Gedanken zum Freitag 22

Die Nacht der Macht


Wir haben ihn in der Nacht der Macht niedergesandt. Und was läßt dich begreifen, was die Nacht der Macht ist? Die Nacht der Macht ist besser als tausend Monate. Die Engel und der Geist steigen in ihr nieder mit der Erlaubnis ihres Schöpfers in jeglicher Angelegenheit. Friede ist sie bis zum Anbruch der Morgendämmerung. (Surah 97)

Laylat al-Qadr, die Nacht der Macht, wird als die Nacht verstanden, in der der Qur'an offenbart wurde. In diesem Zusammenhang wird die siebenundzwanzigste Nacht des Ramadan traditionell mit Gebet, Gedenken und dem Lesen des Qur'an verbracht. In liebevoller Erinnerung sind mir die Tarawih-Gebete in der Moschee, die ich als junge Erwachsene regelmäßig besuchte: jeden Abend wurde etwas mehr als einer der dreißig Teile des Qur'an rezitiert, so daß in der siebenundzwanzigsten Nacht der ganze Zyklus vervollständigt wurde. Kindern wird die Geschichte des Propheten Muhammad erzählt, wie er in einer Höhle in der Wüste fastete und betete und schließlich die erste Offenbarung empfing. Dann werden Eltern und Lehrer manchmal mit verwirrten Fragen konfrontiert, warum die Surah besagt, der Qur'an wurde "in der Nacht der Macht niedergesandt" während wir andererseits erfahren, daß er allmählich im Verlauf von dreiundzwanzig Jahren offenbart wurde und es wichtig ist, den "Anlaß der Offenbarung" für jeden Abschnitt zu bedenken, um ihn in seinem richtigen Zusammenhang zu verstehen - sie sind dann gefordert, in einer dem Alter des Fragenden angemessenen Weise zu erklären, daß die Essenz und die allgemeine Perspektive in der Nacht dieser ersten prophetischen Erfahrung offenbart wurde, während sich die Einzelheiten in den folgenden Jahren entfalten sollten und den Propheten und die frühen Muslime durch viele Herausforderungen hindurch begleiteten, sowohl in den Jahren der Schwierigkeiten und Verfolgung in Makkah als auch bei der Entwicklung der komplexen Gemeinschaft in Madinah. Da diese Nacht "besser ist als tausend Monate", schließen viele Muslime daraus, daß die in dieser Nacht gehaltenen Gebete besser sind als die Gebete von tausend Monaten: sie nehmen dann diese Gelegenheit wahr, Gebete nachzuholen, die im Laufe des Jahres durch Eile und Streß in ihrem Alltagsleben vernachlässigt wurden oder die ohne die angemessene Konzentration gehalten wurden. Qadr bedeutet Macht und Kraft, Gottes Macht und stärkende Fürsorge, die sich in dieser Nacht manifestiert. Aber das Wort bedeutet auch Entscheidung oder Beschluß, daher die verbreitete Glaubensvorstellung, daß Gott in der siebenundzwanzigsten Nacht des Ramadan für die Welt im kommenden Jahr Beschlüsse faßt und Pläne macht - darum ist es üblich, für Wohlergehen und Erfolg zu beten, sowohl für sich selbst als auch für andere und für die Gemeinschaft. Alles dies geschieht auf der Ebene des Gedenkens und im Hinblick darauf, den Segen der Erinnerung miteinander zu teilen.

