Gedanken zum Freitag 35

Reinigung zum Gebet


... Gott will nicht Schwierigkeiten für euch verursachen, sondern Er will euch reinigen und Seine Gnade an euch vervollständigen, damit ihr dankbar werdet. (Surah 5:6)

Die Reinigung zum Gebet ist bereits eine gottesdienstliche Handlung. Wir denken vielleicht kaum daran, wenn wir und schnell auf unsere täglichen Gebete vorbereiten, aber sie ist mit verschiedenen Aspekten des Lebens verbunden, wie sie in kleinen Anrufungen und Gedanken zum Ausdruck kommen, die uns vom Propheten Muhammad und einigen spirituellen Lehrern überliefert worden sind.

Wenn wir unsere Hände waschen, können wir um Vergebung für schlechte Handlungen bitten, um Schutz vor Mißerfolg und Schaden, und um Segen für legitime und gute Handlungen. Im Islam geht es um Glauben und gute Handlungen. Wir lernen, daß "Glaube Erkenntnis im Herzen, Bekenntnis mit der Zunge und Verwirklichung mit allen Fähigkeiten" ist. Dies bezieht sich auf zentrale ethische Prinzipien wie daß wir Gott nichts zur Seite setzen, freundlich zu den Eltern sind, nicht morden, stehlen oder Ehebruch begehen usw., die wir im Bewußtsein unserer menschlichen Verantwortung vor unserem Schöpfer mit anderen Religionen teilen. Es bezieht sich auch auf das rituelle Gebet, das Weitergeben eines Teils von unserem Eigentum an die Armen, das Fasten im Ramadan und die Pilgerfahrt nach Makkah, bei denen jeweils eine Dimension des Gottesdienstes und eine Dimension des sozialen Engagements zu Aktivitäten verbunden sind, die unser Gefühl der Identität und Zugehörigkeit stärken und zu unserer spirituellen Erziehung beitragen. Die Hände zu waschen ist eine Voraussetzung dazu, unsere Hände dazu benutzen zu können, andere Körperteile zu waschen. Hygiene und die Fähigkeit, zwischen richtigen und falschen Handlungen zu unterscheiden, gehören zu den ersten Lektionen, die ein Mensch in der frühen Kindheit lernt.

Wenn wir unseren Mund waschen, können wir sagen: "Gott, hilf mir, Deine Schrift vorzutragen und oft von Dir zu sprechen und Dir zu danken." "Klare Rede" wird als eine der großen Geschenke unseres Schöpfers betrachtet, und uns wird geraten, auf eine nützliche Weise davon Gebrauch zu machen, nicht nur, indem wir , sondern auch, indem wir Gutes sprechen oder schweigen. Um es zu vermeiden, andere zu verleumden, ein schweres Vergehen, das der Qur'an mit Kannibalismus vergleicht, oder zur Verbreitung von Mißtrauen und Vorurteilen beizutragen, sollten wir sorgfältig überlegen, bevor wir sprechen, und uns dazu erziehen, dem prophetischen Beispiel zu folgen, indem wir andere ermutigen und sie zu Geduld und Ausdauer anregen.

Wenn wir unsere Nase spülen, können wir sagen: "Gott, tröste mich mit dem Duft des Gartens, während Du mit mir zufrieden bist." Das arabische Wort Rauh, Duft, ist mit Rî:h, Wind, verwandt sowie mit Rû:h, Atem, Geist. Aber die Vorstellung von "Atem" ist auch mit Nafs verbunden, oft übersetzt mit Selbst und manchmal als "niedriges Selbst" bezeichnet. Wir lernen, uns selbst zu erforschen, denn "wer sich selbst erkennt, erkennt Gott." Unsere Gelehrten und Weisen haben daher Methoden für uns entwickelt, unseren Absichten auf den Grund zu gehen und unseren Charakter von Zorn, Haß, Gier, Geiz, Arroganz, Achtlosigkeit und anderen schädlichen Zügen zu reinigen.

