

| Gott ist der, der für euch die Erde zu einer Wiege gemacht hat und den Himmel zu einem Zelt, und der euch gestaltet hat und eure Gestalt gut und schön gemacht hat, und der euch mit guten Dingen versorgt hat. Segensreich ist Gott, der Schöpfer und Erhalter der Welten. (Surah 40:64) |
Religion wird manchmal als etwas Weltfremdes betrachtet. Von einem säkularen Gesichtspunkt her wird sie oft als fremdartig und überflüssig angesehen, als altmodischen Glauben and absurde Lehren und blinden Gehorsam gegenüber religiösen Autoritäten. Andererseits gibt es tatsächlich gewisse religiöse Stimmen, die die Welt ablehnen und verachten und Weltentsagung und Askese propagieren. Nein, das ist kein spezifischer Charakterzug östlicher Religionen oder des christlichen Mönchtums. Wir finden so manche muslimische Abhandlung, die "dunya", die Welt, verdammt als etwas, das trügerisch vom Wissen um das Göttliche ablenkt und seine Leser ermahnt, alle unnötigen weltlichen Aktivitäten beiseitezulassen und sich auf gottesdienstlichen Handlungen zur Vorbereitung auf das Jenseits zu konzentrieren.
Die meisten muslimischen Autoren sind sehr viel vernünftiger als dies und verweisen auf den Mittelweg zwischen materialistischen Anschauungen der Welt als Selbstzweck und Asketentum am anderen Ende der Skala der Extreme, wobei sie daran erinnern, daß der Qur'an oft auf "Gottes Zeichen" überall in der Schöpfung verweist, die wir studieren sollen. Die Reaktionen darauf bleiben allerdings hauptsächlich irgendwo zwischen einer aufgeregten Suche nach "wissenschaftlichen Tatsachen", auf die bereits der Qur'an hinweist", die dann als "Beweis für den göttlichen Ursprung des Qur'an" vorgestellt werden, und einem gelegentlichen "ma shâ' Allâh" beim Anblick der Wunder des Sternenhimmels oder der Schönheit des Pflanzen- und Tierreiches und dem Gedanken, daß es "schließlich doch einen Schöpfer gibt", bevor man wieder zur Tagesordnung übergeht. Ist das alles?
Wenn ich den Qur'an sorgfältiger auf Arabisch lese, erregt die Wortwahl meine gespannte Aufmerksamkeit. Wie in dem zuvor zitierten Vers wird Gott oft als "Rabb al-'âlamî:n", "Schöpfer und Erhalter der Welten", bezeichnet. Das Wort, das hier für "Welt" gewählt wurde, ist nicht das Wort dunya, das für berechtigte kritische Bemerkungen gegenüber der Welt benutzt wird, weil seine Bedeutung auf etwas Niedriges, Unmittelbares verweist, auf etwas, das als Baugrund für etwas Besseres in der Zukunft genutzt werden kann und soll, aber nicht als Ziel um seiner selbst willen betrachtet werden darf. Der Qur'an benutzt auch nicht das Wort kawn, Dasein, das abstrakt genug ist, um in philosophischen Erörterungen benutzt zu werden, wo Gott als die "Supra-Ontologische Realität" und Ursprung alles Existierenden bezeichnet wird - sehr eindrucksvoll, aber das ist nicht das, was der Qur'an sagen will.
Das Wort ist vielmehr 'âlam, im Plural 'âlamî:n. Es ist von der Wurzel 'alima, wissen, abgeleitet und bezeichnet wörtlich "ein Mittel, Wissen zu erlangen". Ich erinnere mich an einen begeisterten Prediger, der mit Worten im Deutschen spielte: "Das Universum ist eigentlich eine Universität", und da ist etwas daran.
Wenn ich den Qur'an unter diesem Gesichtspunkt lese, finde ich, daß die häufigen Hinweise auf "Gottes Zeichen in der Schöpfung" und Aufforderungen, nachzudenken und nach Wissen zu streben, mehr sind als eine bloße Wiederholung, um den Sinn einzuprägen. Sie sind eine Einladung, alle Wissenszweige zu erkunden: Naturphänomene, historische Erfahrungen, heilige Schriften, religiöse Traditionen, menschliche Gedanken und Gefühle, und zwar mit Offenheit und dem Wunsch zu verstehen. Infolgedessen haben im klassischen Zeitalter Muslime nicht gescheut, alle Zweige der Wissenschaft zu erforschen und von allen früheren Entdeckungen zu profitieren, die sie bei Griechen, Persern, Indern und sogar Chinesen finden konnten, sowie die Ergebnisse zu nutzen, indem sie neue Technologien entwickelten, philosophisch die Wahrheiten hinter den Tatsachen erkundeten und die Ergebnisse wiederum zu einem Schatz enzyklopädischen Wissens zu integrieren. Heute gibt es weit mehr zu erforschen als ein menschliches Individuum meistern könnte: es wird Zeit, sich nicht zu spalten und zu Fachidioten zu werden, sondern unsere Kräfte zusammenzuschließen, um für alle den größtmöglichen Nutzen daraus zu ziehen.
