

| Sprich: Kommt, ich will euch vortragen, was euch euer Schöpfer und Erhalter zur geheiligten Norm gemacht hat: daß ihr Ihm nichts zur Seite stellt; und daß ihr den Eltern Güte erweist; und daß ihr nicht aus Armut eure Kinder tötet - Wir versorgen doch euch und sie; und daß ihr euch nicht schändlichen Handlungen nähert, weder offen noch insgeheim; und daß ihr nicht das Leben tötet, das Gott für heilig erklärt hat, es sei denn Recht und Gerechtigkeit entsprechend - dies ist es, was Er euch zum Vermächtnis macht, damit ihr begreift - und daß ihr dem Eigentum der Waise nicht nahekommt, es sei denn, um es zu verbessern, bis sie die Reife erreicht, und Maß und Gewicht in Gerechtigkeit erfüllt - Wir belasten keine Seele über ihr Vermögen - und wenn ihr sprecht, daß ihr gerecht seid, selbst wenn es einen nahen Verwandten betrifft, und Gottes Bund erfüllt. Dies ist es, was Er euch zum Vermächtnis macht, damit ihr erinnert werdet. Und dies ist Mein Weg, der gerade, darum folgt ihm, und folgt nicht den (anderen) Pfaden, denn sie würden euch weitab von Seinem Pfad verstreuen. Dies ist es, was Er euch zum Vermächtnis macht, damit ihr achtsam in Seiner Gegenwart werdet. (Surah 6:151-153) |
Unter den Fragen die dieser Tage häufig diskutiert werden, ist die Beziehung zwischen Religion und den Menschenrechten. Sie kommt manchmal eher als eine Herausforderung als eine Frage, sogar als Anschuldigung, die so klingt, als ob Religion und Menschenrechte unvereinbare Konzepte wären. Nun, religiöse Motive sind oft für die Verfolgung, Unterdrückung und Ausbeutung anderer angeführt worden. Furchtbare Verbrechen sind im Namen der Religion begangen worden. Religiöse Institutionen haben oft ungerechte Herrscher oder Systeme unterstützt oder zumindest passiv toleriert. In der Tat zielte die Menschenrechtserklärung als Produkt der europäischen Aufklärung darauf ab, die Rechte der Einzelnen gegen den Mißbrauch religiöser und politischer Macht zu definieren und zu schützen.
Andererseits liegen gerade die Wurzeln von humanistischen Werten und Menschenrechten in religiösen Lehren. Ethisches Verhalten und Mitgefühl mit den Mitmenschen ist Kernstück der Weisheit in östlichen Religionen wie Hinduismus und Buddhismus. In den Religionen der Abrahamitischen Tradition, die auf ethischem Monotheismus beruhen, sind die Ähnlichkeiten, wie sie in den heiligen Schriften zum Ausdruck kommen, offensichtlich. Ich würde sogar von einem Menschheitskonsens bezüglich ethischer Grundwerte sprechen, ungeachtet theologischer Konzepte von Offenbarung und einem Leben nach dem Tod. Jede Religion verurteilt Handlungen wie Mord, Diebstahl, Betrug, die Zerstörung des Familienlebens und alles andere, das anderen Menschen Schaden zufügt, und sie fördern Ehrlichkeit, Großzügigkeit, Respekt, Güte und andere Haltungen, die dazu beitragen, eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen und Gerechtigkeit und Frieden in der Gesellschaft anstreben. Der Abschnitt aus dem Qur'an, der eingangs zitiert wurde, ist nur ein Beispiel dafür, wie ethische Grundwerte im Islam ausgedrückt werden. Darüberhinaus weisen Muslime immer wieder darauf hin, daß nach einer Aussage des Prophet Muhammad jeder Mensch ein positives Recht auf genügend Nahrung, würdige Kleidung und ein Heim hat, für das die Gemeinschaft Sorge zu tragen hat, und daß Vertreter muslimischer Länder an der Diskussion der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen teilgenommen haben.
