

| Wir werden euch sicherlich prüfen mit etwas Angst und Hunger und Verlust an Gut und Leben und Früchten (eurer Bemühungen). Bringe aber die Verheißung zu den Geduldigen, die, wenn ein Unglück sie trifft, sagen: "Wir gehören Gott an, und zu Ihm ist die Rückkehr." Das sind die, über die Segen und Barmherzigkeit kommt von ihrem Schöpfer und Erhalter, und sie sind diejenigen, die geleitet sind. (Surah 2:155-157) |
Vor ein paar Tagen hat das neue Jahr 1428 nach der Hijra begonnen. Wir beten dafür, daß es glückliches und gesegnetes und friedvolles Jahr wird, daß wir von Unglück und Krankheit und Armut und Irrtum geschützt werden und daß uns Verständnis, Kraft und Hoffnung gegeben wird, die uns bei unseren Bemühungen um Gutes unterstützen.
In der islamischen Tradition ist der Beginn eines neuen Jahres ein Anlaß, nachzudenken und sich zu erinnern. Wir denken an vergangene Erfahrungen, besonders an Erfahrungen des Übergangs wie die Landung der Arche Noah, Abrahams Aufbruch aus seinem Vaterhaus, oder den Auszug der Kinder Israel aus Ägypten. Aber es ist auch ein Anlaß, sich an die mehr greifbare Vergangenheit zu erinnern und davon zu lernen: von Erfahrungen aus dem eigenen Leben und aus der Geschichte der Gemeinschaft. Bereits zur Zeit des Propheten Muhammad begann man ein neues Jahr mit Nachdenken, Gebet und Fasten.
Als Menschen finden wir es nicht immer leicht, in ausgewogener, kritischer Weise die Vergangenheit zu betrachten. Da besteht die Versuchung, Geschichte mit einer epischen Aufzählung der glorreichen Errungenschaften unserer berühmten Vorfahren zu verwechseln und Tatsachen, auf die wir weniger stolz sein können, beiseitezulassen oder zu rechtfertigen. Es ist schwieriger, sich diesen dunklen Augenblicken zu stellen und Nutzen aus den Lehren zu ziehen, die sie uns geben können. Ein Beispiel ist eine der schwierigsten Prüfungen in der Geschichte der frühen Muslime: der Märtyrertod des Prophetenenkels Husayn am zehnten Tag des Monats Muharram. Den Werten und Visionen verpflichtet, die sein Großvater gelehrt und vorgelebt hatte, verweigerte er der Ungerechtigkeit die Gefolgschaft und wurde darum von den Truppen des Herrschers in einen Hinterhalt gelockt und getötet. Nicht von irgendeinem Herrscher, nicht vor irgendwelchen Truppen wie in der Geschichte von Pharao und seinen Heerscharen, sonder von einem Herrscher, der sich selbst als Kalif des Propheten Muhammad betrachtete, und von Truppen, die Muslime waren - von Leuten also, von denen man erwarten würde, daß sie etwas Respekt hätten gegenüber dem Enkel des Propheten und den Werten, für die er sich einsetzte, oder daß sie zumindest Meinungsverschiedenheiten "Gott und Seinem Gesandten vorlegen", das heißt, sie im Lichte der Prinzipien behandeln würden, die im Qur'an und durch das prophetische Paradigma dargelegt wurden. Die Geschichte bringt uns an einen unangenehmen Punkt, an dem es um die Entscheidung geht, sich bequem auf die Seite dessen zu schlagen, der zufällig die Macht hat, und Vorteile zu genießen, die dieser uns vielleicht zu bieten hat, oder den Weg der Verpflichtung gegenüber Gerechtigkeit und menschlicher Verantwortung und Würde einzuschlagen. Es macht die Sache nicht leichter, wenn tyrannische Gewalt im Namen unserer eigenen Religion verübt wird.
Zu den vielen Lehren aus der Geschichte, die hochgradig emotional geladen ist, gehört der Schlüsselbegriff sabr.
Das arabische Wort wird manchmal mit Geduld übersetzt. Das stimmt zum Teil - es sei denn, Geduld würde als eine völlig passive Haltung mißverstanden, als ob es darum ginge, abzuwarten, bis irgendetwas geschieht, ohne überhaupt aktiv beteiligt zu sein. Gleichzeitig kann es sehr wohl in Situationen verwendet werden, wenn man nicht viel tun kann und es darum geht, Schmerz und Trauer zu ertragen. Der Qur'an veranschaulicht diesen Punkt mit einem Hinweis auf die Geschichte von Hiob, der ohne jedes eigene Verschulden sein Eigentum und seine Kinder verliert: diese bittere Erfahrung und das Gefühl völliger Hilflosigkeit gegenüber dem Unglück, das ihn trifft, stellt viele herausfordernde Fragen an Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, aber Hiob gibt seinen Glauben nicht auf.
