Gedanken zum Freitag 24

Erinnerung


Und vor dir haben Wir nur Persönlichkeiten geschickt, die Wir inspiriert hatten - fragt doch diejenigen, die sich erinnern, wenn ihr es nicht wißt - mit deutlichen Botschaften und Schriften. Und Wir haben dir die Erinnerung niedergesandt, damit du den Menschen verdeutlichst, was zu ihnen niedergesandt wurde, damit sie nachdenken. (Surah 16:43-44)

Erinnerung oder Gedenken ist einer der Schlüsselbegriffe des Qur'an. In diesen Versen wird sogar die Offenbarung selbst als "Erinnerung" bezeichnet. Unsere Fähigkeit, uns zu erinnern, ist eins der größten Wunder der Schöpfung und eine wesentliche Voraussetzung für Wissen, Verständnis und Weisheit, die wir nur erlangen können, indem wir Schritt für Schritt auf dem aufbauen. Woran wir uns erinnern. Sie ist sogar wesentlich für die Liebe.

Da gibt es alle jene Daten und Fakten, die wir als notwendig für unser Alltagsleben empfinden: um sicherzugehen, daß wir sie nicht vergessen, schreiben wir sie in unsere Termiplaner und Taschenkalender und stellen vielleicht einen Wecker ein, um daran erinnert zu werden. Unsere Arbeitsplätze sind das mindeste, das davon abhängt - mehr als gelegentlich einen Termin zu versäumen könnte ernsthafte Folgen haben, sei es für unseren Lebensunterhalt oder unsere Beziehung zu anderen Menschen.

Da gibt es komplexe persönliche Erfahrungen, an die wir uns erinnern, um in der Zukunft Nutzen daraus ziehen zu können. Einige davon sind angenehm, und wir würden sie gerne ab und zu wiederholen. Einige von ihnen sind unangenehm, manchmal schmerzhaft. Wir erinnern uns an Einzelheiten davon, um sie vermeiden zu können - obwohl es sich mit schmerzhaften Erfahrungen, die mit unseren eigenen Fehlern und Mängeln verbunden sind, manchmal etwas merkwürdig verhält: wir versuchen, sie zu vergessen, weil wir uns ihrer schämen. Aber dies bewirkt nur eine zeitweilige, vorübergehende Erleichterung. Auf lange Sicht ist es notwendig, sie einzugestehen, um aus ihnen zu lernen und zu versuchen, sie wiedergutzumachen, so daß wir Vergebung und Heilung erlangen. Ein Element hierbei ist die Erinnerung an Gottes Barmherzigkeit und Bereitschaft zu vergeben.

Gottes Barmherzigkeit hat viele verschiedene Aspekte, an die es sich zu denken lohnt. Menschen neigen dazu, an das zu denken, was sie verloren haben und was sie brauchen und was sie auch noch gern hätten, aber andererseits sind da doch so viele Dinge, die uns geschenkt wurden. Sicherlich gibt es da auch vieles, was wir durch harte Arbeit erworben haben - wenn wir einmal von dem Erfolg absehen, den wir doch eigentlich nicht als gegeben hinnehmen können. Aber unser Leben und unsere Gesundheit, unsere körperlichen, geistigen und spirituellen Fähigkeiten und unsere vielfältigen Begabungen - daran sollten wir doch denken als etwas, das Gott uns geschenkt hat, so daß wir sie bewußt genießen und dafür dankbar sein können. Tatsächlich präsentiert der Qur'an nicht so sehr logische "Beweise" für die Existenz Gottes, sondern spricht vielmehr die Erinnerung an unsere Erfahrungen an: "Wie könnt ihr Gott leugnen? Ihr wart doch ohne Leben, und Er hat euch Leben gegeben ..." (2:28)

Der Qur'an erinnert uns nicht nur individuell. Uns wird auch nahegelegt, uns an unsere Erfahrungen als Gemeinschaft zu erinnern und daraus zu lernen: "Und erinnert euch, wie ihr wenige wart; ihr wart schwach im Land und hattet Angst, daß die Leute euch auslöschen könnten, aber Er schützte euch und stärkte euch mit Seiner Hilfe und versorgte euch mit guten Dingen, damit ihr dankbar werdet," (8:26) oder, "... erinnert euch an Gottes Gnade euch gegenüber, als ihr Feinde wart; aber Er vereinigte eure Herzen in Liebe, daß ihr durch Seine Gnade Brüder und Schwestern wurdet ..." (3:103). Dies bezieht sich in erster Linie auf die Erfahrung zu Lebzeiten des Propheten, als sich die Muslime von einer verfolgten Minderheit in Makkah zu einer unabhängigen Gemeinschaft in Madinah entwickelten. Aber es gibt viele Beispiele in der Geschichte der Muslime, auf die dies gleichermaßen zutrifft. Deswegen besteht berechtigte Hoffnung, daß wir auch in der Zukunft nicht ohne Gottes Schutz, Hilfe und Fürsorge bleiben.