Wenn wir unser Gesicht waschen, können wir sagen: "Gott, lasse mein Gesicht leuchten and dem Tag, an dem Du die Gesichter Deiner Freunde leuchten läßt." Das Gesicht ist der Spiegel der Seele. In einem qur'anischen Gebet sagt Abraham nach einer intensiven Suche nach Gott hinter den Naturphänomenen: "Ich habe mein Gesicht dem zugewandt, der Himmel und Erde erschaffen hat, und ich gehöre nicht zu den Götzendienern". Sich Gott zuwenden ist Tawba, oft übersetzt mit "Reue". Abraham verbrachte den Rest seines Lebens auf Reisen. In der muslimischen Tradition wird der spirituelle Weg einer Person oft von seinem Anfangspunkt aus beschrieben über Geduld, Dankbarkeit, Furcht und Hoffnung, Selbstkontrolle und Vertrauen bis zur Liebe. Aber wo ist Gott? Menschen suchen oft in der Ferne hoher Ideale, wobei sie sich von der Welt abwenden und sie sogar verteufeln. Aber Weltentsagung ist kein islamisches Ideal, und intellektuelle und kulturelle Askese kann sogar zu einem trockenen "bare bones Islam" führen, ohne menschliche Wärme oder spirituellen Tiefgang. Es ist wesentlich, aus den Quellen zu schöpfen, aber mit Sorgfalt und Weisheit. Der prophetische Weg wird darum beschrieben als eine "Reise mit Gott zur Schöpfung" und eine "Reise in der Schöpfung mit Gott".

Wenn wir unsere Unterarme waschen, können wir sagen: "Gott, gib mir die Aufzeichnung meiner Handlungen in meine rechte Hand und mache mir meine Abrechnung leicht." Hier geht es wieder um Handlungen, aber wir wollen sie uns einmal im Zusammenhang unserer Beziehung mit anderen anschauen: man kann seine Arme dazu benutzen, sie zu umarmen, auf Abstand zu halten oder sie mit den Ellenbogen wegzuschieben. Das ethische und rechtliche System des Islam behandelt zwischenmenschliche Beziehungen aller Art: in der Familie, zwischen Männern und Frauen in der Gesellschaft, unter Freunden, Nachbarn und Kollegen, zwischen Konkurrenten, Rivalen und Feinden, zwischen Angehörigen verschiedener Völker, Rassen und Religionsgemeinschaften. Die Idee von Gerechtigkeit ist die Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen verschiedenen Angehörigen der Gesellschaft. Ziel des Rechts ist es, Schritte in Richtung auf Gerechtigkeit und Frieden zu fördern, von einem Minimum an Fairness in einem Konflikt über Respekt und ersöhnung zu Verständigung und Harmonie. Vielleicht ist auch die Zeit gekommen, neue Fragen an die Sunnah zu stellen, um neue Perspektiven zum konstruktiven Zusammenleben mit "anderen" in einer zunehmend komplexen Welt zu gewinnen.

Wenn wir über unseren Kopf streichen, können wir sagen: "Gott, gib mir Schatten im Schatten Deines Thrones an dem Tag, an dem es keinen Schatten gibt als den Schatten Deines Thrones." Der Kopf ist der Sitz unserer Gedanken, und der Schatten hält unsere Köpfe kühl und unsere Gedanken vernünftig. Schließlich erwartet der Qur'an von uns, eine "Gemeinschaft der Mitte" zu werden, fern von Extremen und in der Lage, Schwankungen der "Waage der Gerechtigkeit" auszugleichen. Dies kann sicherlich nicht mit einer simplistischen Ideologie geschehen, die die Schattierungen und Farben einer komplexen Realität ignoriert, die der Qur'an wiederholt als Zeichen des Einen Schöpfers bezeichnet "für Leute, die begreifen". Es ist deshalb kein Luxus, wenn der Prophet sagte: "Wissen zu erwerben ist eine religiöse Pflicht für jeden Muslim, Mann und Frau." Aber in einer vielfarbigen Welt wie der unsrigen kann man Wissen nur in Zusammenarbeit und Dialog erwerben.

