Gedanken zum Freitag 26

Die Ungläubigen


Sprich: Ihr Verleugner, ich diene nicht dem, dem ihr dient, und ihr dient nicht dem, dem ich diene, und ich bin kein Diener dessen, was ihr dient, und ihr dient nicht dem, dem ich diene. Für euch ist eure Religion und für mich ist meine Religion. (Surah 109)

Diese kleine Surah ist eine von den kurzen im letzten Teil des Qur'an, die häufig rezitiert werden und die viele Muslime auswendig gelernt haben. Gleichzeitig ist sie auf vielerlei verschiedene, oft widersprüchliche Weise verstanden worden. Manchmal wird sie als Belegtext für religiöse Toleranz zitiert: "Ihr habt eure Religion und ich habe meine." Aber sie wird auch benutzt, um eine Trennlinie zwischen "Uns" und den "Anderen" hervorzuheben, die eine simplistische Weltsicht fördert, die mit Ausschluß und Diskriminierung verbunden ist - manchmal sogar hinter dem Schleier der Toleranz. Dann kann die Tatsache, daß das Wort kâfirûn, Verleugner oder Verweigerer, oft mit "Ungläubige" oder "Heiden" wiedergegeben wird, nicht notwendigerweise dem Übersetzer angelastet werden: in der Alltagssprache hat sich das Wort bald zu einem Schimpfwort für Leute entwickelt, die die eigene Ansicht nicht teilen. Es wäre daher nützlich, einmal die Sprache und Geschichte dieser Surah neu zu entdecken und sie für unsere komplexe Welt wieder relevant zu machen.

Das Wort kâfir stammt von der arabischen Wurzel Wurzel kafara, bedecken, verbergen. Es bezeichnet jemanden, der absichtlich etwas verdeckt. In diesem Sinne wurde es z.B. für einen Bauern oder Gärtner benutzt, der Samenkörner mit Erde bedeckt, um ihnen zu ermöglichen, zu Pflanzen heranzuwachsen. Der Qur'an benutzt es in einem metaphorischen Sinne für jemanden, der etwas verleugnet oder zurückweist, und nicht notwendigerweise im negativen Sinne. Spuren eines neutralen und allgemeinen oder sogar positiven Sprachgebrauch sind noch zu finden, z.B. "... wer also die tyrannischen Mächte zurückweist (yakfur) und an Gott glaubt, hat sicherlich einen starken Halt ergriffen, der nie reißt " (2:256). Die intensive Form kaffara ist vor allem mit dem Ausgleich für menschliche Fehler und Schwächen assoziiert: "Diejenigen, die glauben und auf Ordnung und Frieden hinarbeiten - Wir werden sicherlich ihre schlechten Handlungen aufheben (nukaffiranna) und sie nach dem Besten dessen belohnen, was sie getan haben" (29:7).

Insgesamt werden im Qur'an das Wort kâfir und verwandte Wörter allerdings meistens für Leute verwendet, die bewußt den Inhalt der göttlichen Botschaft ablehnen: dem Einen Gott zu dienen, im Bewußtsein der Verantwortung vor Gott zu leben und das individuelle und gesellschaftliche Leben auf ethischen Grundsätzen aufzubauen. Sie sind auch mit Undankbarkeit verbunden: dem Versäumnis, die zahlreichen Gaben und Möglichkeiten anzuerkennen, die uns von unserem Schöpfer gegeben wurden, und sie auf eine Weise zu entfalten und zu genießen, die für uns selbst und andere gut ist.

Es ist wohl bekannt, daß es sich bei dieser Surah um eine ziemlich frühe mekkanische handelt. Der Prophet hatte erst kurz zuvor angefangen, die Stadtväter, bei denen es sich zumeist um Verwandte von ihm handelte, dazu aufzurufen, Götzendienst und Aberglauben aufzugeben und sich an ihre Verantwortung für die Förderung von Ehrlichkeit, Mitmenschlichkeit und Gerechtigkeit in ihrer Gesellschaft zu erinnern. Die Reaktion war Ablehnung und Verweigerung: die reichen und einflußreichen Kaufleute betrachteten die Botschaft und die daraus erwachsende Bewegung eher als eine Bedrohung für ihre Profite und Privilegien. Eine ihrer Gegenmaßnahmen war ein Versuch, dem Propheten ein paar persönliche Vorteile als Gegenleistung für einen Kompromiß anzubieten.

Im allgemeinen ist nichts gegen einen Kompromiß einzuwenden, der einen gewöhnlichen Konflikt löst. Aber grundlegende ethische Prinzipien sind nicht etwas, über das wir verfügen können. In diesem Fall bleibt der Konflikt notwendigerweise ungelöst: ihr folgt eurem Gewissen und ich folge meinem Gewissen, indem das endgültige Urteil dem Endgültigen Richter überlassen bleibt. Es gibt eine klare Grenzlinie gegenüber dem Dienst an Wirtschafts- oder Machtinteressen oder jedweder von Menschen gemachter Idee oder Institution, die zu überschreiten ich nicht bereit bin.

