

| Es ist Gott, der die Winde aussendet, daß sie die Wolken steigen lassen. Dann treiben Wir sie über ein totes Land und beleben mit (ihrem Wasser) die Erde nach ihrem Tod. So ist die Auferstehung. (Surah 35:9) |
Jedes Jahr geschieht das Wunder: die Erde, die nach dem langen dunklen Winter tot schien, grünt mit Gras und Kräutern, Bäume blühen, Blumen erscheinen in verschiedenen Farben, die Vögel fangen an zu singen. Im Wald kommen die Tiere aus dem Winterschlaf. Nach dem langen dunklen Winter gibt es nun Licht, Leben und neue Hoffnung.
Während die Jahreszeit nicht unbedingt dieselbe sein muß, kann diese Veränderung in der Wüste noch dramatischer sein. Allem Anschein nach gibt es da nichts als Felsgestein und Sand, tote Erde, wo nichts zu wachsen und nichts sich zu regen scheint. Sie erscheint unfruchtbar und hoffnungslos. Aber dann regnet es, und innerhalb weniger Stunden ist da eine grüne Landschaft, lebendig mit allerlei Insekten und Tieren .
Was auch immer der geographische oder jahreszeitliche Hintergrund für diese Erfahrung sein mag, die Menschen können ihre Augen und Ohren nicht vor diesen Wundern verschließen. Sie kommen heraus und feiern.
Der Qur'an weist wiederholt auf diese Phasen von Tod und Leben in der Natur als Zeichen des Schöpfers hin und zeigt auf, daß der Tod nicht das letzte Wort hat, weder in der Natur noch in der Erfahrung der Zyklen innerhalb eines Menschenlebens. Der Frühling ist daher ein Anlaß, über verschiedene Aspekte der Wiederbelebung nachzudenken, die in unterschiedlicher Weise in verschiedenen religiösen Traditionen zum Ausdruck kommen. Dies wird auch mit der Auferstehung nach dem Ende unseres Leben auf der Erde assoziiert.
In mehreren alten Traditionen empfand man die Wiederbelebung der Natur im Frühling als einen neuen Anfang. Deswegen wurde im Frühling Neujahr gefeiert, gewöhnlich mit Symbolen des neuen Lebens wie grünen Kräutern und Blumen sowie Fruchtbarkeitssymbolen wie Eiern oder Fischen. Ein Beispiel ist Nawruz, das in einer Anzahl von Ländern des Nahen Ostens zur Frühjahrs-Tagundnachtgleiche gefeiert wird und in gewissem Maße in die muslimische Tradition aufgenommen wurde, aber auch Anlässe wie Karneval, der auf ägyptische und römische Fruchtbarkeitskulte zurückgeführt wird, oder es gibt Traditionen, in denen der Winter "aus dem Land getrieben" wird. In den letzteren beiden Fällen liegt eine starke Betonung auf Spaß und Vergnügen, und sie haben einen Ruf dafür, sich nicht immer in den vernünftigen Grenzen zu bewegen, in denen sich die meisten Muslime wohlfühlen würden. Auf einer eher praktischen Ebene ist dies die Zeit, wenn die Gartenarbeit wieder aufgenommen wird: wir pflegen die Planzen, die wir wachsen lassen, Blumen und Gemüse, und wir ziehen das Unkraut heraus. Niemand würde den Gartenbau aufgeben, weil es Unkraut gibt. Ähnlicherweise wäre es höchst unnatürlich, die Freude des Frühlings zu ignorieren, nur weil es da Übertreibungen geben könnte. Selbst für Muslime, die in den Betonwüsten moderner Großstädte leben, dürfte es sich lohnen, das wiedererstehende Licht und Leben in der Natur wahrzunehmen und Wege zu finden, ihre Freude und Dankbarkeit auszudrücken.