Es wird manchmal mit Standhaftigkeit übersetzt. Das stimmt zum Teil - es sei denn, Standhaftigkeit würde mit Hartnäckigkeit verwechselt und mit sturem Beharren auf einer Meinung ohne Rücksicht darauf, wie sinnvoll sie ist. Der Qur'an veranschaulicht diesen Punkt mit einem Hinweis auf die Geschichte von Pharaos Frau, die als "ein Beispiel für diejenigen, die glauben" vorgestellt wird: trotz der mörderischen Absichten ihres Mannes zieht sie das Baby Mose groß, und wir bekommen einen kleinen Einblick in das damit verbundene alltägliche Risiko durch ihr Gebet: "Mein Schöpfer und Erhalter, baue mir ein Haus im Garten in Deiner Gegenwart und befreie mich von Pharao und seinen Machenschaften und befreie mich von dem ungerechten Volk."
Es wird manchmal mit Beständigkeit übersetzt. Das stimmt zum Teil - es sei denn, Beständigkeit würde mit Starrheit und mangelnder Flexibilität verwechselt. Der Qur'an veranschaulicht diesen Punkt mit der Geschichte von Jacob: er spürt deutlich, daß er seinen Söhnen kein Vertrauen schenken kann, wie sie ihm die Mitteilung vom Verschwinden ihres Bruders Joseph machen, aber er weiß gleichzeitig, daß er zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage ist, die Wahrheit herauszufinden. Er sagt: "Da bleibt nur schöne Geduld." Trotz seines Verlustes und seiner bitteren Enttäuschung über das Verhalten seiner Söhne gibt er nie die Hoffnung auf, und als die Brüder nach Ägypten reisen, bittet er sie, das scheinbar Unmögliche zu versuchen und Nachrichten über Josephs Schicksal zu finden.
Der Begriff sabr beinhaltet alle diese Aspekte. Er umfaßt eine lebhafte Wachsamkeit, eine scharfe Wahrnehmung von allem, was jenseits von Schmerz, Trauer und Zorn geschieht, und den Mut, nach einer Niederlage oder einem Unglück neu zu beginnen, selbst in jenen dunklen Tagen, wenn die Vision verlorengegangen zu sein scheint. Er ist mit aufrichtigen Absichten verbunden und mit Vertrauen: Gott ist mit den Geduldigen.
Die Freiheit und Verantwortung des menschlichen Lebens ist nicht etwas Reibungsloses und Gemütliches. Wir müssen ständig moralische Entscheidungen treffen, die zwar nicht immer so ernst und weitreichend sind wie die von Husayn und den Männern und Frauen um ihn herum, aber doch schwerwiegend genug, daß man das Leben als eine Prüfung betrachten kann, eine ständige Herausforderung an unseren Umgang mit den Gaben und Aufgaben, die uns anvertraut wurden. Husayn lebte und starb für das, woran er glaubte. Wir gehören Gott an, und zu Ihm kehren wir zurück. Die Männer und Frauen um ihn herum überwanden den Schmerz des Verlusts und widerstanden der Unterdrückung und Verfolgung, der sie ausgesetzt waren, und setzten geduldig ihre Arbeit für die Werte von Gerechtigkeit und Menschlichkeit fort, für die sie sich verantwortlich fühlten, im Vertrauen darauf, daß es bei menschlichem Leben nicht um das Überleben des Stärkeren geht, sondern um das Überleben des ethisch Wertvolleren.
Du, dessen Licht die Finsternis überwindet; Du, dessen Heiligkeit die zerklüfteten Schluchten erleuchtet; Du, vor dem sich alle Wesen in den Himmeln und auf der Erde niederwerfen; Du, dem sich jeder rasende Tyrann in Gehorsam beugen muß; Du, der die geheimen Winkel des menschlichen Gewissens kennt; Du, dessen Barmherzigkeit und Wissen alle Dinge umfaßt: vergib denen, die zu Dir umkehren und Deinem Weg folgen, bewahre sie vor dem leid des Feuers und eile, ihnen Hilfe zuteil werden zu lassen.
Die Anrufung wurde von Hasan Askari überliefert.

(c) Halima Krausen, 2007