Später in der Offenbarung werden das Wort kafara und Ableitungen davon manchmal benutzt, um Handlungsweisen und Einstellungen zu kritisieren, die dem ethischen Monotheismus widersprechen. Sie werden nie auf Nichtmuslime im allgemeinen angewendet, denn "diejenigen, die an Gott glauben und an den Jüngsten Tag und auf Ordnung und Frieden hinarbeiten, sollen weder Furcht noch Trauer erleben" (2:62). Sie erscheinen allerdings in Geschichten von typischen Gestalten wie Pharao oder den Leuten, die die Botschaft eines prophetischen Lehrers zurückweisen, indem sie ethische Werte, Lehren aus Erfahrungen sowie ihre menschliche Verantwortung verleugnen. Nun, das bezieht sich aber doch jedenfalls auf die Vergangenheit und/oder auf die "Anderen", oder?

Außer daß eine Heilige Schrift nicht einfach nur ein politisches Programm im Hinblick auf "Uns" und die "Anderen" ist, das auf Eigeninteresse aufbaut und auf Zugehörigkeit und Ausgrenzung - das wäre nicht besser als irgendeine menschliche Ideologie. Gottes Perspektive ist die des Schöpfers aller Menschen, sowohl "Unser" als auch "Ihrer". Eine Bezugnahme auf Erfahrungen der Vergangenheit kann Lehrstücke auf vielen verschiedenen Ebenen haben, und um der Gerechtigkeit willen müssen kritische Bemerkungen, die sich allem Anschein nach auf die Geschichte oder die "Anderen" beziehen, auch in der Selbstkritik gelten. Der Prophet mag daran vielleicht nicht gedacht haben, aber im Laufe der 1400 Jahre, die zwischen der Offenbarung, die er gebracht hat, und der heutigen Welt vergangen sind, hat es in der Tat mehrere "muslimische Pharaonen" gegeben, die "Gottes Zeichen verleugneten", indem sie ihren Ambitionen folgten; es gab und gibt zahlreiche Individuen und Gruppen die, während sie begeistert Gedichte über die edle Persönlichkeit des Propheten vortragen und kleine Gesten aus seinem Alltagsleben nachahmen, das eigentliche Anliegen seiner Lehren versäumen. Versteht mich nicht falsch. Gegen kleine Gesten liebevoller Erinnerung ist nichts einzuwenden. Aber der Prophet wäre tief enttäuscht, wenn seine Botschaft wie jenes ärztliche Rezept behandelt würde, das der Patient an einem Ehrenplatz aufbewahrt, statt die Medizin einzunehmen. Er wurde als "Barmherzigkeit für die Welten" geschickt, das heißt, um das Glück ihrer Bewohner zu mehren. Er kam, um "Gottes Zeichen darzulegen": die Zeichen in der Schrift, die ihrerseits wiederum Schlüssel sind, die uns helfen, die Zeichen in der Schöpfung zu verstehen und davon zu lernen.

Der Qur'an verweist auf die Zeichen in der Natur. Und tatsächlich bewundern Muslime begeistert die Vollkommenheit im Wechsel der Jahreszeiten und staunen über die Sterne und Moleküle und betonen, daß dies nicht weniger sein kann als das herrliche Werke des großartigen Schöpfers. Aber warum verschließen wir die Augen gegenüber den Zeichen, die vor den Folgen der Ausbeutung der Erde durch Menschen warnen, wie dem Treibhauseffekt, die Ausrottung von Tier- und Pflanzenarten und anderen Umweltschäden, statt zu überlegen, welchen Beitrag wir möglicherweise zu einer positiven Veränderung leisten können, die die Erde und das Leben darauf bewahrt?

Der Qur'an verweist auf die Zeichen in der Geschichte. Und tatsächlich erinnern sich Muslime begeistert an Anlässe, als "Gottes Hilfe und Sieg" kam. Aber warum vermeiden wir es, uns den Erfahrungen des Versagens und des Unheils in unserer eigenen unmittelbaren Vergangenheit zu stellen, wo, oft genug im Namen von Religion oder Ideologie, menschliches Verhalten zu Verfolgung, Krieg, Grausamkeit und Völkermord führten, statt Lehren daraus zu ziehen, um sie in der Zukunft vermeiden zu können und stattdessen Gerechtigkeit und Verständnis zu fördern?

Möge Gott uns davor schützen, unsere eigenen Pharaonen zu sein. Möge Gott uns davor schützen, daß wir etwas verleugnen, das uns helfen kann zu verstehen, zu lernen und zu wachsen, und auf eine Zukunft hinzuarbeiten, die unserer Würde als Menschen eher angemessen ist. Möge Gott uns vor unseren eigenen kleinen Handlungen des kufr schützen.

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Unser Schöpfer und Erhalter, wir haben einen Rufer gehört, der uns zum Glauben einlädt: "Glaubt an euren Schöpfer und Erhalter!", und wir glauben. Unser Schöpfer und Erhalter, vergib uns darum unsere Vergehen und lösche unsere schlechten Handlungen aus und lasse uns unser Leben als Menschen vollenden, die zu den Rechtschaffenen gehören. Unser Schöpfer und Erhalter, gib uns, was Du uns durch Deine Gesandten verheißen hast, und lass uns am Tag der Auferstehung nicht in Schande geraten. Du brichst doch Dein Versprechen nicht. (3:193-194)

(c) Halima Krausen, 2007