

| Und kündige den Menschen die Pilgerfahrt an. Sie kommen zu dir zu Fuß und auf jedem hageren Kamel, von allen fernen Wegen, daß sie ihre Vorteile erleben und während der festgesetzten Tage des Namens Gottes gedenken für das, was Wir ihnen an Vieh zur Versorgung gegeben haben. Eßt also davon und speist den Bedürftigen, den Armen. Dann sollen sie ihre Riten vervollständigen und ihre Gelübde erfüllen und das Altehrwürdige Haus umschreiten. (Surah 22:27-29) |
In diesen Tagen befinden sich viele Muslime entweder im letzten Stadium der Vorbereitungen oder bereits auf ihrem Weg nach Makkah für die Hajj, die große Pilgerfahrt. Jedes Jahr gibt es Millionen von Männern und Frauen, die sich auf diese Reise begeben, wenn auch vielleicht längst nicht mehr "zu Fuß und auf jedem hageren Kamel" sondern vielmehr mit jedem verfügbaren Flugzeug. Sie kommen zusammen zu einer Begegnung mit dem Eigentümer des Hauses, um das herum sich das Leben dreht, zu einer Begegnung miteinander, wie sie so von allen Erdteilen herbeigereist kommen, und zu einer Begegnung mit sich selbst, denn "insofern als du dich selbst erkennst, erkennst du deinen Schöpfer und Erhalter."
Selbst im Zeitalter der Interkontinentalflüge sind die meisten Muslime glücklich, enn sie sich diese äußerst wichtige Reise einmal in ihrem Leben leisten können. Sie bedarf also einer sorgfältigen Vorbereitung.
Wie jede andere Reise, so hat natürlich auch diese eine praktische Seite. Da ist die übliche Prozedur, ein Ticket und eine Unterkunft zu buchen und sich zu vergewissern, daß Paß und Visa auf dem neuesten Stand sind. Dann wird man die passende Kleidung brauchen. Nun ja, für die Hajj-Riten selbst gibt es Regeln: Männer tragen zwei ungenähte weiße Tücher und Frauen tragen Kleider, die sie angemessen bedecken, vorzugsweise in weiß. Aber darüberhinaus ist es weise, über diese Angelegenheit sorgfältig nachzudenken, denn das Klima ist sehr wahrscheinlich anders als das, was man gewöhnt ist: im Sommer kann es sehr heiß werden, aber jetzt, wo die Hajj im Winter stattfindet, sollte man wissen, daß, obwohl es tagsüber heiß werden kann, die Nächte sehr kalt werden können. Gleichzeitig möchte man sich aber auch nicht mit zuviel Gepäck belasten. Vergiß die Kosmetika: hier geht es um Sein, nicht um Schein.
Im Fall der Hajj hat jedoch die Frage, was man mitnehmen und was man zurücklassen soll, noch eine weitere Dimension. Es ist nicht angebracht, unbezahlte Schulden zurückzulassen - und das geht so weit, daß, wenn man sich vor die Wahl gestellt sieht, seine Schulden zu bezahlten oder die Hajj durchzuführen, das Bezahlen der Schulden Priorität hat. Die Hajj bietet auch nicht eine Möglichkeit, vor unerfüllten Verpflichtungen wegzulaufen. Denke daran, daß du auch dann, wenn du versuchst zu entkommen, immer dich selbst mitnimmst, wohin auch immer du gehst. Stattdessen solltest du dich vergewissern, daß du dich verabschiedest, bevor du aufbrichst, zumindest von Familienangehörigen, Verwandten, Freunden und Kollegen, aber besonders auch von Leuten, mit denen du nicht sehr gut zurechtkommst. Vielleicht ist dies eine Gelegenheit, sich zu versöhnen oder die Beziehungen zu verbessern. Schlechte Gefühle oder Gewissensbisse können zu einem lästigen Gepäckstück werden. Schließlich geht es bei der Hajj um eine Zwischenbilanz deines bisherigen Lebens, sozusagen ein Tag des Gerichts in Miniaturausgabe. Das ist eine einzigartige Chance, mit sich selbst ins Reine zu kommen.