Global betrachtet ist die muslimische Gemeinschaft ziemlich jung. Der Qur'an weist daher über unser eigenes "kollektives Gedächtnis" hinaus. Wir werden ermutigt, die Spuren zu betrachten, die große Nationen auf der Erde hinterlassen haben, und uns daran zu erinnern, wie ihre Machtgier schließlich ihren Niedergang bewirkte. Wir werden an die großen prophetischen Lehrer der Vergangenheit sowie an ihre Botschaften und ihre Völker erinnert. Ein besonderes Gewicht wird den Erfahrungen unserer Abrahamischen Vorfahren beigemessen: wir lesen wiederholt Botschaften, die an die Kinder Israel adressiert sind und ihnen nahelegen, sich an Gottes Gnade zu verschiedene Anlässen zu erinnern, z.B. als Gott sie aus Ägypten und vor Pharaos Unterdrückerheer rettete, oder als ihnen die Torah "als Leitung und Licht" gegeben wurde - inzwischen sind wir selbst Zeugen so manchen ähnlichen Anlasses geworden, warum sollten wir uns also nicht gemeinsam erinnern, so daß diese Erfahrungen nicht in der Dunkelheit der Vergangenheit verlorengehen, sondern weiterhin nützlich und hilfreich für uns sind? Der Vers ermutigt uns sogar, nachzufragen, wenn wir nicht sicher sind, wie wir selbst eine Verbindung mit diesen Erinnerungen herstellen können.

Dann gibt es da Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde, an die wir denken, alle diejenigen, die uns nahestehen und lieb sind, so daß wir unsere innere Verbindung mit ihnen beleben und stärken, während sie weit weg sind oder diese Welt schon verlassen haben. Dies ist ein natürlicher Bestandteil von Liebe und Respekt. Je mehr wir sie lieben und respektieren, um so mehr denken wir an sie und behalten ihr Bild in unserem Gedächtnis. Dies gilt auch für Propheten, Imame und andere Menschen, die Leitbilder für uns waren und uns helfen, Orientierung zu finden. Wir erinnern uns an diejenigen, die wahrhaftig und aufrichtig waren, die sich für Gerechtigkeit, Versöhnung und Frieden unter den Menschen eingesetzt haben, und die Vertrauen und Hoffnung verbreitet haben. Die Erinnerung an sie und wofür sie sich eingesetzt haben wirkt Vergeßlichkeit und Achtlosigkeit entgegen, wenn wir von den Aufgaben, Fragen und Problemen unseres Alltags eingenommen sind, wenn wir mit unseren Befürchtungen und Erwartungen beschäftigt sind.

Wenn wir an unsere menschlichen Freunde denken, wie könnten wir es dann vernachlässigen, and den Letztendlichen Freund zu denken? Das Gedenken Gottes ist natürlich das Hauptanliegen des Qur'an. Dies geht weit hinaus über ein gelegentliches, "Hoppla - da ist doch noch Gott, nicht wahr?" in einer ansonsten "säkularen" Welt. Erinnerung im Sinne des Qur'an bedeutet, sich Gottes Anwesenheit zu vergegenwärtigen. Deswegen bezeichnet der Qur'an das Gebet als "Erinnerung": wir werden bewußt, daß wir eigentlich vor Gott stehen, wo immer wir sind, sowohl mit unserer menschliche Verantwortung als auch mit unserer Bedürftigkeit nach Hilfe, Schutz und Vergebung. Nach einer Aussage des Propheten Muhammad bedeutet Ihsan, Güte, "daß ihr Gott so dient, als wenn ihr Ihn sehen könntet, denn auch wenn ihr Ihn nicht seht, sieht Er doch euch." Darin besteht der Sinn der zahlreichen Techniken von "Dhikr", Erinnerung oder Gottgedenken, die in den Sufitraditionen entwickelt wurden: sich dessen bewußter zu werden, daß Gott bei uns ist, und unsere Liebe zu vertiefen. Letztendlich geht es nicht um die Techniken, sondern um unsere Aufrichtigkeit. Wir lernen, unsere Erfahrungen zu Gott in Beziehung zu setzen, zu vertrauen und Frieden zu finden, denn "im Gedenken Gottes finden die Herzen Frieden."

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Ihr, die ihr glaubt, gedenkt Gottes in häufigem Gedenken und verherrlicht Ihn früh und spät. Er ist es, der Segen über euch ausschüttet, und Seine Engel beten um Segen für euch, daß Er euch aus den Finsternissen zum Licht leitet, und Er ist barmherzig gegenüber den Gläubigen. Ihr Gruß an dem Tag, an dem sie Ihm begegnen, ist: "Friede!", und Er hält einen ehrenvollen Lohn für sie bereit. (Surah 33:41-44)

(c) Halima Krausen, 2006