

| Und Wir legen dem Menschen für seine Eltern ans Herz - seine Mutter trug ihn in Schmerzen über Schmerzen, und er brauchte zwei Jahre, entwöhnt zu werden: sei Mir und deinen Eltern dankbar. Zu Mir ist die Heimkehr. Und wenn sie sich darum bemühen, daß du Mir das beigesellst, wovon du keine Kenntnis hast, dann folge ihnen nicht, sondern leiste ihnen Gesellschaft in der Welt auf gute Weise und folge dem Weg dessen, der sich Mir zuwendet. Dann werdet ihr zu Mir zurückgebracht, und Ich werde euch aufklären über das, was ihr getan habt. (Surah 31:16-17) |
In mehreren Ländern der westlichen Welt ist der zweite Sonntag im Mai zum Muttertag erklärt worden. In einigen anderen Ländern, auch muslimischen, sind andere Daten im Frühling gegeben. Aber die Idee ist dieselbe. Sie entstand ursprünglich in Amerika Anfang des 20. Jahrhunderts, als Anna Jarvis vorschlug, einen Tag festzusetzen, um besonders die Mutter zu ehren, und sie breitete sich schnell überall in der Welt aus, wo Menschen das Gefühl hatten, sie sei sinnvoll (obgleich sie nicht immer aus völlig uneigennützigen Gründen aufgenommen wurde).
Ich erinnere mich an meine Kinderzeit, wie meine Brüder und ich stolz an dem Sonntagmorgen früh aufstanden, selbst unsere Betten machten, den Frühstückstisch deckten, Blumen und Geschenke bereitlegten, Gedichte zu diesem Anlaß probten, die wir auswendiggelernt hatten, und Mutter für die "große Überraschung" weckten. Die Begeisterung ließ gewöhnlich beim Abwaschen nach dem Mittagessen nach, aber die Absicht, Mutter einen "freien Tag" zu ermöglichen, war klar vorhanden, auch wenn wir das Gefühl hatten, Mutters Reaktion hätte wertschätzender und ermutigender sein können als ihre lakonische Bemerkung: "Ich wünschte, ihr wäret das ganze Jahr über so."
An diesem Punkt hatte sie natürlich recht. Die religiöse Verpflichtung, die Eltern zu ehren, wird nicht dadurch erfüllt, daß man für sie einen "besonderen Tag" organisiert, sondern ist vielmehr eine alltägliche Verpflichtung. Man kann Einzelheiten in diversen Büchern über "Huqû:q al-Wâlidayn", "Die Rechte der Eltern", in einer Anzahl von Sprachen an jedem Bücherstand in der muslimischen Welt finden, komplett mit Zitaten aus dem Qur'an und der Überlieferung. Schließlich steht, wie viele Gelehrte immer wieder betonen, das Gebot, die Eltern zu ehren, oft unmittelbar nach dem Gebot, Gott zu dienen - nicht nur im Qur'an, sondern auch in früheren heiligen Schriften: nach dem Schöpfer haben unsere Eltern, besonders unsere Mütter, eine Schlüsselrolle dabei gespielt, daß wir überhaupt in dieser Welt existieren, und durch ihre sorgfältige Erziehung auch bei dem, was wir jetzt sind. Sei Gott und deinen Eltern dankbar! Wir werden auch oft an die Aussage des Propheten erinnert: "Das Paradies liegt zu Füßen der Mütter."
Es gibt allerdings auch eine Kehrseite der Medaille, die man von verschiedenen Gesichtspunkten her betrachten kann.
Eltern sind Menschen. Dies klingt zu selbstverständlich, um erwähnt zu werden, und doch ist es manchmal wichtig, es im Gedächtnis zu behalten, vor allem, da sie sehr kleinen Kindern als Wesen erscheinen, von denen alles Leben abhängt, die allem Anschein nach alles wissen und tun können. In der Tat werden unsere allerersten Vorstellungen von Barmherzigkeit, Weisheit und Gerechtigkeit von diesen machtvollen Eindrücken geprägt, noch lange bevor wir verstehen, daß sie Wiederspiegelungen göttlicher Attribute sind. Um so mehr berührt es ein Kind, wenn die Eltern nicht glücklich sind: dies kann Gefühle der Hilflosigkeit und Schuld auslösen. Aber da Eltern Menschen sind, kann es Zeiten geben, in denen sie sich selbst aus ihren ganz eigenen Gründen hilflos fühlen, beispielsweise wenn sie ernsthaften wirtschaftlichen oder sozialen Herausforderungen ausgesetzt sind, während die Entwicklung ihrer Kinder sie mit Fragen konfrontiert, die zu stellen sie selbst nie die Möglichkeit hatten. Aus Angst um ihre Kinder versuchen dann einige Eltern, sie innerhalb ihrer eigenen gewohnten Grenzen zu halten, indem sie auf die religiöse Verpflichtung hinweisen, an die Dankbarkeit appellieren und alles verbieten, was ihr Mißtrauen erregt. Manchmal läßt dies nur wenig Bewegungsspielraum, besonders für Töchter. Eltern sind Menschen, aber Kinder auch. Sie brauchen gute Werte, von denen sie geleitet werden, und Vertrauen und Zuversicht, um das Potential zu entfalten, das ihr Schöpfer ihnen gegeben hat. Wir sollten bedenken, daß das arabische Wort haqq, Plural huqû:q, sowohl Rechte als auch Pflichten bezeichnet. "Huqû:q al-Wâlidayn" bedeutet sowohl "Rechte der Eltern" als auch "Pflichten der Eltern". Kinder haben sehr wohl die Pflicht, ihre Eltern zu respektieren und für sie zu sorgen, wenn sie alt sind, aber gleichermaßen ist es die Pflicht der Eltern, ihre Kinder zu ernähren und zu kleiden und sie in der besten und liebevollsten Weise großzuziehen, besonders Töchter, die die Mütter von morgen sein werden.
