

| Die sieben Himmel und die Erde und wer darinnen ist verherrlichen Ihn, und es gibt nichts, was Ihn nicht mit seinem Lob verherrlicht, aber ihr versteht ihre Verherrlichung nicht. Und wenn du den Qur'an liest, lassen Wir zwischen dir und denen, die nicht an das zukünftige Leben glauben, einen unsichtbaren Schleier entstehen. (Sura 17:44-45) |
Im Laufe der vergangenen Wochen hat eine erregte Debatte europäische Muslime beschäftigt: die Debatte über den "Schleier" - sei es das Kopftuch wie in Deutschland oder Frankreich oder der Niqab oder Gesichtsschleier in Großbritannien. Die Temperamente stießen aufeinander, dafür oder dagegen, beides mit Phantasien darüber befrachtet, was die wahren Absichten der Anderen sein mögen, und mit Mutmaßungen über "ihre" eigentlichen Anliegen, beide mit Vorwürfen, die Anderen mißachteten die Würde der Frauen, beide mit leidenschaftlichen Aussagen, aber nicht immer zur Sache, beide im Namen von Freiheit und Menschenrechten. Das Stichwort hijab zieht die Aufmerksamkeit sowohl von Muslimen als auch Nichtmuslimen in ihren Bann, und zwar auf eine Art und Weise, die weder einem kleinen Stück Stoff angemessen erscheint noch im Bewußtsein der Menschen Platz dafür läßt, wesentlichere Fragen des Zusammenlebens anzusprechen. Man bekommt den Eindruck, ein Gespenst geht um in Europa.
In der Tat ist die Debatte symptomatisch. Die zugrundeliegende Kraft ist etwas, dem oft sorgfältig ausgewichen wird: eine tiefsitzende Angst um die eigene Identität in einer Welt, die sich beständig verändert. Es macht keinen Unterschied, ob es eine "islamische" oder eine "europäische" Identität ist, von der wir reden: es ist die Angst, die entsteht, wenn sich das emotionale Zuhause plötzlich in ein Exil zu verwandeln scheint. Man richtet dann das Augenmerk auf ambivalente Symbole statt auf die Wurzeln des Problems: ein Gefühl der Unsicherheit und des Verlustes sowie ein Mangel an Vision für die Zukunft.
Eine typisch muslimische Reaktion ist die, sich auf der Suche nach Rat und Hilfe an den Qur'an zu wenden. Auf dieser symptomatischen Ebene werden Stellen zitiert, die auf Frauenkleidung Bezug nehmen, und als Belege für eine Vielzahl von Sichtweisen interpretiert. Männer und Frauen sollen "ihre Blicke senken und ihre Keuschheit wahren", und besonders Frauen wird geraten, ihre Reize nicht in der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen. Ihnen wird auch geraten, sich so zu kleiden, "daß sie erkannt und nicht belästigt werden". Das ist durchaus sinnvoll. Gegenseitiger Respekt zwischen Männern und Frauen ist sicherlich ein wichtiger Wert für die Gesellschaft. Mir schaudert jedoch, wenn mir Fälle begegnen, in denen diese einfachen, vernünftigen Regeln benutzt werden, um einen speziellen Stil in Kleidung und Verhalten als "islamisch" zu verallgemeinern, oder als Belegtexte für die Frauenbefreiung beziehungsweise für patriarchale Unterdrückung herangezogen werden.
Wenn wir unterdessen das Wort hijab (wörtl. Schleier, Vorhang, Abschirmung, Barriere, Abstand) im Qur'an nachschlagen, gelangen wir nicht zu den zuvor erwähnten Versen, weil das Wort dort gar nicht benutzt wird. Wir bekommen vielmehr eine völlig andere Perspektive. Es stimmt zwar, daß zwei der acht Belegstellen auf irgeneine Weise mit Frauen in Verbindung stehen und buchstäblich verstanden werden können und verstanden worden sind: Maria, die sich ihren Angehörigen gegenüber abschirmt, als sie mit Jesus schwanger ist; und das Gebot, rücksichtsvoll zu sein und direkte Bitten and die Damen aus dem Hausstand des Propheten "von hinter einem Schleier" auszusprechen. Aber dann wird das Wort auch benutzt, um uns die Barriere zu verdeutlichen, die am Tag des Gerichts zwischen den Rechtschaffenen und denen entsteht, die Glauben und menschliche Verantwortung ablehnen, eine Barriere, die sogar hier und jetzt vorhanden ist zwischen denen, die sich ehrlich darum bemühen, die Offenbarung zu verstehen, und denen, die sich weigern, sich einer Vision einer besseren Zukunft zu öffnen. Abgesehen davon erfahren wir, daß Gott nicht nur durch Eingebung und Gesandte spricht, sondern auch "von hinter einem Schleier". Aus welchem Stoff sollte dieser Schleier bestehen?