In der christlichen Tradition ist der Frühling mit Ostern assoziiert. Jenseits des Anscheins von Eiern und Osterhasen, die eigentlich aus vorchristlichen Traditionen aufgenommen wurden, liegt das Hauptaugenmerk auf dem Glauben an den Tod und die Auferstehung Jesu. Dies ist zugegebenermaßen etwas speziell Christliches, das von niemandem sonst geteilt wird. Aber die Vorstellung von einer Auferstehung nach dem Tod ist einer Anzahl von religiösen Traditionen gemeinsam. Die Idee der menschlichen Verantwortung wird in Bildern von einem Tag des Gerichts ausgedrückt, wenn wir für unsere Handlungen in der Welt zur Rechenschaft gezogen werden und ihre Früchte ernten: die häßlichen, bitteren Früchte schlechter Handlungen oder die süßen, lieblichen Früchte guter Handlungen wie die Trauben und Granatäpfel der Liebe, Freundschaft und Gemeinschaft. Der Begriff eines Lebens nach dem Tod ist manchmal in dem Sinne mißverstanden worden, als sollte das Leben in dieser Welt zugunsten eines "Jenseits" mißachtet werden, aber tatsächlich ist unser gegenwärtiges Leben der Grund, auf dem die Früchte für die Zukunft wachsen. Einige unserer Weisen und Mystiker haben darum ein System der täglichen Auswertung gelehrt, die ein bißchen an Gartenarbeit erinnert: schlechte Handlungen sind Unkraut, das unter Kontrolle zu halten ist, und gute Handlungen sind nützliche Pflanzen, für die wir sorgen sollen und über die wir froh sein dürfen.
In der jüdischen Tradition ist der Frühling mit Pesach assoziiert, wenn man sich an den Auszug der Kinder Israel aus Ägypten erinnert. Diese Erfahrung der Befreiung und gemeinschaftlichen Wiederbelebung wird wiederholt im Qur'an erwähnt, wo die Kinder Israel besonders angeregt werden, sich an Gottes liebevolle Fürsorge für sie zu erinnern. Aber die Erinnerung ist auch an die Muslime gerichtet, die Vettern und Kusinen der Kinder Israel sozusagen, für die es sich ebenso lohnt, sich zu erinnern und Gottes Hilfe beim Zustandekommen einer gesellschaftlichen und kulturellen Auferstehung wahrzunehmen. Ähnliches haben muslimische Völker im Laufe der Geschichte wiederholt muslimische Völker erlebt. Tatsächlich erlebt die muslimische Gemeinschaft als Ganze gegenwärtig eine solche Wiederbelebung nach dem langen dunklen Winter der Kolonialzeit. Im Arabischen enthält das Wort bara'ah sowohl ein Element von Befreiung als auch von Schöpfung. Es ist ein neuer Frühling: Neue Pflanzen fangen an, im Garten der muslimischen Gemeinschaft weltweit zu wachsen. Es ist Zeit, in diesem Garten zu arbeiten: das Unkraut von Unvernunft, Fanatismus und Extremismus unter Kontrolle zu halten und die zarten Planzen vernünftiger Verantwortlichkeit, spiritueller Schönheit und liebevoller Zusammenarbeit mit anderen zu pflegen, daß sie die Früchte von Gerechtigkeit, Freundlichkeit und Frieden in der Welt hervorbringen.
Der Faden, der alle drei Aspekte zusammenbindet, ist die spirituelle Auferstehung. Das Bild des Regenwassers und der "toten Erde" bezieht sich auch darauf, daß Segen und Offenbarung auf Herz und Geist niedersteigen, die sonst unfruchtbar wären, und Visionen und geistige Kraft daraus wachsen lassen. Wir wollen beten, daß dieser Regen unser Herz und unseren Geist belebt und uns neue Einsichten gibt und die Kraft für alle "Gartenarbeit", die zu tun ist.
Lachender Frühling, gekommen bist du vom nicht-Ort hierher
Ähnelst ein wenig dem Freunde - sahst du vom Freunde noch mehr?
Lächelnd und frischen Gesichtes, moschusduftend und grün -
Kauftest die Farbe vom Freund du, oder bist du wie er?
Jahreszeit, hold wie die Seele, und auch verborgen dem Blick,
Unerkennbar im Wesen, sichtbar im Werke hehr!
Rose, was willst du nicht lächeln? Bist von der Trennung erlöst!
Wolke, was willst du nicht weinen? Trenntest vom Freunde dich schwer!
Rose, nun schmücke den Garten, lächele offen im Hag,
Warst doch sechs Monde verborgen unter der Dornen Wehr!
Garten, die Neuangekomm'nen, pflege recht freundlich sie -
Kunde brachte der Donner von ihrer Wiederkehr.
Wind, nun rühre die Zweige, daß sie beginnen den Tanz,
Denke, daß einmal du wehtest über die Einigung her!
Siehe auf jene Bäume, wie eine glückliche Schar.
Froh sind sie - Veilchen, was krümmst du dich noch voll Kummer so sehr?
Sprach doch die Lilie zur Knospe: "Ob du dein Auge auch schließt -
Einstmals wird es geöffnet, wächst doch dein Glück mehr und mehr!"
Die Meditation ist ein Gedicht von Mawlana Jalaluddin Rumi, deutsche Übersetzung von Annemarie Schimmel.

(c) Halima Krausen, 2007