

| Ihr habt doch in Gottes Gesandtem ein schönes Beispiel für jeden, der auf Gott und den Jüngsten Tag hofft und Gottes oft gedenkt. (Surah 33:21) |
Jeder Muslim weiß, daß neben dem Qur'an die Sunnah eine wichtige Quelle für islamisches Recht und Theologie ist. Aber dann scheiden sich die Geister. Einige Muslime verstehen den Begriff Sunnah hauptsächlich auf zusätzliche rituelle Gebete vor und nach den Pflichtgebeten bezogen, wie es der Prophet Muhammad praktiziert hat. Für einige bezeichnet er eine Reihe von Alltagshandlungen, die auf eine bestimmte Weise durchgeführt werden, einschließlich der Art, einander zu grüßen, zu essen oder mit persönlicher Hygiene umzugehen. Im Türkischen wird mittlerweile das Wort "Sünnet" für die Beschneidung benutzt, die tatsächlich auf Abraham zurückgeht. In einigen Kreisen wird Sunnah als gleichbedeutend mit Hadî:th verstanden, das eigentlich der Bericht von Handlungen und Aussagen des Propheten ist, die für die muslimische Tradition bedeutsam sind, indem sie Dinge veranschaulichen und erläutern, die im Qur'an auf eine allgemeinere und abstraktere Weise ausgedrückt sind. An sich wird sie als ein Schlüssel zur Qur'aninterpretation betrachtet, abgesehen davon, daß es unterschiedliche Ansichten darüber gibt, was der Status der Sunnah in diesem Zusammenhang ist: ist sie eine Rechtsquelle auf gleicher Ebene mit dem Qur'an einschließlich eines Elements der Inspiration, oder ist sie eine Hilfsquelle, die das Verständnis und die Umsetzung ermöglicht, oder ist sie sogar eine Voraussetzung für das Verständnis des Qur'an? Jedenfalls spielen alle diese Ansätze eine Rolle bei der kritischen Bewertung von Überlieferungen, die versucht, ihre Authentizität und Reichweite zu ergründen.
Das Wort Sunnah selbst bezeichnet eine regelmäßige Praxis oder Gewohnheit und wurde ursprünglich in einem viel weiter gefaßten Sinn gebraucht als der Fachausdruck, der sich auf das Beispiel des Propheten bezieht. So benutzt der Qur'an es beispielsweise im Sinne von Sunnat Allah, Gottes Gewohnheit sozusagen, um Phänomene zu beschreiben, die wir heutzutage als Naturgesetze bezeichnen würden. In der zeitgenössischen Sprache hätte man das Wort auch für die regelmäßige Praxis und die Gewohnheiten eines bestimmten Individuums, einer Familie oder eines Stammes benutzt, so wie wir von Familientradition oder Stammesbrauch sprechen würden. Die Frage wäre deswegen, von wessen Sunnah wir sprechen. Die meisten Muslime meinen es im Sinne des Fachausdrucks, der das Beispiel des Propheten Muhammad bezeichnet, aber es it nicht immer klar, ob ein bestimmtes Verhaltensmuster wirklich auf ihn zurückgeht und nicht eher einen lokalen Brauch darstelle. Und selbst im Fall des Propheten gibt es eine Debatte darüber, ob eine bestimmte Handlung seinerseits als normativ zu betrachten ist oder als etwas, das Teil seines kulturellen Hintergrundes ist oder gar eine persönliche Gewohnheit. Dies spielt eine Rolle in the Diskussion darüber, was es bedeutet, dem Beispiel des Propheten zu folgen. Oft wird es so verstanden, daß man ihn in einer ganzen Reihe von Alltagsgewohnheiten nachahmen sollte, einschließlich darin, daß man zusätzliche rituelle Gebete durchführt, mehrmals am Tag die Zähne putzt, andere als erster grüßt, der Familie bei der Hausarbeit hilft und sogar einen Turban trägt und mit der Hand ißt. Offensichtlich lassen sich einige dieser Verhaltensweisen, wenn man sie ins Extrem führt, nicht leicht mit dem modernen Leben vereinbaren, weder im Westen noch in muslimischen Ländern, aber wenn sie nicht anderen aufgezwungen oder zu einem Dogma gemacht, sondern aus schlichter Liebe zum Propheten getan werde, würde ich nicht zu streng urteilen.
Was mir jedoch zu denken gegeben hat ist die Tatsache, daß der oben zitierte Vers Makkah in einem ziemlich frühen Stadium offenbart wurde, während Hadî:thtexte fast ausschließlich auf Erfahrungen in Madinah Bezug nehmen, wo ein größerer Schwerpunkt auf sozialen Normen und Strukturen lag. Wenn Muslime damals so damit beschäftigt gewesen wären, über Einzelheiten des Benehmens und äußere Identitätsmerkmale zu diskutieren, wie es heute der Fall ist oder auch zu der Zeit, als die großen Hadî:thsammlungen zusammengestellt wurden, dann frage ich mich, was aus der Gemeinschaft geworden wäre. Aber damals, als Minderheit in einer feindseligen Umgebung, hatte sie mit vielen existentiellen Problemen zu kämpfen: Verfolgung, Boykott, Folter und Lebensgefahr. Der Vers gehört zusammen mit anderen in Makkah offenbarten Texten, deren Betonung auf Glauben und persönlicher Ethik liegt, und mit Geschichten von bezeugtem Glauben und selbstlosen Bemühungen, anderen bei der Bewältigung des Leidens zu helfen, dem vor allem Sklaven und Arme ausgesetzt waren.