Wenn ich den Qur'an unter diesem Gesichtspunkt lese, finde ich keine Rechtfertigung für die Bewußtseinsspaltung bei vielen heutigen Muslimen, bei denen das rationale Selbst ganz auf Wissenschaft und Technologie ausgerichtet ist, während man unkritisch verschiedene irrationale Konzepte als "religiös" akzeptiert, oder wo eine weite Kluft besteht zwischen Regeln und Geboten in unserem Alltagsleben und sinnvollen ethischen Prinzipien. "Wissen zu erwerben ist eine religiöse Pflicht für jeden Muslim, Mann oder Frau," sagte der Prophet. Er sagte nicht: "Religiöses Wissen zu erwerben ist eine Pflicht." Er hat nie diesen Unterschied gemacht zwischen "religiösem Wissen" und "weltlichem Wissen". Der Schöpfer ist Einer, offenbart in der Vielfalt der Schöpfung, und die Schöpfung ist eine, deren vielgestaltigen Aspekte zu einem sinnvollen Netzwerk von Beziehungen integriert sind. Der Qur'an soll uns von Unwissenheit und Aberglauben befreien: als Gottes Statthalter auf Erden werden wir gelehrt, Gottes Welt zu erkunden, im Bewußtsein von Gottes Gegenwart, um besser in der Lage zu sein, unsere Verantwortung für sie zu erfüllen.
Wenn ich den Qur'an unter diesem Gesichtspunkt lese, finde ich, daß die Bezugnahme auf Wissen viel mehr ist als ein wiederholter Versuch, Gottes Existenz zu beweisen. Dies mag ein zentrales Anliegen für moderne junge Muslime sein, die in einer Umgebung, die dazu neigt, alles Transzendente zu leugnen, nach Orientierung suchen. "Objektive Beweise" sind in der Vergangenheit von verschiedenen Philosophen dargelegt worden, um den Preis einer Verengung des Wissens um Gott auf einen "Unbewegten Beweger" oder ein "Allerrealstes Wesen", das seinerseits wiederum von anderen Philosophen oder dogmatischen Theologen herausgefordert wurde. Der Qur'an spricht den Verstand und das Herz an. Wissen ist mehr als Informationsaufnahme. Gotteserkenntnis ist ein Prozeß zunehmender Erfahrung, sowohl durch Gebet und Kontemplation als auch durch Interaktion mit der Welt. Von "Gottes Zeichen" können wir von Gottes Existenz, Einheit und Schöpferkraft erfahren. Von dem in ihnen enthaltenen und aus ihnen gewonnenen Nutzen können wir von Gottes liebevoller Fürsorge und ausgleichenden Gerechtigkeit lernen. Unsere Beziehung entwickelt sich aber unterwegs in einem lebenslangen Prozeß, bis wir Vertrautheit und Reife erlangen. Darum bezeichnet der Vers die "Erde als eine Wiege", in der wir lernen und zu voller Menschlichkeit heranwachsen können.
Wir sind eingeladen, eine Welt des Wissens zu erkunden. Segensreich ist Gott, der Schöpfer und Erhalter der Welten.
Mein Gott, jeder Baum lobpreist Dich und jedes Stück Erde verkündet Deine
Heiligkeit mit einer heimlichen Stimme und einer klaren Melodie.
Gott, ich stehe vor Dir, meine Augen zu Deiner Gegenwart erhoben, meine Hände
nach Deiner Freundlichkeit ausgestreckt, meine Stimme ruft zu Dir. Du bist der Eine,
den unser Ruf nicht ärgert und der den Bittenden nicht enttäuscht.
Mein Gott, gib mir Augen, die in Aufrichtigkeit zu Dir aufschauen, denn jemand, der
mit Dir vertraut ist, wird nicht falsch eingeschätzt, und jemand, der Dich
anruft, wird nicht beschämt, und jemand, der sich an dir freut, ist glücklich,
und jemand, der bei Dir Schutz sucht, findet Hilfe und Erfolg.
Die Anrufung wurde von dem Mystiker Dhun-Nû:n Misri überliefert.

(c) Halima Krausen, 2007