Ein anderer Aspekt ist die Rolle einer Mutter. Wir finden oft eine starke Betonung der biologischen Rolle. Schwangerschaft, Geburt und die Pflege eines Säuglings ist sicherlich Teil eines großen Wunders in der Schöpfung und erfordert eine Menge Energie und Disziplin. Aber den Wert und das Selbstwertgefühl einer Frau davon abhängig zu machen, wie viele Kinder sie hat, oder auf Frauen herabzuschauen, die keine haben, ist ungerecht und grausam.
Das arabische Wort umm, Mutter, umfaßt mehr als Biologie. Es ist von dem Verb amma, voranschreiten, führen, ein Beispiel geben, abgeleitet und bedeutet auch Quelle, Ursprung, Wesen, Matrix und Original und wird oft im übertragenen Sinne benutzt. So wird Surat al-Fâtiha, die erste Surah, auch als Umm al-Qur'an bezeichnet, wörtlich "Mutter des Qur'an", denn sie enthält das Wesen des Qur'an.
Der Qur'an selbst benutzt den Begriff "Mütter der Gläubigen" für die Ehefrauen des Propheten Muhammad. Dies geschieht nicht, um ihre biologische Rolle zu beschreiben: tatsächlich hatten nur zwei von ihnen Kinder mit dem Propheten. Auch benutzt ein ansonsten kurz gefaßtes Buch wie der Qur'an solche Begriffe nicht aus bloßer Höflichkeit. Vielmehr war die Stellung dieser Frauen wie die von Müttern der Gemeinschaft: sie lehrten, waren Leitbilder, berieten, sorgten für die Armen und Unterprivilegierten. Khadî:ja führte nach dem Tod ihrer ersten beiden Ehemänner trotz der Hindernisse, denen Frauen in jener Zeit gegenüberstanden, ihr eigenes Geschäft weiter; ihre spirituelle Reife ermöglichte ihr, die Erfahrung des Propheten zu erkennen und ihm die Unterstützung zukommen zu lassen, die er brauchte, vor allem in der Zeit der Verfolgung. Â'isha, die einzige Frau, die nicht zuvor verheiratet gewesen war und oft Zielscheibe unangebrachter Spekulationen wurde, war eine der wichtigsten Gelehrten und eine anerkannte Autorität in rechtlichen und theologischen Fragen. Hafsa war eine weitere wichtige Lehrerin der Gemeinschaft. Zaynab war für ihr Engagement für die Unterprivilegierten bekannt und hatte den Beinamen "Mutter der Armen". Umm Salama wanderte mit ihrer Familie in der Zeit der Verfolgung nach Abessinien aus und später nach Madinah; nachdem ihr Mann in einem Krieg gefallen war, fanden sie und ihre Kinder ein neues Heim beim Propheten, wo sie eine Gelehrte und eine Beraterin für ihn wurde. Umm Habî:ba war eine weitere Frau, die nach Abessinien auswanderte, wo ihr Mann sie und ihre kleine Tochter verließ; sie heiratete den Propheten und wurde eine weitere wichtige Lehrerin.
Diese und andere Frauen, ob sie Kinder hatten oder nicht, waren Leitbilder für die Männer und Frauen der Gemeinschaft. Nicht zum Kopieren oder Nachahmen - das wäre etwas, das nur sehr kleine Kinder tun, und abgesehen davon leben wir in völlig anderen Zeiten - aber als inspirierende und ermutigende Beispiele für uns selbst und unsere Kinder. Wir können die Gelegenheit wahrnehmen, uns an sie zu erinnern und an alle anderen Frauen in der Weltgeschichte, die eine mütterliche Rolle hatten als Leitbilder von Glauben und Vertrauen, die die Welt verändern können.
Gott, ich rufe Dich an in der Öffentlichkeit, wie man einen Meister anruft, und ich rufe Dich an in der Einsamkeit, wie man einen Geliebten anruft. In der Öffentlichkeit sage ich: "Mein Gott!", und in der Einsamkeit sage ich: "Mein Freund!" Ich lege Zeugnis ab für Deine Herrschaft, indem ich bekenne, daß Du mein Meister bist und der Eine, zu dem ich zurückkehre. Deine Barmherzigkeit mir gegenüber begann, bevor ich auch nur erwähnt wurde: Du hast mich aus Erde erschaffen, dann hast Du mich in den Lenden ruhen lassen, dann hast Du mich in den Mutterleib gebracht. Du hast mich geformt und mit eine Wohnstätte in der Dunkelheit zwischen Fleisch und Blut gegeben und mich zu einem Menschen gemacht. Dann hast Du mich hinaus in die Welt gebracht, vollständig an Körper und Gesundheit, und hast mich in der Wiege als winziges Kindchen beschütze und mit nahrhafter Milch ernährt. Du hast den Schoß meiner Mutter für mich bereitet und Liebe und Zärtlichkeit zu mir in ihrem Herzen wachsen lassen. Du hast mich aufgezogen und in schönster Weise geleitet. Du hast mich vor bösen Mächten und schlechten Menschen beschützt. Du hast mich vor einem Übermaß an meinem Körper bewahrt, das mir hätte schaden können, und vor einem Mangel, der mich beschämen könnte. Geheiligt und verherrlicht bist Du, mein Schöpfer und Erhalter, Barmherzigster - selbst wenn ich alle Worte erschöpfen würde, wäre ich nicht in der Lage, Deine wunderbare Freundlichkeit zu loben.
Die Anrufung wurde von dem Mystiker Dhun-Nun Misri überliefert.

(c) Halima Krausen, 2007