Was mir auch aufgefallen ist, ist das arabische Wort uswa, das hier benutzt wird und mit "Beispiel" übersetzt wurde - oder manchmal auch als Vorbild oder Muster. Seine Wurzel bedeutet soviel wie sorgen für jemanden, heilen, Frieden schließen, und ein verwandtes Wort bedeutet Trost. Deswegen lese ich dies nicht nur als eine Beschreibung des Propheten als Modell des Verhaltens, das nachzuahmen ist, sondern als einen Hinweis auf die Haltung hinter seinen Handlungen, die man betrachten sollte. Ich will damit nicht sagen, daß Verhaltensregeln unwichtig sind. Sie sind wesentlich für menschliches Zusammenleben und gegenseitiges Verständnis. I möchte aber auf eine zusätzliche Dimension bei der Befolgung seines Beispiels hinweisen, indem man zusammen mit Worten und Handlungen den Geist mit in Betracht zieht. Sowohl das Wort uswa, das hier benutzt wird, als auch der Begriff "Barmherzigkeit für die Welten", mit dem der Prophet anderswo im Qur'an beschrieben wird, zeigen eine Perspektive auf, von der aus wir sein Verhalten insgesamt betrachten und für uns selbst relevant machen sollten.
Wenn wir also an seinem bevorstehenden Geburtstag an den Prophet denken, indem wir wieder einmal seine Biographie lesen, können wir uns auf einen der folgenden Aspekte konzentrieren und sie durch die Geschichte seines Lebens hindurch verfolgen, wobei wir die Prinzipien von Barmherzigkeit, Heilung und Frieden im Gedächtnis behalten:
Wir können seine Beziehung mit seiner Familie im Auge behalten, indem wir vielleicht fragen, warum er jede seiner Frauen heiratete und was an ihrer jeweiligen Beziehung besonders war, einschließlich des spirituellen Aspekts davon, oder wie er für seine Kinder, Stiefkinder und Enkelkinder sorgte. Wir können versuchen, die Angelegenheit aus dem Blickwinkel eines seiner Familienangehörigen zu sehen. Was hätte ich an der Stelle eines oder einer von ihnen getan? Welchen Bezug haben diese Einsichten zu meinem eigenen Familienleben?
Wir können der Linie seiner Beziehungen mit Freunden, Gefährten und Schülern folgen. Wie hat er sie kennengelernt? Was haben er und seine Freunde gemeinsam getan, bevor und nachdem er ein Prophet wurde? Wie haben seine Gefährten zusammengewirkt, während sie Widerstand gegen die Verfolgung in Makkah leisteten, nach Madinah auswanderten, und die muslimische Gemeinschaft aufbauten? Wie hat er seine Schüler gelehrt und wie haben sie von ihm gelernt? Können wir Denkanstöße finden, die sich in unsere eigene Welt von Freundschaft, Kameradschaft und gemeinsamem Lernen übersetzen lassen?
Wir können uns sein Leben als Geschäftsmann mit seinen Kollegen und Partnern vorstellen, angefangen von seinem Ruf lange bevor er ein Prophet wurde, und von Khadijah, als sie ihn als Handelsvertreter beschäftigte, und ihm dann durch den Boykott in Makkah, die Auswanderung und den Wiederaufbau des Gesellschaftslebens in Madinah folgen. Gibt es da Impulse für eine Vision von sozialer Gerechtigkeit, die in unserer noch komplexeren Welt heute nützlich sein kann?
Gleichermaßen könnten wir uns seine Begegnungen mit Menschen anderen Glaubens anschauen, indem wir beispielsweise seine Beziehung mit seinem christlichen Verwandten Waraqa bin Nawfal ergründen oder die Verfassung von Madinah studieren, die jüdische Stämme und andere Gruppen mit einschloß, oder darüber spekulieren, was wohl geschehen wäre, wenn die polytheistischen Quraish in Makkah die Muslime nicht verfolgt hätten. Es würde sich auch lohnen, sich die Konflikte und ihren Hintergrund näher anzuschauen sowie die Haltung und das Verhalten des Propheten in Verbindung mit dem Vertrag von Hudaibiya oder nach der Öffnung von Makkah. Es gibt noch viele andere Aspekte seines Lebens zu ergründen.
Hier aber auch ein warnendes Wort. Der Prophet Muhammad ist ein menschliches Beispiel, mit dem wir uns auseinandersetzen sollen. Ihn zu idealisieren, wie es oft in der muslimischen Gemeinschaft geschieht, hilft uns nicht, ihm näherzukommen, sondern würde ihn nur auf eine Weise entmenschlichen, die eine fast ebenso starke Barriere bildet wie wenn er dämonisiert wird. Stattdessen sollten wir versuchen, seine komplexe Persönlichkeit zu verstehen, und ihren Eindruck auf unser Leben in der modernen Gesellschaft erforschen. Wir entdecken vielleicht, daß eine weitere Möglichkeit, dem Beispiel des Propheten zu folgen, darin bestehen kann, daß wir seine große Liebe zu Gott, unseren Mitmenschen und der ganzen Schöpfung teilen
Zu euch ist doch ein Gesandter aus eurer eigenen Mitte gekommen. Schmerzlich ist es ihm, daß ihr in Unheil geraten könntet. Er ist um euer Wohlergehen besorgt. Er ist mitfühlend und barmherzig zu den Gläubigen. Wenn sie sich aber abwenden, dann sage, "Gott ist meine Genüge. Es gibt keinen Gott außer Ihm. Auf Ihn vertraue ich, und Er ist der Meister des großartigen Thrones. (Surah 9:128-129)

(c) Halima Krausen, 2007