Wenn wir unsere Ohren waschen, können wir sagen: "Gott, laß mich zu denen gehören, die auf das Wort hören und dem besten davon folgen." Zum Dialog ist es notwendig, daß wir zuhören, lernen und bereit sind zu wachsten. Der Qur'an weist wiederholt darauf hin, daß Gottes Zeichen für Leute gedacht sind, die zuhören. Das bedeutet sicherlich nicht einfach nur, Töne aufzunehmen, sondern vielmehr nachzuforschen, nachzudenken und zu verstehen. Uns wird aufgetragen, nicht Vermutungen, Gerüchten oder Vorurteilen zu folgen, sondern zu hinterfragen, was wir hören, und sicherzugehen, daß wir Ungerechtigkeit anderen gegenüber vermeiden.

Das Streichen über den Nacken geschieht oft wie ein beiläufiger Nachtrag, aber uns wird nahegelegt zu sagen: "Ich suche Zuflucht bei Dir gegen Ketten und Fesseln," denn der Nacken ist mit der menschlichen Freiheit verbunden. Sklaven mußten ein Joch tragen, entweder buchstäblich oder im übertragenen Sinne, während Gott zu dienen Befreiung bedeutet. Deswegen haben Geschichten wie der Auszug der Kinder Israel aus Âgypten einen zentralen Stellenwert. Nach dem Qur'an ist Gott auf der Seite der Armen, Unterprivilegierten und Unterdrückten. In den vergangenen Jahrzehnten haben viele muslimische Bewegungen auf dieser Idee aufgebaut und für politische, wirtschaftliche und soziale Befreiung gearbeitet. Auf einer anderen Ebene haben unsere Mystiker Wege zur spirituellen Befreiung von den Diktaten des Ego gelehrt, das uns sonst zu Sklaven von Instinkten wie Gier, Zorn und Angst macht und zum Hindernis für Verständnis und Mitgefühl wird. Wir sollen uns dazu befreien, unserem Gewissen zu folgen, indem wir auf Gott vertrauen und eine Zukunft aufbauen, in der man den großen Reichtum menschlicher Kulturen genießen kann.

Wenn wir unsere Füße waschen, können wir sagen: "Gott, stärke meine Füße auf Deinem rechten Weg." Religion ist oft mit einem Weg verglichen worden. Es geht daher um sinnvolle Orientierung sowie um Geduld und Mut, um Schritt für Schritt voranzukommen in die Richtung der Liebe zu Gott und der Schöpfung. "Führe uns auf den rechten Weg," ist darum die zentrale Bitte in unseren Gebeten.

"Gott liebt diejenigen, die sich reinigen." Der Qur'an sagt nicht, "Gott liebt die Reinen," und wir werden davor gewarnt, uns selbst für rein zu erklären. Vielmehr wird uns gesagt: "Er will euch reinigen und Seine Gnade an euch vervollständigen, damit ihr dankbar werdet." Reinigung ist daher eine beständige Bemühung, nicht nur im Hinblick auf Hygiene und die rituelle Waschung vor dem Gebet, sondern auch durch unsere Begegnung mit anderen und die Herausforderungen des alltäglichen Lebens - eine Bemühung, die von Gott gesegnet wird.

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Laß uns Menschen werden, die sich gegen eigennützige Begierden verteidigen, indem sie sich an Dich erinnern, die gegen Selbsttäuschung und Verblendung kämpfen mit klarem Wissen von Dir, die das Feuer der Gier mit dem Wasser des Lebens löschen.

Die Anrufung wurde von Ali Zaynul-'Abidin überliefert.

(c) Halima Krausen, 2007