Gedanken zum Freitag 34

Ein Muslim hat keine Angst ...


Wir stellen dir etwas von der Geschichte von Mose und Pharaoh vor, der Wahrheit entsprechend, für Leute, die glauben. Pharaoh verhielt sich überheblich im Land und spaltete seine Bevölkerung in Parteien, wobei er einen Teil von ihnen schwach hielt, indem er ihre Söhne tötete und ihre Frauen leben ließ. Er war einer der Unheilstifter. Und Wir wollten denen, die im Land schwach gehalten wurden, Gunst erweisen und sie zu Leitbildern machen und zu Erben einsetzen und sie im Land ansiedeln und Pharaoh und Haman und ihren Heerscharen durch sie das zeigen, wogegen sie sich abzusichern versuchten. (Surah 28:3-6)

Muslime haben keine Angst - oder?

Angst ist eine natürliche Reaktion, die bei Tieren und Menschen mit dem Selbsterhaltungstrieb verbunden ist. Wenn man etwa wahrnimmt, das gefährlich erscheint, gibt es einen Reflex, eine abschreckende Haltung einzunehmen, wegzulaufen und sich zu verstecken, oder bereit zu sein, sich zu verteidigen. Es ist auch natürlich, Vorsichtsmaßnahmen gegen Gefahren zu ergreifen - schließlich haben sogar Rosen ihre Dornen - und für Menschen, die nicht mehr in derselben Weise wie Tiere ihren Instinkten folgen, ist es eine Sache der Weisheit, bewußt angemessene Maßnahmen zu ergreifen, um sich selbst, ihre Gemeinschaft und ihre Ressourcen zu schützen.

Die Sache hat allerdings einen Haken. Menschliche Reaktionen sind nicht einfach mehr natürliche Reflexe, und die menschliche Phantasie kann Szenarien aller Art schaffen einschließlich vermeintlicher Gefahren und Bedrohungen. Die Folge davon ist dann oft, daß sich die Unterschiede zwischen wirklichen und vermeintlichen Gefahren verwirren - mit katastrophalen Ergebnissen. Es gibt interessante Verbindungen zwischen Angst und Aggression, übermäßigen Vorsichtsmaßnahmen und sogar Tyrannei. Sicherheit wird oft als etwas empfunden, was von der eigenen Macht abhängt, alle möglichen Gefahren zu kontrollieren, indem man entweder in der Lage ist, sie zu überwinden, oder Schutzbarrieren aufbaut. Aber die Angst lauert vielleicht immer noch im Hintergrund: Menschen sind einfach nicht fähig, alles zu kontrollieren. Da kann tatsächlich ein Teufelskreis entstehen: aus Angst entsteht ein Wunsch nach Macht, um Gefahren bewältigen zu können; darauf folgt die Angst, gerade diese Macht zu verlieren; das wiederum führt zu zusätzlichen Vorsichtsmaßnahmen und aggressiver Selbstbestätigung, während gleichzeitig, manchmal unbewußt, die Angst davor bestehenbleibt, die eigenen Grenzen zu übertreten.

Von dieser Art von Angst ist eine Menge in der heutigen Gesellschaft vorhanden. Menschen sind fähig geworden, starke Naturkräfte zu bändigen, selbst Atomenergie - im Guten und im Bösen. Die Geheimnisse des Lebens wurden soweit erforscht, daß sich Möglichkeiten aufgetan haben, Krankheiten auf eine Weise zu heilen, die vor ein paar Jahrzehnten noch unvorstellbar war, aber auch Möglichkeiten, pflanzliches, tierisches und menschliches Leben in verschiedener Weise zu beeinflussen. Jede menschliche Entdeckung, vom Feuer und der Steinaxt bis zur Raumfahrt und Informationstechnologie, leistet einen Beitrag sowohl zu den Hoffnungen als auch zu den Befürchtungen des Menschen, und zwar in zunehmendem Maße. Dementsprechend werden Vorsichtsmaßnahmen gegen den destruktiven Gebrauch dieses Potentials getroffen, und manchmal wird unter dem Mantel der Globalisierung der altertümliche Traum wiederbelebt, die Welt zu beherrschen (bzw. der Wunsch, den "Anderen" daran zu hindern, die Weltherrschaft zu erlangen), um Sicherheit zu garantieren. Angst wird verdrängt oder mit Größenwahn überkompensiert, mit einem Wunsch, sich selbst zu verewigen, auf eine Weise, die lebensfeindlich ist.