In seiner mystischen Abhandlung Mishkât al-Anwâr (Die Nische der Lichter), die im Grunde genommen ein Kommentar zum Lichtvers im Qur'an ist, beschreibt al-Ghazzali, wie Gott hinter siebzigtausend Schleiern aus Licht und Finsternis verborgen ist. Es gibt da ein paar Dinge, die wir heute nicht auf dieselbe Art und Weise ausdrücken würden, aber die Hauptpunkte umreißen einen Prozess, hinter die Phänomene zu schauen und eine tiefere Einsicht zu gewinnen. Was al-Ghazzali als eine materialistische Haltung bezeichnet, erlaubt nur einen oberflächlichen Blick auf die Phänomene in sich selbst - gut genug für Technologie, aber mit keinerlei spiritueller Dimension.
Dann beginnt ein Prozess, in dem man allmählich anfängt, hinter die Oberfläche zu schauen. Es ist eine individuelle Reise, die formale Religionszugehörigkeit überschreitet. Zunächst gibt es da ein Stadium des Götzendienstes, wenn die vielfältigen Phänomene mit dem Göttlichen verwechselt werden, das beginnt, sich dahinter zu offenbaren, besonders wenn eigennützige Interessen und Wunschdenken den Blick beeinflussen. Aber während der Reisende Schritt für Schritt vorwärtsgeht, geben die Schleier der Finsternis den Weg frei, bis das Göttliche als Eins wahrgenommen wird und nur die Schleier aus Licht bleiben. Hier beginnt der Pfad der zunehmenden Einsicht in das Gewebe der geschaffenen Welt, das den Einen gleichzeitig offenbart und verbirgt.
In ähnlicher Weise ist es für unsere Weisen immer ein Anliegen gewesen, mit den Schleiern in unseren Köpfen umzugehen. In der mystischen Dichtung begegnet uns oft das Bild des Liebenden, der die Geliebte bittet, ihren Schleier zu lüften und seine Sehnsucht zu heilen, indem sie ihm einen kleinen Einblick in ihre göttliche Schönheit gewährt. Auf einer eher praktischen Ebene war es immer ein Bestandteil des mystischen Trainings, den Schleier der ersten Eindrücke, der unbedachten Reaktionen, der Klischees und der Vorurteile zu durchschauen. Jenseits von Kleidung, Gewohnheiten und Körpern gibt es Menschen, jeder und jede davon eine einzigartige Manifestation kreativer Phantasie, die einen Funken des Lichts von der Einen Quelle allen Seins in sich trägt. Jenseits von Angst, Ablehnung und Aggression gibt es einen Bruder oder eine Schwester, wenn nicht im Glauben, dann zumindest in der Menschheit, die dieselbe Verantwortung für die Welt mittragen, in der wir leben, und sehr oft auch dieselbe Sorge für die Zukunft der menschlichen Gesellschaft und unseren Planeten teilen.
Anstatt uns von endlosen, energieraubenden Kontroversen an der Oberfläche ablenken zu lassen, laßt uns doch lieber uns selbst dazu erziehen, hinter die Schleier der veränderlichen, manchmal verunsichernden Phänomene zu schauen, mit denen wir auf vernünftige Weise umgehen müssen, zu dem Einen Licht dahinter, das uns Leitung und Einsicht gibt und ein spirituelles Zuhause, wo wir Sicherheit und Frieden finden.
Ich liebe Dich mit zwei Arten von Liebe, einer eigennützigen Liebe und einer
Liebe, die Deiner würdig ist.
Was die eigennützige Liebe betrifft, so beschäftige ich mich darin damit,
unablässig Deiner zu gedenken.
Was die Liebe betrifft, die Deiner würdig ist, so lüftest Du darin Deinen
Schleier, so daß ich Dich betrachte.
Und dennoch ist weder dies noch jenes mein Verdienst, sondern Dir gebührt das
Lob sowohl für dies als auch für jenes.
Die Anrufung ist ein poetisches Gebet der Mystikerin Râbi'ah al-'Adawiyah.

(c) Halima Krausen, 2006