In der Tat sind die weißen Kleidungsstücke, die die Pilger tragen, im Grunde genommen dieselben wie die Kleidungsstücke, in denen Muslime beerdigt werden, und wenn du mit allen diesen anderen Männern und Frauen in ihren weißen Kleidern in Arafat stehst, fühlst du dich and den Tag der Auferstehung erinnert. Somit ist die Hajj ein vorläufiges Ende, als solches aber auch ein neuer Anfang: nach der Abrechnung hat ein Pilger den Anfangspunkt für ein neues Leben erreicht, der dadurch gekennzeichnet wird, daß man ein Schaf oder eine Ziege opfert, um das Fleisch mit den Armen zu teilen, und daß man die Haare schneidet, auf ähnliche Weise wie es getan wird, wenn ein Kind geboren wird.
Es ist kein Zufall, daß es die Erfahrung von Abraham und seiner Familie ist, die bei den meisten Riten der Hajj im Brennpunkt steht. Abraham verließ seine Heimat - sowohl in dem Sinne, daß er die heimische Tradition seines Vaters verließ auf der Suche nach dem Einen hinter den Phänomenen der Schöpfung und im Laufe der Zeit Sein Freund wurde, als auch in dem besser bekannten Sinne, daß er sein Vaterhaus und sein Heimatland verließ, um sein Leben als Reisender zu verbringen. Die Ursprünge der Stadt Makkah selbst gehen auf eine Reiseerfahrung zurück: er mußte seine zweite Frau und seinen kleinen Sohn in diesem öden Tal zurücklassen auf der Suche nach Wasser. Das vergegenwärtigen sich die Pilger, Männer und Frauen, wenn sie, unter anderen Ritualen, zwischen den Hügeln Safa und Marwa hin- und herlaufen in Erinnerung an ihre Ahnherrin Hagar, die Ausschau hielt und um Hilfe betete, hin- und hergerissen zwischen Furcht und Hoffnung, bis sie gleich neben ihrem Kind eine Wasserquelle fand - und laufen wir nicht im Leben herum, bis wir die Quelle der Kraft und Stärke so nahe bei uns finden? Im Laufe der Zeit bauten Abraham und sein Sohn Ismail die Ka'bah, die, der Überlieferung zufolge, das älteste Haus ist, das zur Verehrung des Einen Gottes erbaut wurde. Als ein leeres, würfelförmiges Gebäude im Zentrum der islamischen Welt ist sie ein Symbol für das menschliche Herz, das leer von Götzen sein soll, um das Haus des Einen werden zu können. Es geht dabei nicht darum, darin zu beten, sondern siebenmal um dieses Haus herumzugehen, entsprechend den sieben Phasen des Lebens, und sich bewußt zu machen, daß sich das Leben nicht um uns selbst dreht, sondern vielmehr wir die Quelle allen Seins umkreisen, während wir uns aneinander reiben und Rücksicht aufeinander nehmen und uns bemühen, unsere Ungeduld unter Kontrolle zu behalten. Die Umschreitung wird mit einem Gebet an der Stelle abgeschlossen, wo, der Überlieferung zufolge, Abraham stand und betete, nachdem er die Bauarbeiten abgeschlossen hatte, als er das Gebäude einweihte, aber eigentlich geht es darum, uns zu erinnern, daß es sich nicht einfach nur um einen Punkt in der Geographie handelt, sondern daß "Maqâm Ibrahīm", Abrahams Standplatz, eine Herzenshaltung ist, die für ein aufrichtiges Gebet wesentlich ist.
Wo sind denn dann die feinen Trennlinien zwischen der Durchführung eines Rituals, der Vergegenwärtigung von etwas, das uns aus der Vergangenheit überliefert wurde, und einer vollständig neuen Erfahrung? Ist die Hajj die "Reise eines Lebens"? Oder ist nicht vielmehr menschliches Leben in diesem Sinne eine Reise und eine Pilgerfahrt durch eine Vielfalt and Reiseerfahrungen hin zu der letztendliche Begegnung mit dem Eigentümer des Hauses?
Gott, mache uns diese unsere Reise leicht und verkürze uns ihre Entfernung.
Gott, Du bist der Gefährte auf der Reise und kümmerst Dich an unserer
Stelle um unsere Familien.
Gott, ich suche Deinen Schutz vor den Schwierigkeiten der Reise und vor schlechten
Erfahrungen und vor einer schlechten Heimkehr zu Eigentum, Familie und Kindern,
und ich erbitte Deine Hilfe und Unterstützung für eine erfolgreiche und
gesegnete Reise und gute Erfahrungen und eine Heimkehr zu Eigentum, Familie und
Kindern in Frieden und Sicherheit.
Die Anrufung ist ein traditionelles Reisegebet.

(c) Halima Krausen, 2006