Von dieser Perspektive her wollen wir uns einmal Pharaoh anschauen, den sprichwörtlichen Tyrannen, wie er im Qur'an skizziert wird. Er wird als jemand beschrieben, der versucht, durch "Teilen und Herrschen" seine Position zu zementieren, indem er die Bevölkerung in Parteien spaltet, um sie gegeneinander auszuspielen. Eine spezifische Gruppe, die für den Fortlauf der Geschichte relevant ist, die Kinder Israel (wissen nichts von den anderen), wird "schwach gehalten", unterdrückt, versklavt. Nur daß Pharaoh die Situation völlig falsch eingeschätzt hat: diese Gruppe hat eine besondere Beziehung zu Gott, die zurückgeht auf ihre Vorfahren Abraham, Isaak und Jakob: der Bibel zufolge waren "die Kinder Israel fruchtbar und vermehrten sich ...". Alle Unterdrückung scheint das entgegengesetzte Ergebnis zu haben, bis Pharaoh dazu übergeht, ihre männlichen Neugeborenen zu töten. Was läßt ihn zu einem so grausamen Ungeheuer werden? Der große starke Pharaoh hat eine geheime Schwäche: er hat Angst davor, Macht und Einfluß zu verlieren, und fängt an, seine Angst mit abscheulichen Maßnahmen gegen das zu kompensieren, was er, in Politikersprache, als "demographische Bedrohung" empfindet.

In der eher demokratischen Umgebung, an die wir heutzutage gewöhnt sind, würden wir über konstruktive Möglichkeiten nachdenken, mit Veränderungen in der Bevölkerung eines Landes umzugehen; eine Bevölkerungsgruppe zu unterdrücken, zu vertreiben oder zu ermorden wäre empörend, nicht wahr? Nur daß es auch heute die Angst davor geben kann, die Kontrolle zu verlieren, unter dem Deckmantel der "Staatsraison". Möge Gott uns alle davor schützen!

Im Kontrast zu Pharaoh gibt es eine weitere Schlüsselfigur in der Geschichte: Mose, der von Gott to beauftragt wird, Pharaohs tödlichem Verhalten mit einer Botschaft des Lebens gegenüberzutreten. Wir wollen uns einmal einen Aspekt der Geschichte vom Brennenden Dornbusch im Qur'an anschauen. Zu Mose wird gesagt:

"Ich bin Gott, der Mächtige Freund, der Weise. Wirf deinen Stab hin." Aber als er sah, daß er sich bewegte, als wäre er eine Schlange, wandte er sich ab und floh und ging nicht zurück. (Ihm wurde gesagt:) "Mose, fürchte dich nicht. In Meiner Gegenwart brauchen die Gesandten keine Angst zu haben." (27:9-10)

Aber hoppla! Wird uns nicht immer wieder beigebracht, daß ein gläubiger Mensch keine Angst haben darf? Und nun erfahren wir plötzlich, daß Mose, ein Gesandter Gottes, Angst vor etwas bekommt, daß ihm als ein Werkzeug für die ihm bevorstehende Aufgabe vorgestellt wird! Was ist dann also der Unterschied zwischen ihm und Pharaoh?

Der Unterschied besteht darin, daß Mose seine Angst anerkennt. Er spürt, daß er Angst bekommt, und tut das, was am natürlichsten ist: er fängt an wegzulaufen. Erst wenn er erfährt, daß Gott mit ihm ist, überwindet er seine Angst. Er erinnert sich daran, daß Leben nicht statisch ist wie ein Stab, sondern beweglich, voller Veränderungen, wie eine Schlange. Seine Aufgab ist es, Veränderungen zu bewirken, Veränderungen zum Besseren. Im Vertrauen auf Gott ergreift er die Schlange und lernt, davon Gebrauch zu machen.

Die Lehre, ein gläubiger Mensch dürfe keine Angst haben, kann trügerisch sein. Gewöhnliche Angst ist einer der Instinkte, die unser Schöpfer uns zur Selbsterhaltung Mitgegeben hat. Wenn wir ihn verleugnen, kann er, verkleidet als etwas anderes, wieder in Erscheinung treten. Er kann sich in unsinnigen Fatalismus umkehren, der achtlos alles akzeptiert, was geschieht, oder er kann in der Verkleidung von Machtgier, Tyrannei oder der Dämonisierung anderer auftauchen - durchaus auch im Namen von Religion. Das wäre der Weg Pharaohs.

Moses Weg wäre es, trotz unserer Angst für das einzustehen, was recht ist, auf den Einen vertrauen zu lernen, der uns führt und leitet, und selbst Pharaoh als das zu erkennen, was er ist: ein anderer Mensch, der unter versteckter Angst und der Verblendung von Macht leidet. Möge Gott uns bei unserer Aufgabe beistehen.

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Sprich: Ich suche Zuflucht beim Herrn der Morgendämmerung vor dem Übel dessen, was Er erschaffen hat, und vor dem Übel der hereinbrechenden Nacht, wenn sie sich verbreitet, und vor dem Übel derer, die auf Knoten blasen (um destruktive unheimliche Mächte zu beschwören), und vor dem Übel des Neiders, wenn er neidisch ist. (Surah 113)

Sprich: Ich suche Zuflucht beim Herrn der Menschen, dem König der Menschen, dem Gott der Menschen, vor dem Übel des schleichenden Flüsterers, der in die Herzen der Menschen flüstert, von den verborgenen Kräften und den Menschen. (Surah 114)

(c) Halima Krausen, 2007