Aber abgesehen davon hat Religion, einschließlich des Islam, gewöhnlich nicht ihr Hauptaugenmerk auf "Rechten", sondern vielmehr auf Pflichten und Verboten. Der Qur'an weist uns an, dem Einen Gott, der uns erschaffen hat und dem gegenüber wir verantwortlich sind, nichts zur Seite zu stellen. Er lehrt uns Respekt und Güte gegenüber den Eltern. Er ermahnt uns, unsere Kinder nicht zu töten, sondern für sie zu sorgen und ihnen eine Erziehung zu geben, die ihnen ermöglicht, ihre Anlagen zu entfalten und auf eine Weise einzusetzen, die ihnen selbst und ihren Mitmenschen zum Nutzen ist. Er warnt uns davor, uns schändlichen Taten und Treulosigkeit in unserer Familie und unserer Gesellschaft zu nähern. Er erklärt Menschenleben heilig und verbietet das Töten, es sei denn in der Notlage der Selbstverteidigung oder innerhalb eines sehr engen Rahmens der staatlichen Gesetzgebung. Über das Stehlen hinaus weist er uns an, schwächere Mitglieder der Gesellschaft wie Waisen und andere, die auf unsere Hilfe angewiesen sind, nicht zu übervorteilen oder auszunutzen. Er gebietet uns vielmehr, in wirtschaftlichen Angelegenheiten korrekt zu sein, Verträge zu erfüllen und Vereinbarungen einzuhalten. Er besteht auf Gerechtigkeit, selbst wenn es gegen uns selbst geht oder gegen Angehörige und Nahestehende, und warnt uns vor Gefühlen der Sympathie oder der Feindseligkeit, die unsere Fähigkeit, gerecht zu sein, beeinträchtigen könnten. Er erinnert uns an unsere Verpflichtung, jedes Bündnis zu halten, das wir in Gottes Namen abgeschlossen haben, und vor allem unseren Bund mit Gott.
Wo haben also die Menschenrechte ihren Platz?
Im qur'anischen Sprachgebrauch hat das arabische Wort haqq eine Reihe von Bedeutungen. Eine davon ist Wahrheit: einer von Gottes neunundneunzig Schönsten Namen ist al-Haqq, die Wahrheit. Aber es wird auch im Zusammenhang mit Recht und Gerechtigkeit benutzt: was jemandem wahrhaftig zusteht, als Recht oder als Pflicht. Demnach wäre haqqun li "mein Recht" - wie in dem Gebot, "den Verwandten und den Armen und den Fremden ihr Recht" zu geben - und haqqun 'alayya wäre "meine Pflicht". Im Qur'anarabisch würde daher der modern Begriff huqû:q al insân für Menschenrechte automatisch das Konzept von Menschenpflichten mit einschließen. Mein Recht ist verbunden mit der Pflicht einer anderen Person; das Recht einer anderen Person kann bedeuten, daß ich verpflichtet bin, im Rahmen meiner Fähigkeiten etwas dafür zu tun. Auf diesem Austausch bauen Familie und Gesellschaft auf, und die Idee, die Lehren der religiösen Ethik zugrundeliegt, ist die, daß, wenn alle ihre Verpflichtungen erfüllen, jeder zu seinem Recht kommt. Je wohlhabender und stärker man ist, um so größer wird die Verpflichtung, die Rechte der schwächeren Mitglieder der Gesellschaft zu gewährleisten. Wenn wir von Rechten sprechen, dann geht es immer um die Rechte der anderen. Dies gilt besonders für Menschen, die politische Macht ausüben: sie dürfen sich nicht hinter der Institution verstecken, die sie vertreten. Prophetische Botschaften sind kritisch gegenüber denjenigen, die die Rechte schwächerer Mitmenschen außer Acht lassen. Deshalb wird auf Pharao als Prototyp des Herrschers hingewiesen, der von seiner Macht um seiner selbst willen Gebrauch macht. Nach dem Qur'an hat sogar Gott "sich selbst Barmherzigkeit vorgeschrieben", und "es ist Seine Pflicht, gläubigen Menschen beizustehen."