Jenseits von Tradition und Gedenken ist es allerdings keinesfalls klar, ob die historische Laylat al-Qadr die siebenundzwanzigste Nacht des Ramadan war. Allem Anschein nach hat der Prophet selbst dieses Datum nie als etwas behandelt, das "man glauben muß". Stattdessen sind da verschiedene Berichte, die eine Vielfalt von Informationen geben. Nach einigen sagte er etwas, das doch ziemlich überraschend klingt: "Sucht nach ihr in einer der ungeraden Nächte unter den letzten zehn Nächten des Ramadan." Das klingt zunächst, als sei er sich selbst dieses Datums nicht sicher. Aber dann wollte er vielleicht nicht, daß die Leute auf der Ebene der Erinnerung an ein Ereignis aus der Vergangenheit stehenbleiben. Erinnerung ist schön und gut und immer zu empfehlen, aber bei dem Vorschlag, nach der fraglichen Nacht zu suchen, geht es darum, daß man zu einer Ebene der eigenen Erfahrung voranschreitet. Das wäre dann ein Schritt von der Befolgung einer Tradition dahin, daß man ein Zeuge wird. Für viele Muslime ist es daher nicht die Menge der Gebete, auf die es in dieser Nacht ankommt, sondern die Betonung liegt auf der Haltung, einer meditativen Offenheit des Geistes, indem man in die Stille hineinhört und Gottes Nähe wahrnimmt und die Kraft des Guten, die uns umfängt und schützt: "die Engel und der Geist steigen nieder mit der Erlaubnis ihres chöpfers". Von denen, die später von dieser Erfahrung erzählen, hören wir Geschichten von Licht, das die Dunkelheit der Nacht vertrieb, von einer Empfindung von Sicherheit und Ermutigung, die die Atmosphäre erfüllte, nd von einem Gefühl vollständigen Friedens mit Gott und der gesamten Schöpfung.

Fasten, den Qur'an lesen und Gebet sind menschliche Bemühungen. Aber das, was die Laylat al-Qadr belebt, wird gegeben. Dann wird die Erfahrung einer einzigen Nacht wertvoller als die Erfahrung von "tausend Monaten", einer ganzen Lebenszeit. Frühere Einblicke über das gewöhnliche Alltagsleben hinaus finden ihren Ort und fügen sich zusammen zu einer größeren Vision der Morgendämmerung des Tages einer neuen spirituellen Welt, in der die Dunkelheit der Unwissenheit und Ungerechtigkeit endlich vom Licht der Weisheit und Gerechtigkeit vertrieben wird. Anders als idealistische Tagträumereien gibt sie eine Einsicht in den Sinn und Zweck unserer selbst darin: wo wir unseren Beitrag leisten, individuell und gemeinsam mit anderen, zusammen mit "den Engeln und dem Geist", deren sorgfältiges Wirken in allen Dingen spürbar wird und Kreativität und Heilung einflößt und schon den Frieden mit Gott und der Schöpfung wahrnehmen läßt, den wir anstreben. Dies ist dann eine besondere Nacht der Macht, die uns die Kraft, den Mut und das Vertrauen gibt, in eine Welt hinauszugehen, die noch dunkel ist, um für Versöhnung zu arbeiten und mitzuhelfen, das Licht des Friedens zu verbreiten.

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Gott, segne Muhammad und seine Angehörigen, und schenke uns die Erfahrung der Großzügigkeit dieses Monats und seiner erhabenen Würde. Lasse uns darin von allem fernbleiben, das Du verboten hast, und hilf uns, darin das Fasten einzuhalten, indem Du unsere Glieder vor Ungehorsam bewahrst und sie für Handlungen benutzt, die Dein Wohlgefallen finden, daß wir unsere Ohren nicht benutzen, um sinnlosem Gerede zuzuhören, und nicht unsere Augen, um Schändliches anzuschauen, und nicht unsere Hände nach Unerlaubtem ausstrecken und nicht mit unseren Füßen zum Bösen hingehen und nicht unser Bäuche mit anderem füllen als dem, was Du erlaubt hast, und nicht mit unseren Zungen anderes sprechen als das, was Dir gefällt ...
Gott, versorge uns in diesem Monat mit der Großzügigkeit der Nacht der Macht. Vermindere unsere Schwierigkeiten und Probleme. Nimm unsere Umkehr an und befreie uns von unseren Vergehen und Belastungen, Du, der Du Deinen Dienern, die um Ordnung und Frieden bemüht sind, Güte erweist ...
Gott, lasse uns nicht vergessen, Deiner zu gedenken in dem, was Du uns anvertraut hast, und lasse uns nicht achtlos werden gegenüber der Güte, die Du uns erwiesen hast, und lasse uns nicht die Hoffnung auf Deine Antwort aufgeben, selbst wenn sie sich zu verzögern scheint - in Freude und Kummer, in Schwierigkeiten und Erleichterung, in Gesundheit und Krankheit, in Unglück und Segen. Du bist der Eine, der unsere Anrufung hört.

Die Anrufungen wurden von Ali Zaynul-'Âbidîn überliefert.

(c) Halima Krausen, 2006