes Gewicht darauf, die historische Erfahrung zu ergründen, die in den Geschichten wiedergegeben wird, und zwar mit den Werkzeugen, die zur Verfügung standen, d.h. Einzelheiten aus Berichten, die mündlich von einer Generation zur anderen weitervermittelt wurden oder die man - ja, in in früheren heiligen Schriften finden kann. In der Tat baut der Qur'antext auf diesen Kenntnissen auf, deswegen werden die Geschichten nicht in allen Einzelheiten wiederholt, sondern in den meisten Fällen nur umrissen oder angedeutet.
Du kannst mit einem Blick auf eine Frage lesen, die du im Sinn hast. Das kann jede religiöse Frage sein, z.B. eine praktische nach Speisen oder Heirat oder dem Fasten im Ramadan, oder eine akute nach einer Herausforderung, mit der du dich herumschlägst, oder eine theologische nach Gottes Barmherzigkeit oder dem Menschenbild oder dem Tag des Gerichts. Es kann eine Suche nach meditativen Abschnitten oder allgemeinen Denkanstößen sein. Der Qur'an ist kein Nachschlagebuch. Du kannst ihn sorgfältig vom Anfang bis zum Ende durchlesen und dir zu allem, das direkt oder indirekt auf deine Frage Bezug nimmt, Notizen machen und dann im Licht dessen, was du herausgefunden hast, noch einmal darüber nachdenken.
Oder andersherum: du kannst den Qur'an (oder eine Übersetzung) systematisch durchlesen und die Fragen notieren, mit denen er dich konfrontiert: Dinge, dir für dich schwierig zu verstehen oder zu akzeptieren sind und nach denen du später jemanden fragen kannst, der mehr Kenntnisse hat, es sei denn, die Antwort käme beim weiteren Lesen und Nachdenken. Oder Aussagen, die dich veranlassen, über dein Leben und dein Selbstverständnis oder deine Beziehung zu deinen Mitmenschen nachzudenken. Oder Abschnitte, die dir die Augen für die Wunder der Schöpfung öffnen und dadurch ein Interesse daran auslösen, mehr darüber in Erfahrung zu bringen, sowohl im praktischen Sinne als auch zur tieferen Einsicht.
Und schließlich kannst du deine Fragen und Entdeckungen mit anderen gleichgesinnten Lesern teilen. Habe keine Angst vor Meinungsverschiedenheiten - solange Menschen nicht stur darauf bestehen, die "einzige Wahrheit" gefunden zu haben, gibt es immer Wege, scheinbare Widersprüche entweder zu klären oder sie als verschiedene Facetten derselben Sache zu akzeptieren, wenn man sie von unterschiedlichen Blickwinkeln her betrachtet. Indem man dies tut, kann man allmählich einen Schatz von Einsichten ansammeln, der sowohl hilft, mit Angelegenheiten des Alltags umzugehen, als auch die Lebensfreude und die Hoffnung für die Zukunft vermehrt.
Du findest dann vielleicht, daß der Text zunehmend in unserer Zeit lebendig wird und ständig immer wieder neue Aspekte von sich selbst offenbart. Weit darüber hinaus, dich von den Tabuzonen des Bösen fernzuhalten und zu ermutigen, unsere Verantwortung zu erfüllen, inspiriert er dazu, einen Beitrag zur Schönheit der Welt zu leisten, in der sich letztendlich Gottes Schönheit wiederspiegelt. Daraus kann ein ständiger Dialog mit dem Buch werden - und damit mit seinem Autor.
Einen Ramadan voller Segen und Freude am Qur'an!
Gott, öffne mein Herz für Deine Offenbarung und mache sie süß auf meiner Zunge und zu einem Trost für meine Augen und einer Freude für meine Ohren und einer Disziplin für meine Glieder und einer Leitung für meinen Verstand und einem Licht für meine Einsicht und einem Gefährten für mein Leben und einer Ermutigung in meinem Ringen und einem Freund in guten und schlechten Tagen. Mache es mir leicht, sie zu studieren und im Gedächtnis zu behalten und zu praktizieren und ihrer Leitung zu folgen, bis ich Dir begegne.

(c) Halima Krausen, 2006