Wenn ich der häufig gestellten Frage gegenüberstehe: "Was ist es in einer Religion, das Konflikte und Aggression verstärkt?" oder: "Was ist es in einer Religion, das Frieden und Verständigung fördert?", dann würde ich sagen, daß es hier nicht darum geht, eine Auswahl zu treffen. Dieselben religiös-ethischen Prinzipien sind sowohl für Unterdrückung als auch für Befreiung benutzt worden, für Verbrechen und für Heilung, für Krieg und für Frieden. Dasselbe gilt für humanistische Prinzipien und die "Werte der Aufklärung". Die Prinzipien an sich - oder eine Auswahl davon - garantieren keinen Erfolg. Viele Bewegungen, ob religiös oder nicht, haben diesbezüglich mit einer Menge Idealismus angefangen und eine soziale und spirituelle Revolution hervorgebracht, nur um dann von gedankenlosen Gewohnheiten oder dem Stolz auf die Errungenschaft oder eigennützigen Interessen überholt zu werden.
Ich glaube nicht, daß es darum geht, was in einer Religion gute oder böse Ergebnisse hervorbringt. Ich denke vielmehr, daß es auf die Perspektive ankommt. Religion kann als etwas betrachtet werden, das gesellschaftliche Strukturen stabilisiert, einschließlich der Machtstrukturen - wenn sich die Mächtigen dann nicht für die Pflichten verantwortlich fühlen, die damit einhergehen, kann sie bald zu einem Mittel zur Unterdrückung werden und keinen Platz für "Menschenrechte" lassen. Sie kann als ein Satz von Glaubensvorstellungen und Regeln aufgefaßt werden, die "uns" ein Identitätsgefühl geben und die Geborgenheit "unserer" Gemeinschaft gewährleisten - möglicherweise gegen unsere eigene Unsicherheit und die tatsächliche oder vermeintliche Bedrohung durch "die Anderen", wobei "Menschenrechte" unsere Rechte sind, die wir in Anspruch nehmen wollen. Sie kann als Gottes Leitung verstanden werden, die uns dazu erzieht, uns in Glauben und Vertrauen zu verwurzeln und allmählich zu lernen, über unseren eigenen Tellerrand hinauszuschauen, um das Gefüge der Welt und unseren Platz darin wahrzunehmen - indem wir unsere menschliche Verantwortung teilen und unsere Rechte genießen.
Die göttliche Perspektive ist das Wohlergehen aller Geschöpfe Gottes.
Gefährte der Fremden; Freund der Einsamen; Zuflucht der Ausgestoßenen; Unterschlupf der Verfolgten; Schutz der Suchenden; Du, der Mitgefühl mit den Alten und Erschöpften hat; Du, der das winzige Baby versorgt; Du, der die Zerbrochenen heilt; Befreier der Gefangenen; Bereicherer der Armen; Beschützer der erschreckten Flüchtlinge ... Helfer derer, die keine Hilfe haben; Bürge derer, die keine Sicherheit haben; Reichtum derer, die keinen Reichtum haben; Stärke derer, die keine Kraft haben; Zuflucht derer, die keine Zuflucht haben; Schatz derer, die keinen Schatz haben; Beistand derer, die keinen Beistand haben; Nächster derer, die keinen Nächsten haben ... befreie uns von bedrückenden Fesseln; nimm Kummer, Leid und Trauer von uns; schütze uns von allem Übel, das wir nicht ertragen können, und hilf uns bei dem, das zu tun unsere Kraft nicht reicht.
Die Anrufung ist Teil des Du'a Khidhr, das von Ali b. Ibn Talib überliefert wurde.

(c) Halima Krausen, 2007